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Eva-Maria Böll
(geboren 1944 in Bromberg, heute Polen)

Eva-Maria ist Mutter und Großmutter.
Viele Jahre hat sie als Maskenbildnerin am Theater und beim Film gearbeitet.

Seit Eva-Maria in Rente ist, widmet sie sich mit großer Lust und Freude ihrem Treibholzprojekt.

Unser Gespräch fand am 9. Dezember 2009 in Köln statt.

 

alt
Was ist alt? Ich bin dieses Jahr 65 geworden und  ab da habe ich gedacht, irgendwie alt, 65 ist so nah an der 70. Ich fühle mich überhaupt  nicht alt, aber wenn ich mir vorstelle, dass ich in fünf Jahren 70 bin, das tut mir so leid, dass ich weinen muß.

Wo kommen diese Tränen denn her?
Ich finde ich habe noch wenig Zeit, weil ich eigentlich mein Leben gerade so schön finde. Und weil ich meine, ich wäre gerade 40 oder 50 geworden und merke wie die Zeit rast. Die Zeit ist mir zu kurz. Ich habe das Gefühl, ich will noch so viel leben. Ich habe das Gefühl, ich fange überhaupt erst an zu leben. Ich bin erst so richtig bei mir angekommen und komme immer noch mehr an. Es macht mich so traurig, dass ich die Zeit bisher nicht nutzen konnte.
Ich habe sie nicht genutzt, weil ich sehr fremdbestimmt war, zum Beispiel im Beruf oder überhaupt gesellschaftlich, weil ich Wertvorstellungen hatte, die ich jetzt gar nicht mehr habe. Das  ist das schöne am Altsein oder Altwerden. Wichtigkeiten, die ich früher hatte, habe ich überhaupt nicht mehr oder viel weniger.


Zum Beispiel?
Zum Beispiel unbedingt schön sein. Weil der Anspruch an mich immer von außen kam: du bist so schön, du bist so gut in deinem Job, du funktionierst so gut, all die Sachen, du bist so stark, du baust mich immer so schön auf. Alles Sachen wovon ich eigentlich  gar nicht viel hatte. Ich finde es ist wie ein Sog, den versuchst du zu bedienen, ich konnte mich davon gar nicht lösen, und jetzt merke ich: alt.
Ich sage immer auf kölsch: dä Lack es af. Ich finde mich jetzt nicht alt und häßlich, aber  trotzdem sage ich: dä Lack es af, insofern als ich nicht mehr Männern unbedingt gefallen will und überhaupt gefallen will, sondern mehr in das Gefühl gehe und mich frage: womit fühle ich mich eigentlich wohl, womit geht es mir eigentlich gut.

Wenn ich gar nichts weiß, kann ich wieder ganz neu etwas denken.

Mann kann ja auch sagen, früher warst du stark auf Außen bezogen und jetzt beziehst du dich mehr auf Innen. Seit wann ist das so?
Der Wechsel fing krass an, als ich mit 48 voll aus dem Rahmen fiel und meinen absoluten Zusammenbruch hatte, als ich den Bandscheibenvorfall hatte, als ich ein Jahr im Krankenhaus lag, in verschiedenen Kliniken. Also mit Ende 40 ist der absolute Wandel passiert. Schmerzen, Schmerzen, Schmerzen, Krankheit, Nicht-mehr-funktionieren-können, und  daraus hat sich auch irgendwann entwickelt Nicht-mehr-funktionieren-wollen. Daraus hat sich auch entwickelt, was-tut-mir-gut und was- tut-mir-nicht-gut? Weil vorher hatte ich die Zeit überhaupt nicht, ich mußte immer nur wie ein Hamster im Rad laufen.


 

Zwischen 48 und 65, wie würdest du diese Zeit beschreiben?
Als meine größte Entwicklungszeit, in der ich mich am meisten wahrgenommen habe, in der ich am meisten gelernt habe für mich und mein Leben, aber in der ich viele viele Schmerzen hatte. Und ich glaube, ich muß Schmerzen haben um zu lernen. Ich glaube ich bin so gestrickt. Oder ich mußte. Ich will sie jetzt nicht mehr haben. Und ich habe jetzt auch viel weniger Schmerzen.
Auch dieses Loslasssen, Loslassen von Jugend, Loslassen von Zu-den-anderen-gehören, Loslassen zu funktionieren, mein Schönsein loslassen, meine Gesundheit streckenweise loslassen. Aber irgendwie hat sich auch durch die ganzen Schmerzen etwas entwickelt, was ich  vielleicht sonst nicht gelernt hätte, nämlich streckenweise Einsamkeit akzeptieren, durch die Einsamkeit Sachen begreifen, die ich sonst nicht begriffen hätte, dankbar sein, bescheiden sein, bescheiden, dankbar, bescheiden, dankbar und nochmal dankbar.


Das ist spannend, was wir als alt werdende Frauen Neues erleben.

Altwerden hat für mich auch ein großes Stück Befreiung, aber auch natürlich irgendwo ein Stück Angst. Angst vor dem: wie komme ich vom Leben zum Tod? Nicht Angst vorm Totsein. Ich habe durch meine Krankheiten viel Erfahrung gemacht in Krankenhäusern und weiß, wie man heutzutage im Krankenhaus behandelt wird. Es ist zu wenig Zeit da, zu wenig Zuwendung, zu wenig Trost, zu wenig was einen aufbaut. Ich habe Angst davor und hoffe, dass ich eines Tages einfach umkippe und von jetzt auf gleich tot bin und nie in so eine Situation komme. Und wenn es dann doch anders kommen sollte, dann wünsche ich mir, dass ich dann auch das lerne hinzunehmen und zu akzeptieren.
Ich lebe im Moment sehr intensiv mit dem Altwerden, in Anführungsstrichen, ich bin viel mehr bei mir, mehr als vorher, und mir macht mein Leben Spaß. Ich habe angefangen Theater zu spielen, ich mache Yoga, ich mache meine Kunstausstellungen. Also mein Leben ist richtig angenehm für mich im Moment. Und trotzdem muß ich weinen, vielleicht auch für so ein Stück ungelebtes Leben, was nicht nachzuholen ist und was unwiederbringlich vorbei ist.
Ich habe natürlich auch großes Leid mit meinem Sohn gehabt, der drogenabhängig wurde.


Vor wieviel Jahren?
Der ist jetzt 44 und fing mit 17an, süchtig zu sein, Heroin mit 24. Also die ganze Zeit der Sucht begleitet mein Leben und hat mein Leben sehr stark beeinflußt, mindestens 25 Jahre lang. Und dadurch, dass ich diese 25 Jahre so gelebt habe wie ich sie gelebt habe, kann ich jetzt ohne Schuldgefühle loslassen. Jetzt lebe ich mein Leben und jetzt geht es mir besser.
Ich bin auch sehr viel lustiger als ich war als ich jung war. Ich lache manchmal wirklich total über mich selbst. Zum Beispiel wenn ich merke ich bin so vergesslich. Ich treffe einen auf der Straße und sage, ich hab dich doch eben noch mit dem Fahrrad gesehen, do sät dä, dat war jestern, da muß ich total lachen. Oder ich war auch schon mit Pantoffeln am Chlodwigplatz, ich lach viel über mich selber und denk: och jo, irjendwie bes du äver nett.
Mein Enkel sagt immer: Oma du bist verrückt, weil ich so anders bin als andere, die er kennt in meinem Alter. Also eigentlich hat Altwerden viel Befreiendes, viele Sachen, die nicht mehr sein müssen, die ich nicht mehr will, wo ich mich früher unheimlich für angestrengt habe. Ja, das war anstrengend früher. Jetzt finde ich es nicht mehr so anstrengend, sondern viel gelöster. Ich bin viel gelassener, und ich freue mich wirklich über jeden Menschen, der mir einen liebevollen Satz sagt, der mich mag. Aber ich will überhaupt nicht mehr jedem gefallen, und mich soll auch gar nicht mehr jeder nett finden. Ich werde auch immer frecher.
Ich werde auch wilder. Ich sage Sachen, wo andere sagen, also wie kann die denn jetzt sowas sagen, so tabulos.

 

Früher habe ich oft gedacht, ich kann da Einfluß nehmen.

wild
Warst du nicht immer schon irgendwie wild?
Du kennst mich ja schon lange, ich war das immer schon, aber jetzt bin ich es bewußter. Ich weiß, das  ist ein Teil von mir, aber ich habe das früher nicht so wahrgenommen. Mein Enkel, der  zehnjährige, der guckt mich an und steht vor mir und der findet das irgendwie gut und sagt dann: Oma, du bist verrückt. Ich fang zum Beispiel einfach an zu tanzen, das hätte ich mich früher nicht getraut, dann guckt der mich an und sagt; Oma hör auf, denn das ist ihm eigentlich peinlich, aber er findet es auch irgendwie gut. Ich versuche dem zu zeigen so wie ich schon immer war, dass es wichtig ist, wie du dich fühlst. Wenn du gegen dein Gefühl lebst, dann geht es dir nicht gut und denen um dich rum auch nicht.

Von außen gesehen ist wild ein Begriff, der auf dich zutrifft, ob du dich wild gefühlt hast, das weiß ich natürlich nicht.
Nein nicht so richtig. Jetzt fühle ich mich wilder. Ich merke einfach mehr, was mit mir ist als früher. Früher war ich in so vielen Sachen, Beziehungen, Männer, Ehe, Kinder, Beruf, alles auf Schienen, und ich muß jetzt auf gar keine Schiene mehr, ich kann jetzt wirklich tun was ich will. Das mit meinem Treibholz, das ist für mich wild.

 

Beschreib doch bitte dieses Treibholzprojekt.
Das Projekt fing an vor ungefähr fünfzehn Jahren als ich nicht mehr arbeiten gehen konnte und Zeit hatte, da ging das los. Ich bin immer am Rhein entlang gegangen, stundenlang, heute noch, über die Südbrücke am liebsten bis hinter die Rodenkirchener Brücke bis es zum Militärgebiet geht, oder hier auf der Seite bis hinter Porz-Zündorf.

 

Manchmal gehe ich im Sommer morgens um elf hier los und komme abends um elf zurück und bin nur draußen. Ich setze mich zwischendurch an den Rhein und mache Picknick, ich bin am liebsten immer unter freiem Himmel.

Nimmst du einen Rucksack mit?
Ja, mich siehst du nie ohne Rucksack.

Und was ist da drin?
Wasser, Wasser, Wasser, mindestens eineinhalb Liter, eine Banane, ein Butterbrot oder gekochte Hirse mit Paprika, gesunde  Ernährung, etwas zu schreiben, und mein Schnitzmesser ist immer dabei. So verbringe ich Tage lang am Rhein. Und wenn du mir einen Urlaub schenken würdest nach ich weiß nicht wohin, ich gehe lieber am Rhein entlang mit meinem Rucksack und bin abends hier in meiner  Wohnung. Ich fühle mich damit total wohl. Ich finde mich in dem Treibholzprojekt selbst so wieder wie in nichts anderem. Ich kann laufen und bin unter freiem Himmel und kann schnitzen, also ich habe körperliche Arbeit.

Und wie findest du das Treibholz?
Überall. Am Rheinufer oder oben am Weg, ganz unterschiedlich. Wenn Hochwasser ist liegen da so richtig breite Haufen, aber du findest immer irgendein kleines Stöckchen. Hölzchen und Stöckchen, und das kommt dann in meinen Rucksack. Manchmal komme ich mit viel nachhause und manchmal mit weniger. Ich komme mir oft echt vor wie eine Nomadin. Ich würde auch am liebsten in einem alten dicken  Riesenzelt leben, mit Teppichen, wo es schön warm ist.

 
 

Du bist wahrscheinlich eine Großstadtnomadin. Das ist ja auch so was wie Streunen was du machst.
Ja. Ich bin unter Leuten und trotzdem allein. Und vom Wohlfühlgefühl könnte ich mir auch vorstellen draußen zu schlafen und immer weiter zu ziehen, aber ich habe Angst überfallen zu werden, und mit meinem Rücken kann ich das auch nicht.

Ich wußte selbst ganz lange nicht wer ich überhaupt bin.

 

Also dann kommst du mit den Hölzchen und Stöckchen hier bei dir an.
Ja, zum Teil schnitze ich auch schon am Rhein, das gröbste mache ich am Rhein. Also ich mache die Stöcke glatt, alle Knoten weg, ich will alles ganz glatt.
Mir geht es ums Fühlen. Fühl mal den und fühl mal den! Fühlst du den Unterschied?
Die sollen ganz glatt sein, aber die Ursprungsform behalte ich bei. Das ist ordentlich Arbeit, und manchmal tut mir nicht nur das Handgelenk weh, sondern der ganze Rücken. Ich arbeite mit einem Opinel Messer, und meine Tochter hat mir jetzt zum 65. Geburtstag ein neues Opinel geschenkt, das hat sie aus Frankreich mitgebracht. Das andere habe ich schon seit zehn Jahren. Ich habe das nie schleifen lassen weil ich Angst vor scharfen Messern habe.
Ich sitze oft stundenlang am Fluß und schnitze, und dann gehe ich nachhause und bin total zufrieden. Der Tag ist dann zu Ende.
Ich gehe zum Schnitzen und Schmirgeln auch oft in den Park, weil es sehr viel Schmutz macht und ich ja kein Atelier habe. Das ist ganz schön im Park, weil da immer Kinder kommen und fragen: was machst du denn da? Da schnitze ich und schmirgele stundenlang und erzähl den Kindern was ich mache und zeige ihnen Fotos vom Endprodukt und lade sie auch zu den Ausstellungen ein. Die Erwachsenen gucken meist nur und trauen sich nicht zu fragen. Da mach ich mein Ding im Park, aber immer so mit mir alleine, und ich  bestimme meinen Rhythmus und meine Zeit und meine Lust, und das genieße ich total.
Deswegen lasse ich mir auch keinen Druck von Galerien machen. Das Arbeiten mit dem Holz ist für mich wie Heilung, wie Medizin. Eigentlich bin ich ja ein hibbeliger Mensch und will mich immer nur bewegen, wenn ich aber dann hier nachts sitze, an diesem Tisch mit diesem Lämpchen und punkte, also weißt du was, so stell ich mir Meditation vor, mein Kopf wird dann leer. Wenn ich hier bei dem Punkten bin, dann geht alles aus meinem Kopf weg. So stell ich mir vor wenn ein Kind spielt, dann ist es auch nur hier bei seinem Spiel, so fühle ich mich.
Ich nehme mir die Arbeit nicht vor, ich kriege Schübe. Das ist wie ein Schub und geht los, das lenke ich nicht, das passiert einfach. Das ist manchmal wie manisch, weil ich dann bis nachts um fünf hier am Tisch sitze und male und punkte.

 

Aber bevor du punktest malst du die Stöckchen an.
Unterschiedlich. Den meisten gebe ich eine Grundfarbe, aber vielen auch nicht.  Ich male mit Acrylfarbe, die ist wasserunlöslich. Ich habe nicht wirklich ein System, aber  je länger ich arbeite um so mehr kommt sowas wie ein System zustande. Früher habe ich immer nur eines sehr umständlich fertig gemacht, aber ich werde immer professioneller, und jetzt grundiere ich manchmal zehn in einer Farbe die mir gefällt, die trocknen dann und dann fange ich an zu punkten.
Oft kann ich gar nicht aufhören. Ich bin hinterher immer total zufrieden, so als hätte ich Sport gemacht, dann bin ich so angenehm leer.

 

Ich kann jetzt wirklich tun was ich will.

Danach kannst du dann gut schlafen.
Nein, schlafen kann ich schon ganz lange nicht wirklich gut. Ich habe Durchschlafstörungen. Aber ich bin zufrieden und innerlich ruhig wenn ich gepunktet habe.

Jetzt hast du hunderte von Stöckchen in allen Größen und Längen.
Ja, und aus den fertigen Hölzchen und Stöckchen arrangiere ich Skulpturen.

 

Wenn wir jetzt weitermachen bei wild, was findest du da noch in dir?
Ich bin ja im Seniorennetzwerk Südstadt, und da ist alle 14 Tage tanzen, und da  fühle ich mich manchmal wild. Wenn ich da loslege, also so habe ich als junge Frau nie getanzt. Da fühle ich mich total unbeschwert und unbeobachtet. Wir tanzen am hellichten Tag ohne Alkohol auf die Musik, die wir gut finden, und da tanze ich manchmal ganz wild.
Ich bin dann hinterher total entspannt und glücklich. Das ist spannend, was  wir so als alt werdende Frauen Neues erleben im Gegensatz zu früher. Oder was man wahrnimmt.

 

Eigentlich hat Altwerden viel Befreiendes.

Und warst du nicht auch wild im Zusammenhang mit Männern?
Ja, aber ich würde eher sagen unüberlegt und rücksichtslos, auch auf mich selbst bezogen. Ich habe viel Alkohol getrunken im Zusammenhang mit Männern bei den ersten Begegnungen. Wenn ich dann in einer Beziehung war würde ich nicht sagen, dass ich wild war. Aber immer dann, wenn ich den Mann nicht kannte und unsicher war, habe ich das unbewußt mit Wildheit kaschiert. Darüber weine ich heute eigentlich. Darüber, wie ich manchmal war und wie ich mir selber zugesetzt habe und anderen vielleicht auch. Aber dann sehe ich, dass ich mich total entwickelt habe. Aber mit Männern war es so wild auch gar nicht.

 

Mir schien es immer so.
Also ich war nach außen hin bestimmt ganz anders als ich mich selbst empfunden habe. Ich wußte selbst ganz lange nicht wer ich überhaupt bin und wie ich bin. Ich war im Grunde das schüchterne Mädchen. Ich mußte 50 werden bis ich selbst mal äußern konnte, ich bin schüchtern, oder, ich bin traurig, ich habe Angst, ich bin einsam, das hätte ja nie einer von mir gedacht, und das wollte ja auch keiner von mir denken.

Du selbst ja auch nicht.
Ich selber habe mich nicht getraut. Erst als ich krank wurde und Zeit hatte in mich reinzuhören, und als ganz viel über mir zusammengebrochen ist, da hatte ich die Chance.

Magst du dich heute?
Ja, ich mag mich sogar sehr.

Die Zeit ist mir zu kurz.

weise
Was fällt dir zu weise ein?
Manchmal denke ich, ich weiß ganz viel und dann denke ich wieder, ich weiß gar nichts. Und das  finde ich eigentlich auch gut. Denn wenn ich gar nichts weiß, kann ich wieder ganz neu etwas denken. Ich habe schon oft Momente gehabt, da war ich 35 oder 45 oder 50, und dachte, jetzt weißt du es aber wirklich, und heute weiß ich, ich wußte gar nichts.
Und vielleicht denke ich heute auch manchmal, ich weiß es und weiß eigentlich gar nichts.  Ich kann heute einfach denken, du mußt ja auch gar nichts wissen. Du bist einfach nur da und fühlst dich wohl, was will ich denn mehr?
Also ich denke immer mehr, ich muß nichts und ich will nichts. Ich will einfach nur sein. Ich will dir nichts vormachen, mir nichts vormachen, keinem was vormachen. Ich will möglichst pur empfinden wie es ist, und es möglichst auch so akzeptieren und nichts forcieren.
Also früher habe ich oft versucht Sachen zu forcieren, egal in welche Richtung, ob das jetzt jobmäßig war, oder wie ich aussehe, oder wie ich auf Menschen wirke.

Aber lass uns nochmal zurückkommen auf das Wort weise, hast du einen Bezug dazu?
Ja manchmal denke ich schon, dass ich was davon habe. Zum Beispiel sich zurückzunehmen. Du kennst mich ja schon lange, ich kann immer noch gut reden und intensiv sein, aber ich kann mich jetzt auch gut zurücknehmen, das konnte ich früher weniger.

Also früher warst du gnadenlos spontan.
Ja, und das bin ich jetzt nicht mehr. Ich  bin immer noch spontan, aber nicht  gnadenlos. Manchmal denke ich, also jetzt hältst du dich mal komplett zurück und ziehst dich zurück .

Fühlst du dich manchmal weise?
Ja, das hat für mich damit zu tun, Groll wegzutun, zu verzeihen, zu verstehen, dass wir alle nur Menschen sind und alle nur das können, was wir können. Versöhnung. Und vor allem, ich kann ja gar nichts ändern. Ich kann mich einfach nur selbst bemühen, und um mich herum kann ich gar nichts ändern. Früher habe ich oft gedacht, ich kann da Einfluß nehmen, ich kann was erzwingen, was forcieren, aber es geht alles nicht. Und ich kann auch keinen Umweg gehen. Ich muß meinen Weg gehen. Ich glaube für mich ist der auch richtig. Annehmen und viele Illusionen verlieren, die ich hatte. Ich habe keine mehr. Einfach nur gucken. Ja, so ist es. Und damit versuchen zu leben, so gut es geht.

 

 
 
   
 
 
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