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Eva María Dreykorn

Autorin und Coach für Menschen im "dritten Lebensalter".
Das Interview haben wir im Sommer 2015 als Emailaustausch geführt.

Wenn Sie hören „anders als früher", was fällt Ihnen dazu als Erstes ein?
Zur Zeit erleben wir einen Wertewandel, der für uns ältere Menschen ein Problem aber auch eine große Herausforderung sein kann. Respekt, Wertschätzung und Empathie sind teilweise auf der Strecke geblieben, doch Resignation und den guten alten Zeiten nachtrauern hilft da wenig.
 
 

Wir sind gefragt, den neuen Zeitgeist zu akzeptieren, ja ihn als Chance zu sehen, und zu lernen, mit der schnelllebigen Zeit umzugehen. Wenn wir dies nicht tun, lässt die Wertschätzung für uns in der Gesellschaft nach und unser Selbstwertgefühl leidet.

Als ältere Menschen stehen wir im Fokus der Öffentlichkeit, jedoch mit einem Bild, mit dem ich mich persönlich nicht identifizieren kann und will. Pharmaunternehmen und Apotheken haben uns als eine sehr ergiebige Zielgruppe entdeckt und pflegen unsere körperlichen Defizite mit immer attraktiveren Medikamenten und Hilfeleistungen. In Zeitschriften, die speziell Menschen über 60 Jahre ansprechen, finde ich alles was das Seniorenherz erfreuen soll: Treppenlifte, Gehhilfen, Schlaftabletten und viel Chemie für Herz und Gelenke. Doch interessante Abhandlungen und Tipps für die geistige Fitness fehlen.

Wir werden nicht mehr als Leistungsträger gesehen, sondern wir sind Leistungsempfänger und leben auf Kosten der jungen Generation.

Umso mehr müssen wir geistig fit bleiben, um der Gesellschaft Paroli bieten zu können. Daher habe ich die geistige Fitness älterer Menschen zu meinem Thema gemacht.

Tun wir das wirklich? Leben wir tatsächlich auf Kosten der Jüngeren?
Da unser Rentensystem auf dem sogenannten Umlageverfahren beruht, werden die Renten durch die Gehaltsempfänger finanziert und nicht über Steuern. Das heißt, es ist die jüngere Generation, die durch steigende Sozialabgaben eine große Last zu tragen hat. Diese Tatsache wird von den Medien entsprechend publiziert und daher entsteht der Eindruck, dass ältere Menschen zunehmend eine Belastung für die Gesellschaft sind.

Ich persönlich habe mich immer gewehrt, ältere Menschen durchweg als "Rentner" zu bezeichnen. Dies ist ein Gattungsbegriff geworden und wird zunehmend von der Öffentlichkeit negativ empfunden.

Mein Mann und ich waren fast immer unternehmerisch tätig und haben daher wenig Anspruch auf Rente. Wir sind trotz "Rentenalter" geschäftlich tätig und entkräften damit viele Vorurteile der Gesellschaft.

Wie kam es dazu, dass Sie nach Spanien gegangen sind?
Als junges Mädchen habe ich schnell erkannt, dass Geld, Karriere, Sicherheit und feste Bindung für mich nicht in Frage kommen. Ich wollte Abenteuer, meine Stärken und Schwächen erkennen und viele unterschiedliche Menschen kennen lernen. Also zog ich hinaus in die Welt und landete mit 25 Jahren in Spanien. Dort lebte ich 2 Jahre in einem kleinen typischen Dorf in Andalusien, und genoss meine Freiheit, mich nicht anpassen zu müssen. Luxus bedeutete für mich schon immer Zeit, Muße und die Freiheit, keinen gesellschaftlichen Zwängen ausgeliefert zu sein.

Die Beziehung mit meinem damaligen Partner ging schief und ich verließ Spanien, jedoch mit dem starken Willen, eines Tages nach Andalusien zurück zu kehren.

Ich lernte dann viel später, im Alter von 36 Jahren meinen jetzigen Mann kennen, verliebte mich, heiratete und mein wildes und abenteuerliches Leben endete. Ich musste zwangsläufig in die Geschäftswelt eintauchen und habe diese Herausforderung mit Hilfe meines Mannes gut gemeistert.

Doch wie wir wissen, ändern sich Charakter und Persönlichkeit im Laufe der Jahre nicht, wir verändern lediglich unsere Haltung. Ich konnte schnell meinen Mann von dem Charme und der Lebensart der Spanier überzeugen, und wir spendeten viel Zeit, geschäftlich und privat, in Spanien. Wir hatten beide den Wunsch, im Alter nach Andalusien zu ziehen, und schneller als vermutet realisierten wir unser Vorhaben.

Wann war das ?
Nach Andalusien sind wir im September 2013 gezogen, waren aber schon vorher mehrere Jahre geschäftlich in Spanien aktiv.

Mein Mann erlitt Ende 2012 einen Schlaganfall und unser Leben veränderte sich abrupt. Wir wollten beide einen Neustart: neue Umgebung, neue Menschen, neue Herausforderungen. In einer "konzertierten Aktion" verließen wir im September 2013 Deutschland und wohnen seither in Benalmadena. Wir fühlen uns sehr wohl hier und wollen, wenn möglich nicht mehr zurück nach Deutschland.

Was motiviert Sie, Bücher zu schreiben?
Wenn immer ich im Kreise von Freunden bei einem Glas Wein sitze, kommt es zwangsläufig zu Diskussionen über mein abenteuerliches und unkonventionelles Leben. "Du solltest Bücher schreiben" werde ich oftmals aufgefordert, zumal mein Mann schon seit Jahren Bücher und Ebooks schreibt und ich mich mit dem Verlagswesen recht gut auskenne.

Ich habe schon immer gern geschrieben, und mit zunehmendem Alter bedeutet Schreiben eine Therapie für mich, aufkommende Ängste und Sorgen zu bewältigen. Ich surfe viel im Internet, vor allem im amerikanischen Netz, und bekomme sehr viele wertvolle Impulse, die mich zum Schreiben animieren. Ich sehe mich als Coach und Ideengeber für ältere Menschen, die mitten im Leben stehen und sich in ihrem "Dritten Lebensalter" neu positionieren wollen.

Ich beobachte Senioren hier an der Costa del Sol, die sich ausschließlich in ihren nationalen Kreisen bewegen. Sie sind nicht bereit Spanisch zu lernen oder ihre Englischkenntnisse zu verbessern und fühlen sich nur mit ihren jeweiligen Landsleuten wohl. "Ich habe mein Leben lang gearbeitet und will meine Ruhe haben" bekomme ich zur Antwort, wenn ich über geistige Aktivität spreche. Schade eigentlich, sie verpassen eine Menge an interessanten Impulsen, die sie möglicherweise vor Einsamkeit und sogar Demenz schützen könnten.

Die Spanier nennen das Alter " la tercera edad" - das dritte Lebensalter, und auch ich benutze diesen Ausdruck gern. Ich befinde mich in einem neuen Lebensabschnitt, den ich unabhängig von vorherigen Lebensphasen betrachte. Ich sehe es als neue Herausforderung und Chance, und dies möchte ich gern anderen Menschen im fortgeschrittenen Alter näher bringen.

Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre Aktivitäten?
Wie ich schon sagte, charakterliche Eigenschaften ändern sich auch im Alter nicht. Ich war schon immer eine Kämpferin, mutig und rebellisch. Ich bin immer meinen eigenen Weg gegangen und habe mich nicht nach der Meinung anderer gerichtet. Ich stelle mich auch im vorgerückten Alter immer wieder neuen Herausforderungen, die mir Kraft und Mut geben, mein Leben so zu leben, wie es meinem Charakter entspricht.

Die tiefe Liebe, die meinen Mann und mich miteinander verbindet, gibt mir die Energie, trotz gelegentlicher körperlicher Schwächen, immer wieder neue Chancen wahrzunehmen und sie zu bewältigen. Für uns beide gibt es keinen Ruhestand, und wir werden wohl bis zum Ende immer wieder erneut durchstarten.

Noch eine letzte Frage: sind Sie wirklich sicher, dass wir unsere Persönlichkeit im Alter nicht mehr ändern können?
Charakterliche Eigenschaften sind Wesenszüge der Persönlichkeit, die uns zum Teil schon in die Wiege gelegt wurden. Im Laufe des Lebens können wir sicherlich in unserem Verhalten einige Korrekturen vornehmen, doch die wesentlichen Persönlichkeitsindikatoren, wie Wahrnehmung, Anerkennung, Unabhängigkeit, Neugier, Macht, Status, etc. bleiben bis ins hohe Alter erhalten, verändern sich eventuell situativ im Laufe des Lebens.

Ich habe viele Workshops zu diesem Thema durchgeführt. Hierbei ging es hauptsächlich darum, die eigene Persönlichkeit zur Wirkung zu bringen. Dabei habe ich oftmals festgestellt, dass viele Menschen ihr hauptsächliches Augenmerk auf das äußere Erscheinungsbild legen, und dabei vergessen, dass nur Empathie, Kommunikation und authentisches Verhalten die Menschen überzeugen und begeistern können.

Aus meiner Sicht lässt sich das Verhalten im Laufe eines Lebens korrigieren und anpassen, jedoch gewisse Charakterzüge verändern sich nicht.

Mehr über die Arbeit von Eva Maria Dreykorn.

 
   
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