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Karin Nell

Bildungsexpertin im Bereich Erwachsenenbildung mit dem Schwerpunkt Seniorenarbeit und Kultur.

Unser Gespräch führten wir am  5. November  2013 in Köln.
Aus deiner Erfahrung in der Arbeit mit älteren Menschen, was fällt dir als Erstes ein, wenn du hörst "anders als früher"?
Starkes Selbstbewusstsein, Individualität, Widerstand, auch Zorn auf das Bestehende, Anders-leben-wollen, neue Altersbilder.
 
 

Könntest du einen Zeitpunkt nennen, an dem du gemerkt hast, dass da andere ältere Menschen vor dir sitzen als zuvor?
Ja, das kann ich ziemlich genau sagen. Es war vor ungefähr zehn Jahren, als die ersten 68er in den Ruhestand gingen. Mit ihnen hat sich das ganze Klima der Seniorenarbeit und der Erwachsenenbildung schlagartig geändert. Die so genannten „jungen Alten“ haben uns mit völlig anderen Fragestellungen konfrontiert.

Ist es für dich in deiner Arbeit dadurch schwieriger geworden?
Ja klar, es ist wirklich schwieriger geworden. Weil diese grundsätzliche Dankbarkeit, die ich noch aus der klassischen Seniorenarbeit kenne, sich komplett aufgelöst hat.
Wir haben es mit völlig neuen Erwartungen zu tun bekommen. Die jungen Alten brachten einen ganz anderen Hintergrund mit. Erfahrungswissen. Professionalität. Ich hatte plötzlich in der Seniorenarbeit mit Leuten zu tun, die hoch qualifiziert waren, und die normalerweise einen Riesenbogen um jede Seniorenbegegnungsstätte gemacht hätten. Da gab es natürlich auch Hausfrauen, aber nicht mehr die Hausfrauen von früher. Da kamen Frauen auf uns zu, die hatten in der Frauenbewegung mitgemacht, die waren in der Friedensbewegung aktiv gewesen, die hatten Kinderläden gegründet, die hatten sich neben Haushalt und Familienarbeit politisch engagiert. Da hat sich schon sehr viel verändert.

Wie empfindest du das persönlich?
Mit diesen Leuten zu arbeiten empfinde ich als eine große Herausforderung. Vieles ist für mich komplizierter geworden, aber auch spannender. Plötzlich sind ganz andere Entwicklungen möglich. Der Status quo wird immer in Frage gestellt, und es ist ein großes Interesse zu spüren, Themen auf den Grund zu gehen und Veränderungen auf den Weg zu bringen. Das merke ich an allen Ecken und Enden.

Würdest du aus dieser Erfahrung schließen, dass es in einigen Jahren die Art von Altenheim, wie wir sie kennen, bald nicht mehr geben wird?
Ja. Ich gehe davon aus. Und das hoffe ich sehr, schon allein, wenn ich an mein eigenes späteres Alter denke. Die klassischen Altenheime wird es in Zukunft sicher nicht mehr geben, wie es auch das klassische Ehrenamt langfristig nicht mehr geben wird. Das ist übrigens für viele ein Grund, sich zu engagieren: Verhüten, dass es nicht noch schlimmer kommt.
Jetzt geht eine Generation in den Ruhestand, die schon allein das Wort „Ehrenamt“ nicht leiden kann. Ehre und Amt, dagegen sträuben sich die neuen Freiwilligen. Natürlich auch gegen das Wort „Ruhestand“. Die sagen ganz klar: Wegen der Ehre engagieren wir uns nicht. Und ein Amt brauchen wir auch nicht. Und von Ruhestand kann auch keine Rede sein.
Die neue Motivation heißt: gemeinsam etwas bewegen, sich einmischen, neue Wohnformen entwickeln, etwas für benachteiligte Kinder tun, junge Familien unterstützen, das Quartier aufmischen, Gesellschaft gestalten.

Es ist offensichtlich, dass das Wort Ehrenamt nicht mehr funktioniert. Aber es geht um die Freiwilligenarbeit, und verstehe ich dich richtig, dass du meinst, dass die sogar zunehmen wird?
Ich bin fest davon überzeugt, dass sich unglaublich viele Menschen zivilgesellschaftlich engagieren wollen und werden, aber nicht mehr in den alten Verantwortungsrollen. Die traditionellen Helferrollen sind nicht mehr sehr gefragt. Das sagen ja auch die Kolleginnen und Kollegen aus den Wohlfahrtsverbänden. Es ist schwierig geworden, Menschen zu finden, die die klassischen Hilfeaufgaben übernehmen wollen. Was aber stark zunimmt, ist die Bereitschaft, sich für sein nachbarschaftliches Umfeld zu engagieren. Ich meine jetzt Nachbarschaftsarbeit, nicht Nachbarschaftshilfe. Mit anderen dafür sorgen, dass das Leben in der Nachbarschaft lebendiger und bunter und solidarischer wird. Dieses Engagement wird massiv zunehmen, da bin ich ziemlich sicher.
Es geht dabei natürlich um Selbsthilfe und Selbstorganisation. Um Nachbarschafts-Netzwerke. Und natürlich um Verlässlichkeit. Selbstorganisation zu stärken und entsprechende Strukturen aufzubauen ist nicht einfach. Da muss jeder einen Teil der Verantwortung mit übernehmen. Geben und Nehmen – das muss stimmen. Jeder weiß, dass wir alle in Situationen kommen können, in denen wir auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Auf wen kann man sich verlassen, wenn man nicht mehr allein weiter weiß, wenn man mit der Pflege eines kranken Angehörigen überfordert ist, oder wenn man nicht mehr allein einkaufen gehen kann?

Deine Beschreibung macht ja deutlich, dass die alten hierarchischen Strukturen im Bereich des freiwilligen Engagements aufbrechen.
Genau. Die, die jetzt in Ruhestand gehen, sind in Mitwirkungsstrukturen sozialisiert worden, die kennen Mitsprache von Anfang an. Die haben Erfahrungen mit Schülermitverwaltung gemacht, viele haben sich politisch engagiert, waren z.B. im ASTA, die waren gewerkschaftlich aktiv, und viele von ihnen bringen natürlich noch mal einen ganz anderen Bildungshintergrund mit. Jetzt geht ja auch die „Generation zweiter Bildungsweg“ in Rente. Für viele  ist berufliche und private Weiterbildung selbstverständlich gewesen. Lebenslanges Lernen - und zwar Lernen auf Augenhöhe - hat für sie auch im Alter einen hohen Stellenwert.
Ich denke: Die jungen Alten haben immer mitreden und mitgestalten dürfen und wollen das auch in ihrem nachberuflichen Leben tun.  

Wie kommt das, was du beschreibst, in deinen Kollegenkreisen an, wie wird mit diesen Veränderungen umgegangen?
Allmählich wird das jetzt zum Thema. Ich selber musste einen Arbeitgeber verlassen, weil der sich gegen die neuen Formen des bürgerschaftlichen Engagements entschieden hatte. Da hieß es: Mit diesen selbstbewussten Alten können wir uns eine Zusammenarbeit nicht gut vorstellen. Stattdessen hat der Verband  auf die Stärkung des klassischen Ehrenamts gesetzt. Das erlebt man ja häufig, dass Organisationen in Umbruchsituationen oder Krisen mehr vom Gleichen machen.

Das möchte ich besser verstehen, was heißt das: Organisationen in Krisen machen meistens mehr vom Gleichen?
Für das Thema Ehrenamt hieß das: Das Alte wird auf Vordermann gebracht: noch mehr Anerkennung für die Helferinnen und Helfer, noch mehr und noch anspruchsvollere Fortbildungen, noch mehr Dankeschön-Ausflüge,  ja, manchmal sogar Coaching und Supervision für Ehrenamtliche.
Parallel dazu ist aber schon etwas ganz anderes entstanden, nämlich diese selbst organisierten Projekte. Ich denke hier vor allem an das EFI-Programm.
Diese neuen Richtungen der Freiwilligenarbeit hatten es erst mal sehr schwer, und sie haben bei vielen Kollegen und Kolleginnen in den sozialen und kulturellen Einrichtungen zunächst überhaupt keinen Anklang gefunden. Da kamen plötzlich Leute, die besser qualifiziert waren als die Hauptamtlichen. Da kamen Leute, die ganz klare Vorstellungen von ihrem Engagement hatten. Die ließen sich oft gar nicht in bewährte Strukturen integrieren. Die störten eher bewährte Abläufe und stellen außerdem die Institutionen und ihre Angebote massiv in Frage. Und nicht selten haben diese „Quertreiber und Quertreiberinnen“  - bewusst oder unbewusst -  auch ihre Grenzen überschritten, das muss man ganz ehrlich sagen. Das war sehr unbequem für die Institutionen und ihre hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Als sich abzeichnete, dass es das klassische Ehrenamt langfristig schwer haben würde, haben wir sehr stark auf das  EFI-Programm gesetzt.
EFI heißt Erfahrungswissen Für Initiativen.
Dieses Programm wurde damals vom Bundesministerium auf den Weg gebracht. Es ging darum, gemeinsam mit den jungen Alten die neuen Verantwortungsrollen für Menschen im nachberuflichen Leben zu entwickeln und auch die neuen Formate für  freiwilliges Engagement.

Vielleicht sollten wir hier etwas genauer über das EFI-Programm reden, bei dem man zum SeniorTrainer oder zur SeniorTainerin ausgebildet wird. Ich selbst habe im Frühjahr 2013 an dieser EFI-Qualifizierung hier in der Melanchthon Akademie unter deiner Leitung teilgenommen und muss sagen, dass es eine echte Bereicherung und eine tolle Erfahrung war. Auch was die Gemeinschaft mit den anderen TeilnehmerInnen angeht. Und zudem hat der Workshop nichts gekostet. Seit wann arbeitest du im EFI- Programm?
Das Bundesmodellprogramm startete 2002. Ich war von Anfang an dabei.

Wie ist die Geschichte von EFI?
Frau Dr. Gertrud Zimmermann vom Bundesfamilienministerium hat damals erkannt, dass man auf die Veränderungen im Bereich des freiwilligen Engagements frühzeitig reagieren muss. Sie hat das Programm „Erfahrungswissen für Initiativen“ aufgelegt. Das Programm sollte die neuen Altersgenerationen für neue Verantwortungsrollen und neue Formen des freiwilligen Engagements gewinnen. Das Programm war deutschlandweit ausgeschrieben. 11 Bundesländer haben sich daran beteiligt, wenn ich mich nicht irre. Es gab auch ein Rahmencurriculum, das war in seiner ursprünglichen Fassung allerdings noch sehr traditionell.

Wer hatte das geschrieben?
Das Curriculum für das EFI-Programm wurde von Professor Joachim Burmeister von der Fachhochschule Neubrandenburg und Professor Detlef Knopf von der Fachhochschule Potsdam erarbeitet. Ihnen ging es ganz ausdrücklich um das Thema "role-making“ statt „role-taking".
„Redet nicht ÜBER die Menschen und entwickelt nicht FÜR die Menschen neue Verantwortungsrollen“, hat er immer gesagt, sondern „schafft Situationen, in denen Menschen selber eigene Verantwortungsrollen für ihr nachberufliches Leben entwickeln können“. Das haben die uns, den VertreterInnen der beteiligten Bildungseinrichtungen, regelrecht eingehämmert.

Wie war nochmal der englische Begriff?
Role-making statt role-taking, also macht eure Rollen selbst und übernehmt nicht unreflektiert alte Verantwortungsrollen. Das ist natürlich ein sehr hoher Anspruch gewesen. Das EFI- Programm, das kann ich wirklich für mich sagen, war meine Universität. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel gelernt wie in diesem Programm. Ich bin inzwischen schon 11 Jahre dabei.

Bist du damals auch nochmal ausgebildet worden, um die EFI Qualifikation leiten zu können?
Nein, wir sind damals auf Empfehlung von Peter Fettweis, einem Mitarbeiter im NRW Familienministerium, für das Programm ausgewählt worden. Das war für uns damals eine echte Bestätigung. Peter Fettweis kannte unsere Arbeit. Er hat u.a. den Aufbau der ersten Nachbarschafts-Netzwerke in Düsseldorf gefördert. Und er hat gesagt: Das, was ihr da in Düsseldorf macht, das passt zum EFI-Programm. Ich möchte, dass ihr die Ausbildung der EFIs in Nordrhein-Westfalen übernehmt. Es gab aber auch noch einen zweiten Bildungsträger in NRW, einen Bildungsträger in Vlotho.

Was habt ihr damals in Düsseldorf genau gemacht?
Wir haben mit der Netzwerkarbeit Organisations- und Mitwirkungsstrukturen für zukünftiges zivilgesellschaftliches Engagement entwickelt. Und wir waren für unsere innovativen Fortbildungsprogramme bekannt: Kulturführerschein®, Soziales Inszenieren, Kultur auf Rädern, Couch oder Cabrio?  usw.

Und wer ist "wir"?
Das waren viele Freiwillige und eine Handvoll engagierter Kollegen und Kolleginnen aus der Seniorenarbeit und aus der Erwachsenenbildung. Wir waren alle sehr experimentierfreudig und interessierten uns vor allem für neue Formen der Zusammenarbeit. Wir wollten ein neues Miteinander von Freiwilligen und Hauptamtlichen. Schon früh setzte sich die Formel „Zusammenarbeit auf Augenhöhe“ durch.

Und das war eine freiwillige Arbeit?
Das war die freiwillige Arbeit eines Wohlfahrtsverbandes und eines Erwachsenenbildungswerks. Wir hatten zunächst Projektmittel beantragt und hatten angefangen, Nachbarschafts- Netzwerke aufzubauen, die es inzwischen überall in  Deutschland gibt. Das war sehr modellhaft. Aber damals konnten viele noch nicht richtig verstehen, worum es uns wirklich ging. Wir wollten zunächst Rahmenbedingungen, Anlaufstellen, Strukturen für die neuen Altersgenerationen schaffen. Denn wo sollen die jungen Alten hingehen, wenn sie sich engagieren wollten? Wo sollten sie Gleichgesinnte finden? Die Altentagesstätten oder Begegnungsstätten, die es damals überall gab, waren ja für die meisten von ihnen unattraktiv. Man muss sich vorstellen: Damals, also Ende der 90er Jahre, wurden viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen schon mit Mitte 50, Anfang 60 in den Vorruhestand entlassen.
Das Familien-Ministerium hat unsere Aufbauarbeit damals aufmerksam beobachtet. Und dann haben wir den Zuschlag für das  Bildungspaket im EFI-Programm bekommen. Wir waren anfangs sehr euphorisch, haben aber bald festgestellt, dass das Rahmencurriculum für unsere Zielgruppe nicht wirklich gut geeignet war. Und immer da, wo uns Teilnehmende massiv kritisiert und wir die Anregungen aufgenommen haben, ist das Programm besser geworden. Das war eine ganz große Erfahrung. Da saßen ja Leute, die hatten Schulen geleitet, Frauen und Männer, die hatten Kindergarteninitiativen gegründet, da saßen Leute aus dem Ministerium, ehemalige Handwerker und Handwerkerinnen, auch Leute, die selbst ausgebildet hatten, und die nahmen kein Blatt vor den Mund, wenn die mit etwas unzufrieden waren. Rollenspiele kamen überhaupt nicht gut an. Vorträge auch nicht. Die TeilnehmerInnen haben uns herausgefordert, noch einmal ganz neue Bausteine für die Fortbildungen zu entwickeln.

Das hat ja ziemlich viel Flexibilität von dir und von euch gefordert. Was würdest du sagen, war die größte Herausforderung daran?
Die größte Herausforderung war, mit den Methoden, die man mit Begeisterung  entwickelt hatte, auf höchsten Widerstand zu stoßen. Überhaupt nicht begeistern zu können und heftig kritisiert zu werden, das war frustrierend. Wir haben aber diese Reibungen und Spannungen genutzt und haben uns getraut, völlig Neues auszuprobieren. Aus unseren Mutproben ist dann oft etwas entstanden, dass  inzwischen zum festen Bestandteil von EFI-Fortbildungen gehört. Wir haben über die soziale Plastik von Joseph Beuys gearbeitet, haben zum Beispiel gefragt, welche Ideen und Visionen  in den von ihm verwendeten Materialien enthalten sind – also in Honig, Kupfer, Filz und Fett. Ich muss natürlich sagen, dass ich einen Riesenvorteil gehabt habe. Ich habe das Fortbildungsprogramm zusammen mit meinem Chef entwickelt und durchgeführt. Wir beide hatten  große Lust auf das Programm und haben uns auch manchmal gegenseitig den Rücken stärken müssen. Alleine hätte ich das nicht durchgestanden, das muss ich ehrlich sagen. Aber zu zweit hat es richtig Spaß gemacht, und wir waren auch ganz stolz auf die vielen Projekte, die aus dem EFI-Programm entstanden sind.

Wie heißt dein Chef?
Gerrit Heetderks. Das ist ein Chef, der seinen Mitarbeitenden großen Freiraum gewährt. Diesen Freiraum braucht man für Innovation und Weiterentwicklung.  In  schwierigen Projektphasen hat er mir bisher immer den Rücken gestärkt. Das ist wichtig. Denn jeder, der Neues auf den Weg bringen will, kennt die Mühen der Ebenen. Es ist ja nicht so, dass alle Hurra schreien, wenn man etwas verändern will, und wenn man mit Traditionen bricht.
Irgendwann war klar: Das EFI-Programm ist etwas ganz Besonderes. Hier geht es um transdisziplinäre Arbeit. Das heißt: hier arbeiten Laien und Profis zusammen, hier werden Erfahrungen, Ideen  und Ressourcen vernetzt. Alle sind schlau, alle bringen ihr Wissen und ihre Lebenserfahrungen und ihre Berufserfahrungen mit ein. Worauf wir, ehrlich gesagt, überhaupt nicht gefasst waren, war das immense Potenzial der neuen Freiwilligen. Manche Menschen ahnen gar nicht, über welche Begabungen sie verfügen. Erst wenn man diese Begabungen herausfordert, wird deutlich, was den Projektgruppen da an Ressourcen zur Verfügung steht. Das gilt natürlich auch für die Hauptamtlichen.

Würdest du sagen, dass auf dieser Linie noch Entwicklungspotenzial ist, also dass das noch nicht ausgereizt ist?
Das ist überhaupt noch nicht ausgereizt. Und die größte Überraschung ist, dass die Teilnehmenden noch unheimlich viele Ideen in petto haben, Ideen die jetzt reif sind. Das ist für mich die größte Entdeckung im EFI-Programm:  Die Ideen, die Menschen im Laufe ihres Lebens entwickelt haben und die irgendwo tief vergraben sind oder auf Halde liegen, die kann man aufgreifen und umsetzen. Diese Ideen und die Potenziale, aber auch die Innovationskraft der neuen Altersgenerationen, sind ein großes Kapital unserer Gesellschaft.

Okay, jetzt ist die  Erfahrung, dass sich derzeit zur EFI-Fortbildung nur ganz wenige Menschen anmelden. Sie ist im Programm der Melanchthon Akademie ausgeschrieben, aber diesmal hat sich nur eine einzige Frau angemeldet. Voriges Jahr, bei meinem ersten Anlauf, waren wir vier Frauen, daher wurde die Qualifikation auf dieses Frühjahr verschoben, und schließlich waren wir zwölf, wenn ich nicht irre, als die Fortbildung stattgefunden hat. Was glaubst Du, woran hapert es, wenn sich nicht mehr Menschen anmelden?
Ich glaube es ist ein normaler Entwicklungsschritt. Alle Projekte, die ich kenne, haben Hochphasen, und dann gibt es wieder Konsolidierungsphasen. Wir haben jetzt zwar nicht so viele Neuzugänge im EFI-Programm, aber wir haben zum ersten Mal eine Gruppe, die gesagt hat, wir wollen ein EFI-Aufbauprogramm. Wir wollen weiterarbeiten an dem, was wir angefangen haben und es größer machen.

Du meinst unsere Gruppe zum Thema Wohnen und Leben im Alter und Wohnprojekte.
Genau. Man muss dazu sagen, dass inzwischen durch die EFI-Initiative andere Institutionen wach geworden sind und viel mehr Programme für Menschen im nachberuflichen Leben anbieten. Wir sorgen ja auch für die Weiterbildung von  Kolleginnen und Kollegen. Ich kenne in Köln viele attraktive Angebote für neue Ruheständlerinnen und Ruheständler.
Was aber hoch spannend ist: Über die vielen EFI-Fortbildungen in den vergangenen Jahren sind inzwischen bundesweite Netzwerke entstanden. Und wo immer ich aktiv bin, wenn in Projekten EFIs mit im Boot sind, haben die Projekte eine sehr gute Chance, realisiert zu werden.

Wieso?
Weil die Projektbeteiligten eine gemeinsame Basis haben, eine gleiche Denke.  Weil die Programme sich an einer gemeinsamen Grundausrichtung orientieren. Es ist die gemeinsame Haltung, die da zu spüren ist. Es ist, als würden sich die EFIs erkennen, wie Mitglieder in einem Club. Jetzt zeigt sich auch, wie wichtig die neuen Verantwortungsrollen sind und die gemeinsamen Kommunikationsstrukturen.

Glaubst du nicht auch, dass es bei EFI vor allem um Selbstbewusstsein geht und um die Erfahrung, im gesellschaftspolitischen Rahmen ernst genommen zu werden. Das ist nämlich, was ich an mir selbst erlebt habe und auch an anderen, dass man uns wertschätzt und uns zu verstehen gibt, dass wir was drauf haben, was die Gesellschaft brauchen kann.
Ich glaube ganz sicher, dass es das Selbstbewusstsein stärkt, wenn man erfährt, dass man sein ganzes Erfahrungswissen, das man in seinem Berufsleben angesammelt hat, jetzt nicht wegpacken muss; wenn man sieht, dass man mit seinem Wissen und mit seinen Kontakten gebraucht wird. Ich glaube, der größte Effekt ist, dass die Teilnehmenden merken, dass sie in der Zusammenarbeit mit anderen richtig große Nummern wuppen können. Aber ich merke auch, dass viele Leute erst einmal ein bisschen Abstand brauchen. Nicht alle legen sofort los. Es hat sich auch gezeigt, dass man die neuen Zukunftsperspektiven erst mal integrieren muss. Wenn ich noch alte Altersbilder mit mir herumtrage und plötzlich merke, Ruhestand kann auch heißen: Ich gehe wieder in eine Achtstunden-Tätigkeit, dann muss ich das erst für mich verarbeiten. 
Ich kenne drei oder vier EFIs,  die haben nach dem EFI-Programm ein Studium aufgenommen, und wir haben sie bei dieser Entscheidung auch kräftig  unterstützt.

Ich habe ja auch erfahren, dass wir als kleine Gruppe mit einem Thema und mit viel Elan aus der EFI-Qualifikation rausgegangen sind, und als wir dann alleine waren, war irgendwie schnell die Luft raus und die Gruppe hat sich aufgelöst.
Diese neue Gruppe, in der es ums Wohnen und Leben im Alter geht, die ist ja entstanden, weil ihr dranbleiben wollt am Thema. Das ist im Grunde das Element, was gefehlt hat. Wenn man sich größere Projekte vornimmt, und das Thema Wohnen und Leben im Alter ist eine ganz große Nummer, da braucht man schon einen anderen Kontext. Man muss sich darüber im Klaren sein: Beim Thema Wohnen und Leben im Alter geht es um existentielle Fragen.
Ich bin ziemlich sicher, dass jede aus eurer Gruppe sich ein kleines bürgerschaftliches Engagement suchen würde, aber ich spüre in dieser Gruppe ganz klar den Wunsch, etwas Grundsätzliches zu verändern. Und da hat die Gruppe letztendlich eine kleine Flugpause eingelegt, sich aber darauf verständigt, dranzubleiben. Hier wird klug und umsichtig reagiert. Wir sind nicht frustriert und wir schmeißen nicht hin, weil es jetzt schwierig wird, sondern wir sorgen dafür, dass es mit Anderen weitergehen kann. Uns ist die Sache zu wichtig, um sie nicht weiter zu verfolgen.
Ich bin mir sehr sicher, dass es diese Gruppe schaffen wird, die Idee einer gemeinsamen Fachtagung zum Thema Wohnen zu realisieren. Ich habe so etwas überhaupt noch nicht erlebt: Eine EFI-Gruppe, die beschließt, eine hochkarätige Fachtagung zu organisieren. Man muss sich das mal vorstellen: Eine renommierte Bildungseinrichtung wie die Melanchthon-Akademie unterstützt eine Gruppe Freiwilliger, unter ihrem Dach eine Wohnschule aufzubauen. Das ist doch super.

Ich wollte dich noch  fragen: Was hat die Melanchthon Akademie und das EFI-Programm zusammengebracht?
Die Kölner Gruppe war auf der Suche nach einem geeigneten Lernort für das EFI-Programm  und nach einem kompetenten Bildungsträger. Ich wusste, dass sich die Melanchthon-Akademie sehr für die Zielgruppe der jungen Alten interessiert und habe die beiden Parteien zusammengebracht.
Der Studienleiter, Joachim Ziefle, hat sich sehr für eine Kooperation mit dem EFI-Kompetenzteam eingesetzt. Er gehört zu den Kollegen, die sehen, welche Schätze hier zu heben sind. Die Melanchthon-Akademie ist sehr daran interessiert, ihre Angebote nah an den Bedürfnissen und Wünschen der Älteren auszurichten. Es wird gefragt: Welche Themen interessieren Sie? Was genau wollen Sie? Was brauchen Sie?
Und natürlich sind die neuen Altersgenerationen am Thema „Lebenslanges Lernen“ interessiert. Und am Thema „Wohnen und Leben im Alter“. Genau wie die EFIs suchen sie nach alternativen Lebens- und Wohnformen, nach sinnvollen Tätigkeiten für ihr Leben nach dem Berufsleben, nach Kontakten zu Menschen in gleicher Lebenssituation und nach Antworten auf existentielle Lebensfragen. Die Akademie sieht es als ihren Auftrag an, Gemeinschaftsbildung zu fördern und die Fragen hinter den Fragen zu beantworten. Es geht immer auch um Spiritualität im Alter.
Für Fragen zum Wohnen und Leben im Alter und zum Älterwerden gibt es nämlich keine schnellen Antworten. Hier kommt man schnell in Bereiche, für die man sich kompetente Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen wünscht. Die kann die Melanchthon-Akademie bieten.
Hier gibt es auch Räume und andere Ressourcen. Und ich glaube, das Haus hat auch gesehen: Wenn wir mit den EFIs kooperieren, dann wird das hier ein ganz lebendiger Ort. Das Haus ist immer ein lebendiger Ort gewesen, aber mit der neuen Altersgeneration, die sich jetzt hier aktiv einbringt, bekommt das Konzept so richtig Wind unter die Flügel.

Wir fühlen uns hier ja auch sehr wohl. Ich möchte unser Gespräch aber nicht beenden ohne dir noch eine letzte Frage zu stellen. Was glaubst du woran es liegt, dass in all diesen Kursen so viele Frauen sind und nur hin und wieder ein Mann?
Das habe ich mich schon oft gefragt und habe auch mit den Kollegen aus der Männerarbeit darüber gesprochen. Ein neuer Kollege hat berichtet, dass bei den Männern das Pilgern schwer in Mode gekommen ist.
Tatsache ist: Das Thema Wohnen und Leben im Alter spricht immer noch eher Frauen als Männer an. Vielleicht fühlen sich Frauen weniger geschützt und machen sich eher Gedanken über die Fragen des Altwerdens. Frauen wissen ja, nicht nur, weil immer wieder in den Medien darüber berichtet wird,  dass sie statistisch eine höhere Lebenserwartung als ihre Männer haben. Viele ahnen natürlich, was auf sie zukommt, wenn der Partner verstirbt. Frauen sind offensichtlich immer weniger bereit, das Thema auszusitzen. Sie haben, nicht allein durch die Frauenbewegung, gelernt, heiße Eisen anzupacken. Ich wundere mich immer wieder, wie wenig Paare über das Thema „Wohnen im Alter“ sprechen. Wir müssten die Männer fragen, was sie davon abhält, Vorsorge  zu treffen. Oder besser: Wir müssten sie fragen, welche Angebote sie brauchen, um sich den Herausforderungen zu stellen. Viele haben wahrscheinlich noch die Vorstellung: Ich werde sowieso von meiner Frau gepflegt und jemand sorgt schon für mich, die Töchter vielleicht. Es ist natürlich auch Aufgabe der Frauen, ihre Männer mit den Realitäten des Lebens im Alter zu konfrontieren. Die Fragen: Wovon soll ich eigentlich als Witwe die Miete bezahlen? Und wer pflegt mich, wenn ich alleine bin? müssen gestellt werden.
Professor Dörner, ein ganz streitbarer Sozialpsychiater, hat uns darauf hingewiesen, dass der demografische Wandel keine Sache ist, der man vom Sofa aus gemütlich zuschauen kann. Wir wissen, wer erst einmal auf der Couch gelandet ist, den kann man nur mühsam wieder davon runterbringen. Der neue Slogan in der Quartiersarbeit heißt nicht zufällig „Runter vom Sofa. Rein ins Quartier!“

Ich würde dir gern meine Theorie zu dem Thema sagen. Altwerden wird ja landläufig als private Angelegenheit definiert. Männer aber haben sich zu einem hohen Prozentsatz über ihre Arbeit definiert, also über ihre gesellschaftliche Funktion und übers Versorgen der Familie. Privatleben kennen sie vom Feierabend, von den Wochenenden und vom Urlaub, aber nicht in seiner ganzen Fülle. Daher könnte es sein, dass sie sozusagen beim Eintritt in den Ruhestand von den unzähligen Möglichkeiten privaten Lebens überwältigt werden und erst mal abtauchen.
Man könnte es auch so sehen: Für die Männer im nachberuflichen Leben ist das Private der neue Entwicklungs- und Gestaltungsraum und für Frauen ist der öffentliche Raum das neue Aktions- und Entwicklungsfeld. Schön wäre es natürlich, wenn sich hier Überschneidungen ergäben. Deshalb ist vielleicht die Nachbarschaft genau das richtige Betätigungsfeld für Männer und Frauen. Hier können neue Verantwortungsrollen entwickelt und gelebt werden.

Ich finde, es ist eine interessante Sichtweise, dass die Entwicklungswelten im Alter für Männer im Privaten und für Frauen im Öffentlichen liegen.
Ja, wir sehen es ja auch bei allen anderen Programmen zur Förderung des freiwilligen Engagements, dass eigentlich das Noch-nicht-Gekonnte bzw. das Noch-nicht-Gelebte zieht. Man möchte noch etwas Neues lernen, neue Seiten an sich entdecken und sich den Lebensthemen und Interessen zuwenden, die  bislang im Schatten gestanden haben. Da soll eine Balance hergestellt werden. Mir fällt auch auf, dass viele Männer im Ruhestand super gerne kochen und jede Menge Kochutensilien kaufen. Und dass sie das Haus verschönern. Sie basteln, machen den Garten schön und tapezieren jeden Raum, vom Keller bis zum Dachboden. Sie genießen es, zu Hause zu sein. Viele Frauen möchten genau das Gegenteil, sie wollen mit ihren Themen in die Öffentlichkeit gehen, wollen gesehen und gehört werden, und nutzen dafür ihre persönlichen Netzwerke, die nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben nicht verloren gehen. Man sollte die Interessen von Männern und Frauen aber nicht gegeneinander ausspielen. Besser ist: Die Interessen  klug zu verknüpfen.

Herzlichen Dank für dieses Gespräch, Karin.

 

www.efi-koeln.de
www.melanchthon-akademie.de

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