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Florian Fischer
geboren 1940 in Niesky/Lausitz
gestorben 2015 in Berlin

Florian ist Vater von drei Kindern.
Er begleitet Menschen im Wandel.
Florian Fischer lebt in Berlin und Rodalquilar, Naturpark Cabo de Gata-Níjar.

Wir trafen uns zu diesem Gespräch am 14 Februar 2010 in Rodalquilar.


Ein Stein für »alt«, einer für »wild« und einer für »weise«.
Ich finde das Alter das Wilde, ich finde das eine wilde Geschichte.
Zu »alt« fällt mir als erstes ein Zitat von Katharina, meiner Frau, ein. Wenn jemand sagt: „Ohje, jetzt werde ich aber alt“ oder übers Altwerden klagt, dann sagt sie: „Wollten wir jung sterben oder wollten wir alt werden? Also!“  Ich selbst wollte immer so 90, 93 werden, und habe mich damit wohl gefühlt. Denke natürlich dabei, dass ich mit 90 einigermaßen geistig rüstig bin.

Wie kommst du auf diese Zahl?
Keine Ahnung. Es ist 90 plus etwas, also 95 kommt gar nicht vor, es ist 90 plus etwas. Das denke ich seit ich darüber nachdenke, was könnte das Alter für mich bringen. Also schon ganz lange. Und ich denke, dass ich keine Angst vor dem Tod habe. Auch wenn ich morgen sterbe, hätte ich heute keine Angt - was man so denkt über den Tod: wenn ich sterbe, sterbe ich, ist auch in Ordnung.
Wenn ich jetzt nicht 90 werde, wäre es auch egal, aber ich würde gerne 90.
Und dann kam, dass ich fast gestorben bin. Bis dahin dachte ich immer, wenn ich sterbe, werde ich leicht sterben. Aber - ich habe gekämpft wie ein Löwe. Ich merkte ich sterbe, also deutlicher kann man es nicht merken, ein sehr schwerer Herzinfarkt. Und ich habe gekämpft wie ein Löwe, so dass der Arzt sagte: „Spinnt der Mann?, bringt den Mann zur Ruhe!, ich halte das nicht aus!, ich kann ihn nicht behandeln.“ Das war der Notarzt. Ich habe gesungen, gesungen, ja, um mein Leben gesungen gegen den Tod: „Du bleibst da, auf der anderen Seite!!“ Ich habe gesungen wie verrückt.


Also gesungen in Wirklichkeit, das ist jetzt keine Metapher.
(Florian singt Töne)…. Ja, so. So doll ich konnte, dabei geschissen und gepisst und gekotzt, alles raus, ich war am Ende, das lief alles raus, kalter Schweiß, alles raus, so wie es ist, wenn man stirbt. Ich weiß nicht ob ich so eine kräftige Stimme hatte in dem Moment, aber ich habe gesungen, was das Zeug hielt. Ja, über den Tod kann man viel denken, aber das bestimmt sich selbst, was man dann tut, wenn man dran ist.

Wann war das?
Das war 1994.

 
Man kann viel über den Tod reden, aber im Moment des Todes ist es eine ganz eigene Dynamik.

Wie alt warst du damals?
Da war ich 54. Ist so ein typisches Alter, wo man das kriegt. Die Ärzte haben in der Nacht zu Katharina gesagt: „Sie können nachhause gehen, der überlebt das nicht, Sie brauchen nicht dabei zu bleiben.“ Sie hat gesagt: „Ich bleibe dabei, der bleibt leben.“ Sie hat da gesessen und ist dabei geblieben. Ich habe es überlebt.
Es hat dann lange gedauert. Ich war erst nicht transportfähig, kam dann nach sechs Wochen in die Herzklinik nach Berlin. Die haben per Angiografie festgestellt, was passiert war, und dass die Herzgefäße nahezu verschlossen waren. Das hieß Herzoperation ohne Verzug am nächsten Tag, sonst kaum Überlebenschance. Die Vorbereitung: ein Assistenzarzt erklärt genau den Vorgang im einzelnen: Brust aufsägen, Herz in Eis legen, Bypässe aufnähen und alle Risiken einschließlich, nicht wieder aufzuwachen, wenn was schief geht.
Das ganze muss man unterschreiben. Ich habe gesagt: das unterschreibe ich nicht. Wenn das so ist, dass ich nicht weiterleben werde ohne das, dann ist es eben jetzt der Tod. Ich will nicht, mach ich nicht. Ich habe nicht unterschrieben, bis nachts um elf. Der Arzt kam immer wieder: „morgen früh müssen wir operieren, Sie müssen unterschreiben, es ist der einzige Termin, Ihre einzige Chance.“
Ich habe dann gedacht, ich brauche Rat. Ich brauche jemanden, der mir zuhört und klaren Rat gibt. Jemand, der nicht zappelt, also Familie, die mich erhalten will, das geht gar nicht. Schließlich: Der einzige Mensch, der das auseinander halten kann, ist Katharina, meine Frau: die hat die Fähigkeit auszuschalten, dass sie meine Liebste ist, die hat den Durchblick. Die habe ich nachts angerufen, ich habe gesagt: „Katharina, ich brauche Dich jetzt nicht als Ehefrau, ich brauche Dich mit Deiner Klugheit.“ Sie ist gekommen, hat mir zugehört und hat den ganz einfachen Satz gesagt: „Florian, die Entscheidung liegt hinter Dir.“
Und erst neulich ist mir dies als Ursprung aufgefallen, dass dies mein Leitsatz geworden ist: in allen Beratungsgeschichten sage ich: „ Mach es Dir nicht so schwer, es geht nicht um eine Entscheidung, die vor Dir liegt und die so oder anders sein könnte, sondern Du brauchst nur konsequent den nächsten Schritt zu tun von dem aus, was Du vorher getan hast, und unbewusst hast Du die Entscheidung längst getroffen. Die Entscheidung liegt hinter Dir.“
Katharina hat damals gesagt: „Jetzt ist es doch nur eine technische Sache, es geht jetzt gar nicht um Leben oder Tod. Um Leben oder Tod ging es, als Du gesungen hast, und da hast Du Dich gegen Tod entschieden. Die Entscheidung liegt jetzt hinter Dir. Jetzt ist es nur eine Fortführung der Entscheidung.“


 

Ahhh! da war ich so erlöst. Und dann habe ich unterschrieben und habe vier Bypässe gekriegt. Und sowie ich wieder Stimme bekam, habe ich wieder angefangen, Obertöne zu singen. Das hat mir die ganze Zeit, auch in der Reha, sehr geholfen.
Also Alter hat für mich auch mit Tod zu tun. Da habe ich erfahren, man kann viel über den Tod reden, aber im Moment des Todes ist es eine ganz eigene Dynamik. Und drum habe ich eigentlich nach wie vor keine Angst. Entweder ist es mir dann leicht, oder ich kämpfe wieder, ich weiß es nicht.
Dann fällt mir noch ein zu „alt“, dass es mir zu einem Essential geworden ist, dass ich älter geworden bin als mein Vater geworden ist. Mein Vater ist mit 64 gestorben, und als ich 65 wurde, ooh! das fand ich wunderbar, das fand ich so toll.

Und sowie ich wieder Stimme bekam, habe ich wieder angefangen, Obertöne zu singen.

 

Hattest du während der Zeit, als du 64 wurdest, auch damit zu tun?
Ja, das war mir ganz bewusst, ich nähere mich dem Datum, das ist eine Scheide, ein  Drüberhinausgehen. Ich war mit meinem Vater so verbunden, dass ich dachte, ich kann an seiner Statt oder an ihm etwas gut machen. Ich bin sicher, er hat Freude an mir und an uns und an dem, was wir hier aus dem Erbe gemacht haben, ich kann sein Versagen irgendwie gut machen, ich kann statt seiner alt werden. Komischerweise hat das Alter meiner Mutter gar keine Rolle gespielt.

Die ist wahrscheinlich auch älter geworden.
Nein, sie ist vorher gestorben, sie ist mit 61 schon gestorben und mein Vater kurz danach mit einem viertel Jahr Abstand.

Was glaubst du, was es ist, wenn wir dem Sterbealter unserer Eltern Bedeutung beimessen?
Ich habe es energetisch erlebt. Meinen Vater überlebt zu haben, hat mir Stärke gegeben, Freude. Ich deute es gar nicht. Ich habe es gespürt.
Und dieses Jahr werde ich 70, und es passiert mir, dass ich das in vielen Gelegenheiten erwähne und betone und es mir bewusst ist. Oft, in vielen Zusammenhängen, bin ich der älteste, was mir eine ganz ungewohnte Erfahrung ist, aber in der Regel bin ich immer noch der Vorlaute, was in dieses Ding »wild« passt, so irgendwie keck und vorlaut zu sein.
Ich sitze bei allen Veranstaltungen noch auf der vordersten Kante, muss mir schwer Mühe geben, nicht immer der erste zu sein, wenn es um Wortmeldungen geht, oder zwischen den Reden auch, wenn ich spüre, es würde die Sache beleben, jetzt mal eine Zwischenfrage zu stellen, weil alle so nicken, und der sagt was und alle nehmen es hin. Es treibt mich, es treibt mich, dass ich nicht Ruhe geben kann, was in  der Regel dazu führt, dass ich mir immer noch was vornehme und noch was anfange und noch ein Projekt anzettele, wo ich aber jetzt überwiegend enttäusche, weil ich es nicht durchziehen kann.

Wieso nicht?
Da spüre ich mein reales Alter. Ich werde früher müde, mein Tag ist kürzer, weil ich länger Mittagsschlaf halte. Früher habe ich in die Nacht hinein gearbeitet, heute nicht mehr. Also dieses ganz normale physische Altern spüre ich. Ich spüre es in meinen Knochen, Gelenken. Ich werde unbeweglicher, brauche länger nach dem Mittagsschlaf, wenn ich mit Katharina Tavli dh. Backgammon spiele, dass ich keinen Fehler mache. Also ohne Tee nach dem Mittagsschlaf komme ich überhaupt nicht hoch, da bin ich erstmal geistig behindert.


Du beschreibst wie du dich wahrnimmst, nun die Frage: macht das was mit dir? bewertest du es? wie kommst du damit klar?
Ich sprach grade mit einer Freundin drüber, die fünf Jahre älter ist als ich und die sagt: Wie verantwortlich fühlt man sich für seinen Körper, der offensichtlich altert? Tut man was, fühlt man sich verantwortlich, damit aktiv umzugehen, oder macht man es, wie sie es von ihrem Bruder sagt, der sagt, das ist Sache der Ärzte und hört überhaupt nicht hin. Der wird 80 dieses Jahr, und es geht ihm wohl recht schlecht. Sie sagt, er fühlt keine Verantwortung für seine Gesundheit. Und sie fühlt eine ganz hohe Verantwortung. Ich habe gesagt: „Ich fühle auch ein bisschen wenig: ich mach keine Gymnastik, ich mach keinen Sport, ich mach kein Yoga.“

 

Für Katharina, meine Frau, ist es absolut lästig, wenn ich mich weise gebärde.

 

Achtest du auf gesundes Essen?
Ja. Die Ernährung ist ganz bewusst und ganz gesund. Damals die ersten drei, vier Jahre nach dem Herzinfarkt habe ich auch rigoros das Essen betrieben, vegetarisch und fettfrei und eine bestimmte Diät, kein Tropfen Fett, ich war auch schön schlank und hatte enorm gute Cholesterinwerte, aber das ist lange her. Wir essen wenig Fleisch, dafür gerne Fisch. Woanders esse ich, was es gibt und mit Freude. Wir kochen nur frisch, keine Konserven.

Fühlst du dich denn gesund?
Nein. Ich merke, dass ich schnell ermüde. Ich bin so steif. Ich kann mich schlecht bücken. Ich habe Mühe, meine Schuhe zuzubinden, meinen Gummistrumpf anzuziehen. Seit vielen Jahren trage ich einen Gummistrumpf  wegen Venen-Problematik. Ich bewege mich schlecht.

Das kannst du ändern, das weißt du.
Ja, aber ich tue es nicht. In Berlin sind wir mal eine Weile zum Yoga gegangen. Tut mir gut, wenn ich mit Katharina gehe, aber allein, wenn ich alleine war, bin ich prompt nicht hingegangen. Ich hatte so viel anderes zu tun. Und auch hier im Dorf, was wohl ein heftiges Yoga ist, was Shirin, unsere Tochter, mit großer Leidenschaft macht, gehe ich nicht hin.
Manchmal laufe ich. Da war so eine Art Weisheitsvortrag von einem gewissen Andreas Glock, der hat stark propagiert, für das Körpergewicht jeden Morgen zu laufen, mit einer viertel Stunde beginnen. Habe ich angefangen, da wurde aber gleich eine Stunde draus, also ich laufe gut und gerne, straff gehen, zügig spazieren gehen, rennen kann ich nicht.
Ja, ich habe eine gewisse Verantwortungslosigkeit, die sich in physischer Beschädigung niederschlägt, die ich spüre.
Und sonst liegt´s dran: da gibt´s immer neue Projekte.
Jemand stirbt. Eine alte Freundin, 92, bis ins hohe Alter eine ganz, ganz lebhafte Frau, sehr forsch, sehr eigenständig, ja eigenwillig, aber – mal in den Arm nehmen war nicht. Dann hat sie zwei Schlaganfälle bekommen, als ob das Gehirn Inseln der Leere bekommen hätte, zwischendurch ganz wach aber mit riesigen Ausfällen. Das zu beobachten, man konnte in Tränen ausbrechen, wie diese Frau, ehemals mit so einem Standing, im Bewusstsein ihrer Ausfälle litt, wie die schwach wurde und endlich auch Zärtlichkeit zulassen konnte, die auch gesucht hat, das war ergreifend.

Aus diesem Kontrast will ich ein choreografisches Tanzstück konzipieren. Die Töchter haben eine Stunde die schadhafte Sprache und das verzögerte Verstehen ihrer alten Mutter aufgenommen, eine ganz langsame Sprache, es muss sieben Mal nachgefragt werden, alles ganz langsam. Das zu kontrastieren mit der extrem kräftigen Präsenz von vorher. Eine Frau, die herb war, und dann diese Zärtlichkeit und die Weichheit von Sprache, die Wandlung in Geduld und Erduldung.

Hast du schon ein Konzept dazu ?
Es ist in meinem Kopf, eigentlich muss ich es nur schreiben, ich habe es der Familie versprochen, ich habe die CD mit der Aufnahme.

 

Aber die Verstorbene war nicht Tänzerin.
Nein, das ist gerade wichtig. Fern von Erotik und Körperlichkeit, sie war reines politisches Standing, theologisch studiert, sie war Pfarrerin. Das zu übersetzen… Eros des Alters, des Vergehens.
Noch ein anderes Bild zu »alt«, das ich im Kopf habe:
wir waren in Griechenland, Insel Ägina, zu Gast im Haus einer alten Freundin. Ich glaube, sie war damals so an die 80. Das Haus an der  Steilküste, unten das Meer, ein quasi Privatstrand. Einmal, als wir zusammen schwammen mit der Freundin, tauchte ich mit Tauchbrille, die Sonne schien, alles war hell unter Wasser, so rein, dann sah ich, wie bei dieser alten Frau die alte Faltenhaut im Wasser in Bewegung war, in wunderbarer Wellenbewegung. Das ist bis heute ein unauslöschliches Bild von einer Schönheit des Alters.

Ich habe keine Probleme, mir helfen zu lassen.

 

Du warst jung damals.
Ich war damals Mitte 30. Ich war so fasziniert. Ich habe seit frühester Jugend immer sehr viel ältere Freunde gehabt. Das ist auch so ein Aspekt meines Alters, 10, 20, 30 Jahre ältere, sehr gute Freunde. Heute nicht mehr, naturgemäß.

Ich möchte noch mal zurückkommen zu »wild«. Empfindest du dich als wild, findest du, wild passt zu dir?
Na ja, es passt dann, wenn ich in die Situation komme, wie ich jetzt zwei Mal gekommen bin, wo man mich in einen Vorstand berufen will, weil ich mich heftig in Entscheidungen eingemischt habe und zwei Mal für sehr schöne Begleitprogramme für Mitgliederversammlungen gekämpft habe. Aber Vorstand?
Ich habe gesagt: niemals kommt das für mich in Frage, ich bin absolut unzuverlässig, ich bin undiplomatisch, ich bin provozierend, ich tauge nicht für ein funktionales Amt, das einer Formalität genügen muss. Ich bin ein Querdenker, ich bin konstruktiv, ich bin aktiv, ich bin hilfreich, ich bin überaus kommunikativ, aber in einer quasi wilden Form. Das ist für Projekte sehr hilfreich, aber wenn es dann darum geht, es in Reihenfolge zu bringen, dafür bin ich untauglich. Das ist sicher ein Aspekt von »wild«.

Warst du immer so?
Ja. Das ist sicher auch der Grund, wieso ich nicht Karriere in dem Sinne gemacht habe. Immer wieder kreuzt dieser Gedanke widrig in meinem Kopf, soll ich nun sauer sein oder soll ich mich nun endlich mal damit abfinden, dass ich keine Professur, um die ich mich beworben habe, gekriegt habe. Es ist aber, weil ich einen Ruf als Querkopf habe, nicht nur Querdenker, das wäre ja noch gut, aber ich bin auch ein Querkopf, der die Menschen provoziert, der das Licht auf Fehler wirft, dann denken die, ein Besserwisser, aber ich bin es nicht, sondern sehe mich immer im Dienste der Sache, denke ich. Aber ich mache es undiplomatisch, oft.

Das hieße ja, dass deine Wildheit dir deine gesellschaftliche Karriere vermasselt hat.
Ja. Ich habe zwar zwei Mal erfolgreiche Agenturen gehabt, aber besonders im zweiten Fall, wo das auch geschäftlich wirklich erfolgreich über mehrere Jahre war, war es nur, weil ich einen Partner hatte, der völlig anders war als ich.

 

Und der konnte mit deiner Wildheit.
Ja, wir haben uns wunderbar ergänzt, wir sind uns bis heute sehr wohl gesonnen, es ist eine Art Freundschaft. Ich habe nie einen loyaleren Partner gehabt als ihn. Wir sind menschlich ganz unterschiedlich, vertrauen uns, und sehen uns bis heute regelmäßig, auch seit jeder ganz eigene Wege geht. In der Agentur war ich komischerweise der diplomatischere, der umgänglichere. Er ist kommunikativ etwas karg, aber fachlich absolut tüchtig. Ich war intern für die Personalpolitik zuständig, ich war der Liebe und er der Böse, aber er war strikt und straight. Wir waren geschäftlich super erfolgreich und gestalterisch auch, haben viele Preise und Wettbewerbe gewonnen, es war sehr toll, aber nur weil so einer mit mir war. Als ich Agentur und Partnerschaft verließ, hat er mir mit Kunden und Mitarbeitern ein wunderbares Abschiedsfest gestaltet.

 

Ich kann wunderbar jemanden durch eine Krise führen, aber ich selbst kann mir nicht helfen.

 

Das war nach dem Herzinfarkt als du raus gingst.
Ja. Nach einem Jahr Jahr Reha habe ich dann ein Jahr probiert, mich wieder einzuarbeiten, halb zu arbeiten, Sachen zu delegieren. Wusste aber schließlich nicht, wie weiter. Ich brauchte Rat. Das war dann eine sehr tolle Erfahrung für mich:
Ich habe mich an jemanden gewandt, den ich nur knapp kannte, der hatte mir mal vor Jahren gesagt, „Du, wenn Du mal in Entscheidungs-schwierigkeiten kommst, ich hab die Gabe, Menschen da zu führen.” Ich wusste nur ungefähr, was der machte und habe ihn angerufen. Dann haben wir an einer Hotelbar, ich glaube, drei Stunden gesessen. Der hat mich drei Stunden am Reden gehalten, hat selbst ab und zu erstaunliches gesagt: „ich gebe nur wider, was Du selbst sagst, ich halte Dir nur den Spiegel vor“. Nach drei Stunden war glasklar, zu meiner größten Verwunderung, ich will so schnell wie möglich und zu hundert Prozent raus aus der Agentur. Und ich hatte die Agentur geliebt, ich war den Mitarbeitern mit meinem Herzen zugetan, das wussten die auch, das spürt man. Neulich war ein Ehemaligentreffen, das war ergreifend. Ich habe die Arbeit geliebt, wir waren erfolgreich, wir haben gut Geld verdient, aber – es oder der Begleiter hat mich zu dem Punkt geführt: raus! Das war fantastisch.

Würdest du sagen dass diese Entscheidung etwas mit wild zu tun hat?
Nein, nein, nein, diese Entscheidung war das Gegenteil, das war die größte Beruhigung und in die Tiefe kommen, in die tiefste Substanz meiner Energie, meiner Fähigkeit, meines Michfindens. Wild nicht. Ich hätte weitergemacht, der Wilde hätte weitergemacht.

Wie könntest du diesen Anteil nennen, hast du einen Begriff, ist er der weise Teil?
Ich wollte gerade sagen, vielleicht ist es der weise Teil. Mindesten hat der eine Rolle gespielt. Eine Rolle, die ich danach als Begleiter für viele Menschen spielen konnte, aber für mich selber nicht spielen kann. Der  Schuster hat die schlechtesten Schuhe, der Psychiater braucht selbst den Psychiater, der Frisör läuft mit den schlechtesten Haaren rum. Ich will damit sagen, dass das nach außen Verfügbare von innerer negativer Erfahrung getragen ist. Ich kann wunderbar jemanden durch eine Krise führen, aber ich selbst kann mir nicht helfen.

Das ist immer noch so
Ja.

Aber du suchst dir Hilfe.
Ja. Und das hilft auch, ich lass mir helfen. Ich habe keine Probleme, mir helfen zu lassen.

 

Ich bin ein Querdenker.

 

Mir ist aufgefallen dass du an manchen Stellen ganz klar hast: jetzt brauche ich Hilfe. Und dass du dich dann intensiv darum kümmerst, wen du um Hilfe bittest, und dass du dann auch zulässt, dass man dir hilft. Ich finde das sehr beeindruckend.
Es ist ein spürbarer Grad, wenn ich mir helfen lasse und dann an den Punkt komme, wo ich die Hilfe annehme. Dann bin ich so gerührt, dass mir jemand hilft, dann muss ich jedes Mal weinen. Wenn ich merke, es kommt Hilfe, und jetzt kommt sie an, dann bin ich so ergriffen, es ist erschütternd, jedesmal.

Glaubst du nicht, dass es der Moment ist, wo eine tiefe Begegnung stattfindet?
Ja, vielleicht ist das auch das Geheimnis. Es erhellt mich, wenn ich jemanden begleite und spüre, dass in diesem Prozess, sagen wir Coaching, Erhellung stattfindet. Dann fühle auch ich mich erhellt.
Auf meiner Homepage auf der ersten Seite zitiere ich jemanden, der hat das so schön gesagt: »Florian Fischer überrascht als Coach, weil er Begleitung ernst nimmt und seinen Kunden aus ihrem eigenen Freiraum heraus eigenständige Lösungen ermöglicht.«
Also es geht um Freiraum schaffen. Das ist vielleicht im Letzten impulsiert von dieser Erfahrung, selbst anzunehmen. Es ist ein enorm energetischer Moment, und vielleicht ist es spürbar für jemand anderen, dass ich das weiß.

Und du gibst Schutz.
Ja. Da ist dieser Satz, der hinter der Methode Open Space steht: the facilitater holds and protects space. Der öffnet nicht den Raum, der Raum ist offen, aber den Raum offen halten und schützen, darum geht es.

Eine Frage hätte ich noch: Bist du ein weiser Mann, Florian?
Ja.

Seit wann?
Seit ich aus der Firma raus bin, oder seit ich den Infarkt hatte, oder seit ich von außen höre: sei Du mein Mentor. Seit ich das wiederholt von außen höre, kann ich das annehmen, denn irgendwie klingt es ein bisschen blöd, von sich selbst zu sagen, ich halte mich für weise. Zum Beispiel für Katharina ist es absolut lästig, wenn ich mich weise gebärde.

Aber du wirst als weise wahrgenommen und nimmst es an.
Ja.

 

Bringt das Verantwortung mit sich?
Ja, es bringt, es schenkt mir Verantwortung. Diese Verantwortung zu bekommen, ist ein Geschenk. Ja es bringt. Und wenn man leichtfertig damit umgeht, das passiert ja durchaus, dass man als weise definierter mit einem Mal Weisheit verbreitet, dann ist es absolut lästig. Diese Weisheiten mögen zwar weise fundiert sein, sie aber im falschen Moment und ungefragt zu äußern, das ist kontraproduktiv.

Diese gebrachte Verantwortung, freut die dich?
Ja. Die ehrt mich. Ich bin manchmal zu scheu, zu schüchtern, zu zimperlich, sie richtig anzunehmen, den Moment zu erkennen,  wenn es dran ist, ja, da ist eine gewisse Unreife, damit umzugehen.

 

Ich selbst wollte immer so 90, 93 werden.

 

Aber du wirst ja auch erst siebzig, du hast ja noch gute 20 Jahre Zeit zu üben.
Ja, aber das ist nichts, was ich mir vornehme. Wenn ich es mir vornehmen würde, so alt zu werden, dann würde ich mehr für meinen Körper tun. Es ist eine Zuversicht, keine Aussicht, kein Ziel. Ich meine nach wie vor, wenn ich morgen sterbe, ist es auch vollkommen in Ordnung, für mich –  für meine Familie ist es sicher traurig – und das ist auch für mich traurig.
Ich habe den einen oder anderen Grabspruch für mich aufgeschrieben und was ich als Musik hören möchte...

.....wenn du tot bist....
...ja….( lautes Gelächter ).
 Das mache ich nicht mit großem Ernst, es macht mir Freude, ab und zu, Freude am Nachlassen...

und am Organisieren...
Als ich aus der Firma raus ging habe ich als erstes Projekt in meinen Rechner, bei mir hat alles Nummern, ein sechsstellig-dreigliedriges Nummernsystem, dann habe ich vor alle Nummern das  Projekt gestellt: SEINLASSEN, in Großbuchstaben geschrieben, wo ich sonst radikale Kleinschreibung propagiere,– aber dann habe ich gedacht, Seinlassen als Projekt ist eigentlich ein Widerspruch in sich, was will ich mir da alles vornehmen, sein zu lassen, – und konsequenterweise steht nichts drin.

Aber der Name des Projekts steht da noch und hat auch eine Nummer.
Ja.

 

Willst du uns die Nummer sagen, oder ist die geheim?
Es müsste irgendwas mit nulleins Punkt nulleins Punkt nullnull sein, weil ich es vor alles gestellt habe, aber das kann ich dir noch sagen, es ist nur ein Klick in meinem Filemaker-Programm.
Ja und dann bin ich irgendwie drauf gekommen: SEINLASSEN? Sein lassen! Das ist es, einfach so. SEIN  lassen soll dann heißen, mit Gelassenheit das Sein akzeptieren. Da arbeite ich dran.

 
Ich merkte ich sterbe. Und ich habe gekämpft wie ein Löwe.
 

Ein Text von Florian Fischer:

alte und junge   ich kenne einige alte, die sind alt, einige schon sehr alt und ich kenne einige junge, sehr junge auch, die sind einfach jung und auch sehr jung, manche der alten sind gut drauf, schon immer, besser als jeder junge, wirklich, und ich kenne einige junge auch, die sind wirklich gut, ja, da kann dieser und jener alte noch was lernen, ich selbst auch, mit vergnügen, und ich kenne einige junge, die wirken schon alt, handeln auch alt, sind borniert, wie mit verschlossenen sinnen und voller sorgen und eifer und ich kenne ein paar alte, denen gehe ich lieber aus dem wege, weil ich zufällig weiß, die waren schon immer so: besserwisser, nörgler, pedanten, solche, die sich zu hauf  aber auch unter vielen jungen finden. doch wenn man in einer gesellschaft, wie zum beispiel neulich dem hoffest der mieter hier im haus, junge und alte, bornierte und schwätzer und spannende und langweilige trifft und merkt, dass jeder und jede partiell auch ganz anders ist als man dachte,  dann wird man wieder erinnert, dass auch man selbst anders ist von fall zu fall, ja, auch borniert, auch besserwisserisch, pedantisch, je nach gegenüber, und man gewahr wird, wie das zwischenmenschliche entscheidend ist, die art des umgangs miteinander, bei allem unterschied, und was man vermisst bei jemandem, man sinnvoll selber einbringt, statt es zu fordern, dann ist es da, ganz einfach, auch für den anderen.

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