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Angelika Harztheim

Unser Gespräch führten wir am 12.12. 2014 in Köln.

 
Was fällt dir als Erstes ein, wenn du hörst "anders als früher"?
Keine Zwänge mehr. Denn immer noch regelmäßig zur Arbeit zu gehen, war, völlig unabhängig von der Bewertung dieser Arbeit, in gewisser Weise ein Zwang.
 
 

Hattest du das Gefühl von Zwang immer, oder hat es sich im Lauf der Zeit entwickelt?
Das ist schwer zu sagen. Ich glaube aber, dass Arbeitengehen immer irgendwann zu einem Gefühl von Zwang geworden ist. Auch schleichend. Ich war ja insgesamt 28 Jahre beim WDR. Und in dieser Redaktionsgruppe war ich 17 Jahre. Und das ist unglaublich lange.

Was hast du da gemacht?
Ich habe als Sachbearbeiterin in einer Redaktion gearbeitet. Ich habe mich auch immer als ganze Person eingebracht und versucht, im Rahmen aller Möglichkeiten, mitzugestalten. Ich bin kein Mensch, der nur darauf wartet, dass man ihm sagt, was er tun soll.

Hattest du denn Gestaltungsmöglichkeiten?
Ja. Aber die haben natürlich Grenzen. Und auf die Dauer traten die Grenzen stärker hervor. Und auch die Arbeitsbedingungen haben sich in diesem Haus stark verändert. Durch verschiedenste Zwänge, auch durch starke Sparzwänge in den letzten Jahren. Alles ist sehr viel schwieriger geworden. Wenn die Arbeit auf weniger Menschen verteilt wird, oder wenn viele Aufgaben aus der Verwaltung in die Redaktionen zurück verlagert werden, dann bleibt für Mitgestaltung kein großer Raum mehr. Dann ist man nur noch damit beschäftigt, das Notwendige zu erledigen. Und das ist im Lauf der Jahre immer stärker in den Vordergtrund getreten.

Wann war dein letzter Arbeitstag?
Am 28 November. Also heute genau vor zwei Wochen. Ich hatte dann erstmal eine Erkältung, die ich vorher immer rausgeschoben habe in dem Bestreben und dem Bemühen, meinen Arbeitsplatz möglichst perfekt zu hinterlassen, meine Arbeit bis zum Schluss zu erledigen und einen guten Übergang zu machen. Aber man hat ja seine Arbeit selten komplett erledigen können, also konnte das gar nicht wirklich gelingen.

Ich habe ja auch eine Abschiedsfeier gemacht. Die Reaktionen, die ich von meinen Kollegen und von meinem Chef bekommen habe, die waren überwältigend. Die haben mein Bemühen auch registriert und bemerkt und dafür Danke gesagt. Das hat mich schon gerührt. Ich habe allerdings auch das Selbstbewusstsein zu sagen, das war auch berechtigt. Ich habe meine Arbeit bis zum Schluss wirklich gut gemacht.

Hast du dich danach gesehnt, aufzuhören?
Ja. Schon. Ja. Also es hat nichts damit zu tun, dass die Arbeit unerträglich geworden wäre. Sondern es war einfach der Wunsch, etwas anderes machen zu können und Raum für neue Dinge zu haben. Mehr Zeit dem widmen zu können, was neben der Erwerbsarbeit im Lauf der letzten Jahre gewachsen ist.

Das hört sich so an, wie wenn Ruhestand für dich keine Option wäre.
Im Sinne von Ruhehaben eher nicht. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass es ja einen Grund hat, dass ich jetzt im sogenannten Ruhestand bin. Ich bin älter geworden, ich kann mir nicht mehr alles zumuten und auch nicht mehr alles zutrauen, was ich gerne machen möchte. Insofern muss ich mich immer wieder erinnern: nimm dir Zeit für die Dinge - überstürze nichts. Für mich bedeutet dieser neue Lebensabschnitt, mehr Zeit für die Dinge zu haben, die ich selber gerne machen möchte. Aus einem persönlichen Interesse heraus, oder auch aufgrund persönlicher Bindungen. Zum Beispiel zu meinen Enkelkindern oder zu meiner Tochter oder zu meiner Schwester, die 16 Jahre älter ist als ich. Da bin ich jetzt vor kurzem gewesen weil sie Unterstützung brauchte. Das alles ist jetzt Meins. Es ist nicht etwas, was mir ein Arbeitgebeber oder ein Chef gesagt hat.

Du meinst, der springende Punkt ist die Selbstbestimmung, oder?
Ja. Genau. Wobei ich mich in meiner Erwerbstätigkeit nicht ausschließlich fremdbestimmt gefühlt habe. Zum Beispiel habe ich ja auch im Lauf der Jahre persönliche Kontakte mit den Kollegen und den freien Mitarbeitern entwickelt. Und auch zu den Inhalten, die wir verbreitet haben, zu all dem habe ich ja auch eine persönliche Beziehung. Es war also nicht nur fremdbestimmt. Aber doch schon zu einem großen Teil. Wenn ich diese persönliche Beziehung zu meiner Arbeit nicht gehabt hätte, hätte ich sie auch nicht so lange machen können.

Würdest du auch von Freiheit sprechen wollen?
Das wäre mir zu unkonkret. Ich habe gegenüber dem Begriff Freiheit eine gewisse Skepsis.

Worauf bezieht die sich?
Ich finde den Begriff Freiheit manchmal sehr beliebig. Es ist natürlich so, dass ich auch weiterhin bestimmten Zwängen unterliege. Wenn ich jetzt sagen würde, ich möchte gerne eine lange Reise machen, dann muss ich mir überlegen, ob ich mir das leisten kann. Selbst wenn ich mich reduziere und keine kostspieligen Dinge machen würde, müsste ich trotzdem überlegen. Ich würde Freiheit immer gerne auf irgendetwas beziehen. Ich würde sagen, die Freiheit, meine eigenen Entscheidungen im Rahmen meines Lebens treffen zu können, da kann ich mit dem Begriff gut etwas anfangen. Oder was die Zeit angeht, die mir jetzt zur freien Verfügung steht. Das finde ich auch einen ganz wichtigen Punkt.

Vielleicht ist es ja ein Klischee, aber man hört immer wieder, dass viele in ein Loch fallen, wenn sie in Rente gehen. Könntest du dir vorstellen, dass dir das passieren könnte?
Im Sinne einer echten Lücke im Prozess, was vielleicht sogar zu einer Depression führen könnte, das eher nicht. Ich hatte ja in den letzten zweieinhalb Arbeitsjahren diesen Zwei-Wochen-Rhythmus, ich habe eine Woche gearbeitet und hatte eine Woche frei. Da gab es schon mal in diesen freien Wochen, wenn niemand da war, wenn die Freundinnen alle gerade nicht da waren, meine Tochter mit ihrer Familie nicht greifbar und erreichbar war, dann gab es Phasen, in denen ich gedacht habe: was machst du eigentlich jetzt mit deiner Zeit? Es war dann gerade kein Funke da, der mich weitergebracht hätte.

Ich habe aber diese Löcher im Nachhinein immer als sehr positiv empfunden, weil ich dadurch gezwungen war, neben mich zu treten und mir zu überlegen: was geht hier gerade ab - was läuft hier gerade? Und dann habe ich auch gemerkt, dass ich mir manchmal schon wieder neue Zwänge geschaffen hatte, um diese Löcher zu vermeiden. Und ich denke, das wird auch immer mal wieder so sein. Wenn man solche Phasen aber schon häufiger erlebt hat, dann weiß man ja: nimm sie so wie sie kommen und versuche sie zu nutzen!

Mit Loch ist ja auch Langeweile gemeint.
Ja. Im ersten Moment empfindet man es natürlich nicht als positiv. Das ist nicht angenehm. Dann muss man es einfach aushalten.

Kannst du mit dem Begriff Orientierung etwas anfangen?
Ja. Auf jeden Fall. Es ist natürlich auch wieder vielfältig. Ich würde sagen, dass ich an dem Punkt angelangt bin, an dem ich mich an den Dingen orientiere, die mir guttun und die für mich positiv sind. Das ist so der Strahl, an dem ich mich lang hangele, bei dem, was ich tue. Und ich halte auch immer wieder inne. In den letzten 14 Tagen habe ich an mehreren Punkten gedacht: hast du die Orientierung noch im Blick - ist das gerade der richtige Weg? Orientierung ist auch etwas, was aus meiner Intuition erwächst, aber wo ich auch gerne rechts und links schaue und Kontakt aufnehme, um zu gucken, ob ich auf dem richtigen Weg bin.

Was sind deine Kriterien für den richtigen Weg?
Was mir selbst guttut. Und in der Auseinandersetzung mit mir selbst. Mein eigenes Wohfühlen hat auch viel mit der Umwelt, in der ich lebe, zu tun. Ich bin ein sehr sozialer Mensch. Und nicht nur was mit meiner Tochter und mit meiner engeren Familie zusammenhängt, sondern auch was mit der Gesellschaft zu tun hat, das habe ich auch im Blick. Ich habe schon auch noch das große Ganze im Blick.

Willst du die Welt verbessern?
Das fände ich sehr vermessen. Aber ich bin an so einem Punkt und auch realistisch genug, um sagen zu können: ich möchte gerne dazu beitragen, dass es in meinem überschaubaren Blickfeld nicht schlimmer wird als es ist. Und wo es positiv werden kann, natürlich gerne auch positiv. Also das große Ganze habe ich im Blick und sehe es als Entwicklungsbedingung für uns alle. Aber ich würde es vermessen finden, die Welt retten zu wollen. Das wollte ich vielleicht mal mit 25. Aber heute nicht mehr. Ich bin realistisch geworden. Und das ist nicht negativ gemeint. Überhaupt nicht. Ich kann die Aufgaben, die ich mir selber stelle, den Möglichkeiten anpassen. Und je mehr man in seinem engeren Umfeld bleibt, umso konkreter wird es. Und desto positiver ist es, und umsomehr kann man sich auch Erfolgserlebnisse organisieren. Es gibt auch manchmal Leute in meinem Umfeld, die sagen: das machst du doch nur, um dein Gewissen zu beruhigen. Und auch das akzeptiere ich. Auch wenn ich Dinge tue, nur um mein Gewissen zu beruhigen, indem ich mich an bestimmten Aktivitäten beteilige. Ich finde, auch das ist etwas Positives. Solange ich damit keinen Schaden anrichte, will ich mir das gerne verzeihen.

Ich wollte nochmal auf deine Intuition zurückkommen. Wie funktioniert dir das mit deiner Intuition? Hast du die entwickelt, oder...
...ja, ich würde sagen, ich habe immer schon eine ganz gute Intuition für das gehabt, was mir selber guttut, und ich habe auch an bestimmten Punkten in meinem Leben danach gehandelt, indem ich mich gegen äußere Widerstände durchgesetzt habe. Aber auf der anderen Seite ist es mir erstens nicht so bewusst gewesen, und zweitens habe ich nicht so sehr an meine Intuition geglaubt. Mir ist in den letzten 15 Jahren aber sehr bewusst geworden, dass ich eigentlich ein sehr gutes Verhältnis zu meiner inneren Einstellung und zu dem, was man Intuition nennt, habe. Ich habe gelernt, diese innere Stimme zu akzeptieren und mich an ihr zu orientieren. Und das finde ich sehr gut.

Wenn ich dir zuhöre, habe ich den Eindruck, wie wenn du innen und außen ziemlich gut ausbalanciert hättest.
Ja. Das stimmt. Ich brauche auch Zeit für mich. Das unterscheidet mich auch von anderen, und das war mir früher nicht so bewusst. Als Kind und als Jugendliche habe ich mir nichts mehr gewünscht, als einen Raum für mich allein. Meine Entwicklung hat einen unglaublichen Schub gemacht, seit ich alleine lebe. Ich lebe seit 15 Jahren alleine. Ich habe mich 1999 von meinem damaligen Lebensgefährten getrennt und lebe seitdem allein. Das war ganz entscheidend für mich, so zu werden wie ich heute bin.

Willst du auch in Zukunft alleine leben?
Eigentlich nicht. Aber ich möchte nicht mehr in einer Partnerschaft leben. Ich habe kein Verlangen mehr danach. Aber ich würde gerne mit anderen Menschen in einem engeren Zusammenhang leben. Weil ich es mir heute auch zutrauen würde. In meinen früheren Beziehungen bin ich immer draufgegangen, denn ich habe immer versucht, es allen recht zu machen. Und wenn ich es nicht mehr recht gemacht habe, ist die Beziehung eben gescheitert. Aber dieses Verhalten von mir hat ja mir selbst nicht gut getan und den anderen auch nicht und der Beziehung eben auch nicht. Es ist ein längerer Prozess gewesen, was die Idee angeht, mit anderen zusammenzuleben. Heute ist es ein Wunsch. Ich möchte nicht den Rest meines Lebens alleine leben, sondern in Kontakt mit anderen. Aber ich weiß noch nicht, was ich da für Bedingungen akzeptieren würde. Und ich bin sehr offen, es wird sich an einem konkreten Punkt zeigen, glaube ich.

Wir reden ja über den Schritt vom Erwerbsleben in die nächste Lebensphase. Was fällt denn jetzt weg, fehlt dir jetzt auch etwas?
Es wird sich zeigen, ob es möglich ist, hier und da Kontakte zu erhalten. Ich denke in erster Linie an die Kontakte, die mir fehlen könnten. Alles andere, was ich gerne gemacht habe, wie zum Beispiel so schöne gleichförmige Arbeiten, die finde ich ja überall wieder. Zum Beispiel Kartoffeln schälen und Möhren putzen, das kann so schön meditativ sein. Und die inhaltlichen Herausforderungenm, die ich auf der Arbeit hatte, die habe ich jetzt an anderen Punkten. Die werde ich auch immer wieder neu finden, die begegnen mir einfach. Da habe ich keine Angst. Aber was mir wirklich fehlt, sind die sozialen Kontakte. Ich habe einen Kollegen, mit dem ich eine sehr wechselvolle Arbeitsbeziehung hatte, die sich aber in den letzten Jahren ganz wunderbar gestaltet hat, weil wir beide aus unseren alten Rollen raus sind und Gelegenheiten hatten, uns neu zu finden. Das ist jemand, mit dem man über Gott und die Welt reden kann und der auch sehr kluge Sachen beisteuern kann. Das wird mir fehlen.

Kannst du den nicht hin und wieder zum Café treffen?
Ja, das ist die Option, die man hat. Ich werde es versuchen. Ich denke, mit einigen Kollegen wird sich der Kontakt noch eine Weile halten. Wir haben das natürlich auch schon thematisiert und haben auch schon Möglichkeiten gefunden, uns zu gemeinsamen Mittagessen zu verabreden. Das wäre ganz schön. Aber es muss organisiert werden. Es passiert nicht mehr zufällig. Und das ist schon etwas anderes. Ich habe aber einen großen Vorteil. Ich habe nie gewartet, dass andere auf mich zukommen. Ich bin immer schon jemand gewesen, die selbst aktiv werden kann.

Hast du dann nicht so eine geheime Rechnung, so nach dem Motto: ich bemühe mich immer, und ich bin immer diejenige, die initiativ ist, jetzt sind aber mal die anderen dran?
Doch. So was habe ich auch ab und zu. Es gibt Beziehungen, die darunter leiden, wenn ich mich nicht mehr so bemühe. Aber ich kann das ganz gut aushalten und fühle mich nicht gekränkt, wenn ich den Eindruck habe, dass ich wertgeschätzt werde und es eben einfach meine Rolle ist, die Initiative zu ergreifen. Wenn ich aber den Eindruck habe, da ist jemand, dem ich nichts mehr wert bin, oder dem ich vielleicht nie etwas wert gewesen bin, ja, dann muss ich mich damit auseinandersetzen. Das muss man manchmal einsehen.

Du scheinst mir sehr gut für diesen Wechsel von der einen in die andere Lebensphase vorbereitet zu sein. Hast du dich darum gekümmert?
Ja. Ich habe ja mehrere Schwestern und bin dadurch mit Menschen, die älter sind als ich, konfrontiert. Und da beobachtet man einfach so manches wo man denkt, wenn man es so macht, dann läuft es nicht so gut. Ich habe mich intensiv mit meinem eigenen Älterwerden auseinander gesetzt.

Wann hast du damit begonnen?
Ich glaube so in der Zeit nach meinem 50. Geburtstag, weil ich in dieser Zeit massiv meine eigenen Grenzen gespürt habe. Ich hatte mich getrennt und habe körperlich sehr stark gemerkt, dass ich nicht mehr alles so machen kann, wie ich es mir vorstellte. Vom Arbeiten bis zum Feiern. Alkohol vertrage ich fast überhaupt nicht mehr. Wenn ich mich wohlfühlen will, muss ich mit dem Essen vorsichtig sein. Und dann habe ich mich auch sehr intensiv mit den Wechseljahren beschäftigt und habe die durchlebt und durchlitten. Ich habe diese Zeit sehr bewusst gelebt. Und vor fünf Jahren habe ich über meinen Arbeitgeber einen Kurs als Vorbereitung auf den Ruhestand mitgemacht und habe gemerkt, dass es ein Unterschied ist, ob man sich theoretisch mit dem Älterwerden beschäftigt, oder ob man die Erfahrung macht. Ich habe mich durch diesen Arbeitsrhythmus, von eine-Woche-Arbeit-eine-Woche-frei ja schon gefühlsmäßig vorbereiten können, und da veränderte sich im Lauf der Zeit schon sehr viel. Ich wollte damals mit dem Einstieg in die Altersteilzeit eine klare Entlastung haben. Ich wollte nicht weiter jeden Tag arbeiten gehen, wie das mit einer halben Stelle ist.

Wann hast du mit Altersteilzeit begonnen?
Das war 2009. Vor fünf Jahren. Es gab damals diese Regelung, die man zur Bereinigung des Arbeitsmarktes gedacht hatte. Dem WDR wurde ja etwas dafür gezahlt, wenn man in Teilzeit ging, und das wiederum wurde vom WDR ausgeschüttet. Ich hatte deutlich weniger Gehalt als vorher, aber etwas mehr als die Hälfte bei dieser Regelung von eine-Woche- arbeiten-eine-Woche-frei. Es gibt viele Leute, die zweieinhalb Jahre voll weiterarbeiten, bei halbem Gehalt und dann zweieinhalb Jahre früher in Rente gehen. Ich wollte damals direkt eine Entlastung, und das hat auch funktioniert, auch wenn dadurch andere Dinge anfingen, die nicht einfach waren. Denn es ist nicht einfach, sich mit jemandem einen Arbeitsplatz zu teilen. Das hätte man besser organisieren können, als es in unserem Fall gewesen ist. Es ist mir schon manchmal schwer gefallen, an meinen Arbeitsplatz zu kommen und zu sehen, was da in der letzten Woche passiert war.

Aber würdest du sagen, dass es unterm Strich ein guter Weg ist, diesen Übergang zu schaffen?
Ja, das würde ich auf jeden Fall sagen. Trotz alledem. Ich finde, man sollte Menschen ab einem bestimmten Alter die Möglichkeit geben, weniger zu arbeiten und nicht in Altersarmut zu geraten. Denn der wichtige Aspekt dieser Altersteilzeit ist ja der, dass bis zum letzten Arbeitstag der volle Rentenbeitrag gezahlt wird, also nicht reduziert. Das war mir mindestens genauso wichtig wie diese Zulage, die ich bekommen habe.

Könntest du dir vorstellen, dich nochmal in ein Projekt zu begeben, in dem du dich verpflichtest, also sozusagen eine Arbeitshaltung einnimmst?
Ja. Das könnte ich mir sehr gut vorstellen. Mit anderen Leuten gemeinsam. Zeitlich nochmal reduzierter und vielleicht manchmal intensiv und dann wieder weniger, aber das könnte ich mir gut vorstellen. Ich hätte Lust auf etwas Neues. Wozu ich aber keine Lust habe, das wäre noch mal zu studieren. Das wäre mir viel zu abstrakt. Mich mit abstraktem Wissen ohne konkreten Bezug zu meinem Leben auseinanderzusetzen, das interessiert mich nicht. Es müsste etwas mit meinem Leben zu tun haben.

Aber ich wollte noch was erzählen. Ich gehe durch die Welt und es kommen völlig neue und unbekannte Gedanken auf mich zu. Vorgesternabend war ich im Kino, und als ich da rauskam bin ich durch die Straßen gegangen und habe nur gestaunt, was alles an Gedanken auf mich zukam. Ich hatte so ein Gefühl von fast grenzenloser Freiheit. Das war völlig ungeplant. Offensichtlich kann noch so viel passieren. Auch Sachen, woran man noch gar nicht gedacht hat.

Noch eine letzte Frage. Kannst du tatsächlich schon abschalten?
Am 30.11., das war der Sonntag, hat der WDR mir meinen Email-Account und meine Berechtigung, mich einzuschalten, gekappt. Manchmal juckt es mich natürlich in den Fingern, mal zu gucken. Aber es geht glücklicherweise nicht mehr, und darüber bin ich sehr froh.

 
   
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