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Interview mit Elisabeth Hollerbach, Gründerin der Wohnbaugenossenschaft wagnis eG in München und langjähriger geschäftsführender Vorstand.

Zum Interview haben wir uns am 25. Januar 2017 morgens um 11 Uhr in wagnis4 getroffen.

 

 
 
Elisabeth Hollerbach

Du sagst, ihr seid keine Dachgenossenschaft. Wieso nicht, wo ihr doch schon mehrere Häuser gebaut habt?
Da müssten wir erstmal klären, was eine Dachgenossenschaft ist. Für jede Genossenschaft, die sich neu gründet, ist es wichtig zu überlegen, was der Rahmen ist, den wir uns geben wollen?

Hamburg hat mit Dachgenossenschaften angefangen mit und über Stattbau, das ist eine öffentlich geförderte Beratungsgesellschaft. Man wollte kleinen Initiativen die Möglichkeit geben, in einem großen Dachverband bauen zu können oder ihre Ideen zu verwirklichen, ohne jedesmal eine neue Genossenschaft gründen zu müssen. Das sind ganz unterschiedliche Initiativen, die unter diesem Dach leben.

Wir sind als wagnis aber immer unter einer Fahne unterwegs: Wohnen und Arbeiten in Gemeinschaft, nachbarschaftlich, innovativ und selbstbestimmt. Das heißt, dass die sozialpolitischen Aspekte Inhalt jedes einzelnen Projektes sind, das wir realisieren. Unser Alleinstellungsmerkmal ist m.E., dass sich jedes einzelne Projekt, jede Wohnanlage, darüber hinaus einen eigenen Schwerpunkt gibt. Wer bei uns mitmacht, sucht verbindliche Nachbarschaft und will miteinander leben und nicht nur ein Haus bewohnen.

In den Begriffen, die du eben für wagnis genannt hast, kommt das Wort Mehrgenerationen ja nicht vor. Ergibt sich die Mischung der Leute automatisch?
Wir haben unsere "Werte und Ziele", die jeder Genosse und jede Genossin, unterschreiben, wenn sie Mitglied werden. Darin sind dann auch das Mehrgenerationen-Wohnen und der ökologische Aspekt enthalten. Der ökologische Aspekt kommt in dem Begriff wagnis zwar nicht vor, ist aber laut Satzung natürlich auch ein wesentliches Ziel unserer Genossenschaft.

Wir haben etwa acht Jahre an der Vorbereitung gearbeitet und lange nach Begriffen gesucht, die auch Menschen anziehen, die jetzt nicht die große Ideologie im Kopf haben, sondern auch nach Geborgenheit und nach Gestaltungsmöglichkeiten suchen. Beides fehlt ja vielen in unserer Gesellschaft.

Ich würde jetzt gerne ganz an den Anfang eurer Initiative gehen und dich fragen: kannst du dich an die Initialzündung erinnern, warst du dabei?
wagnis ist aus vier Initiativen entstanden. Und eine davon war auch meine Initiative.

Wann war das?
Das weiß ich jetzt garnicht mehr. War das 91 oder 92 oder 94 ? Das geht schon weit in die Vergangenheit zurück. Aber meine Initialzündung liegt noch weiter zurück. Die war Anfang der 80er Jahre. Da wollte ich mit meinem Mann und anderen ein Dorf gründen, in der Nähe von Fürth. Wir waren schon soweit, ein Grundstück zu erwerben. Das war die Landbewegung, die uns damals gelockt hat. Das Autarke, das Unabhängige. Es sind dann aber viele aus unserer Gruppe abgesprungen, weil sie Angst davor hatten, ihren Beruf nicht weiter ausüben zu können, denn die meisten waren Akademiker und konnten sich nicht vorstellen, dann doch nur noch Land zu bestellen oder Bäcker zu werden oder sich in der Umgebung eine Arbeit zu suchen.

Und was passierte dann Anfang der 90er Jahre, als sich diese 4 Initiativen trafen?
Wir haben hier in München den Verein Urbanes Wohnen, der sich schon seit über 40 Jahren um die Verbesserung des Wohnens in der Stadt kümmert. Dieser Verein hat sich zunächst gegründet, um hier in München eine Bürgervilla zu schützen. Er ist nach wie vor ein sehr kleiner Verein, der uns aber eine Plattform und einen rechtlichen Rahmen gab. Wir sind damals alle Mitglied geworden. Urbanem Wohnen geht es immer und immer wieder um Themen wie Hinterhofbegrünung oder grüne Wege in der Stadt u.v.m.. Das ist vor allem ein besonderes Anliegen von einem der Urväter des Vereins.

Wir haben damals, Anfang der 90er Jahre, mit regelmäßigen Treffen der Initiativen begonnen und das Netzwerk Wohnprojekte von ungefähr 20 Initiativen aus München und dem Umland aufgebaut. Gemeinsam-älter-werden, Frauen-Wohnen, und zwei weitere Initiativen haben sich dann zu den Schwabinger Wohnprojekten zusammengetan.

Ganz viele der anderen Initiativen kamen dann mit der Zeit nicht mehr zu den regelmäßigen Treffen. Der Austausch war gut und wichtig, weil viele Ideen in allen Initiativen vorhanden waren, aber die Menschen ganz unterschiedliche Vorstellungen von Finanzierung und Rechtsform hatten.

Mit den Schwabinger Wohnprojekten konnten wir Kräfte bündeln, und damit haben wir auch etwas mehr Gehör gefunden. Doch das Klinkenputzen und Werben für die Idee war auch sehr Kräfte zehrend. Deshalb war es unser Anliegen, mein Anliegen von Anfang an, dass es z.B. eine Anlaufstelle in der Stadt gibt, die Wege weisen kann. Die sagen kann, geht doch mal dahin, geht doch mal dorthin, oder die zumindest koordiniert. Ich halte es für ganz wichtig, solche Beratungsstellen einzurichten, damit die Endloswege, die am Anfang einer Bewegung jede Initiative gehen musste, vermieden werden. In NRW und anderswo gibt es inzwischen Beratungs- und Koordinierungsstellen, auch in München.

1995 veranstalteten wir den ersten Wohnprojektetag. Es kamen sehr viele Besucher. Das war unglaublich. Über 1000. Das hat uns dann dazu gebracht zu sagen, wenn so viel Interesse da ist, dann müssen wir es konsequent weiter betreiben.


Es geht auch um die Frage, wie wir in Zukunft bauen und wohnen wollen. Die Menschen haben Sehnsüchte.

 

Viele Wohnprojekt-Gruppen treffen sich ja über eine lange Zeit, manchmal über Jahre, ohne ein konkretes Objekt oder Grundstück zu haben, wie denkst du darüber?
Ich habe alle 5 Projekte von wagnis aufgebaut und geleitet. Meine Erfahrung sagt: konkrete Projekte mit konkreten Menschen! Wirklich planen kann man erst, wenn das Grundstück klar ist. Wenn man die Rahmenbedingungen kennt und wenn die konkreten Menschen für das Projekt kommen.

Was wäre dein Rat, was würdest du sagen, was solche Gruppen ohne konkretes Objekt vernünftigerweise tun sollten, um sich nicht aufzureiben?
Ich glaube man kann nicht verallgemeinern. Die Gruppen sind ja sehr unterschiedlich. Es gibt Gruppen, in denen irgendein Alphatier drin ist und oft auch gut moderieren kann. Da ist es wahrscheinlich gut, auch den Ratschlägen dieses Alphatieres zu folgen. Es gibt Gruppen, die nur so eine Idee haben, und da ist es sicher gut, sich Beratung zu holen. Bei uns ist der Vorteil insoweit gegeben, dass wir unsere Satzung und die "Werte und Ziele" vorgeben. Auf dieser Grundlage kann dann zielgerichtet konkretisiert werden.

Welche Erfahrungen hast du mit der Presse gemacht, was eure Projekte angeht?
Die Presse war immer heiß auf die wagnis-Projekte. Und nicht nur die lokale Presse, auch die ZEIT oder die taz haben darüber berichtet. Was ich ungut finde ist, dass es dabei häufig nur um den Aspekt "knapper Wohnraum" geht und um die Möglichkeiten, sicheres und kostengünstiges Wohnen zu realisieren. Es geht jedoch nicht immer nur ums Geld. Es geht auch um die Frage, wie wir in Zukunft bauen und wohnen wollen.

Die Menschen haben Sehnsüchte. Diese entstehen auch aus all den Mängeln, die sie erfahren, wie Einsamkeit, Vereinzelung und den Defiziten, die sie tagtäglich spüren. Die Defizite müssen aufgefangen werden, wenn sie an ihrem Leben etwas ändern wollen. Die meisten erschlagen diese Defizite mit Konsum oder mit Stress und Arbeit etc. Und einige wenige wollen tatsächlich etwas verändern und gestalten. Das Selbstgestalten, "selber Hand anlegen" in jeder Beziehung, ist in unserer Gesellschaft verloren gegangen. Und je nach dem was für Menschen in einer Gruppe sind, kann das Leben in der Gemeinschaft so oder so gestaltet werden.

Was hast du früher beruflich gemacht?
Ich war unter anderem selbständige Buchhändlerin. Ich werde das immer wieder gefragt, auch weil ich mir sehr viel Wissen angeeignet habe, was die Frage angeht, was Architektur dazu beitragen kann, eine Vision umzusetzen. Die Vision halte ich im übrigen für das Wichtigste, sie muss am Anfang da sein. Das Wichtigste ist, dass zumindest einige Menschen die Vision spüren und sie realisieren wollen, dass sie wirklich etwas verändern wollen, dass es aus ihnen herauskommt und nicht irgendetwas Aufgesetztes ist.

Wenn ich jetzt Mitglied bei wagnis werden möchte, weil ich Genossin werden möchte in der Hoffnung, später mal in einem wagnis-Projekt wohnen zu können, was muss ich dann machen, wie gehe ich da vor?
Wir haben bestimmte Strukturen für die Aufnahme, die von Projekt zu Projekt manchmal etwas unterschiedlich sind, aber im Prinzip besuchst du zuerst eine Informationsveranstaltung von wagnis.

Wie oft bietet ihr die an?
Monatlich. Doch es gibt dazu unterschiedliche Auffassungen. Der neue Vorstand meint, man muss die Infoveranstaltungen nicht mehr so oft machen, weil wir sowieso genügend Mitglieder haben, die noch gar nicht alle wohnen.

Wie viele Mitglieder habt ihr?
Derzeit haben wir ca.1400 Mitglieder, und diese unterscheiden sich in diejenigen, die wohnen und in diejenigen, die nicht wohnen. Diejenigen, die nicht wohnen, sind nicht alles Fördermitglieder. Für manche hat vielleicht bisher der Ort noch nicht gepasst hat, oder es ging um die Quote, die wir mit der Stadt ausgehandelt haben. Mit der Stadt haben wir, auch gerade bei den städtebaulichen Gebieten, aushandeln können, wie die Quote sein soll, die die Stadt tatsächlich bekommen muss, also wie viele geförderte Wohnungen und in welchem Modell die jeweiligen Wohnungen gefördert werden und wie viele frei finanzierte Wohnungen auf dem jeweiligen Grundstück anteilig erstellt werden müssen. Danach richtet sich der Grundstückspreis.

Handelt ihr diese Quoten für jedes einzelne Projekt immer wieder neu mit der Stadt aus?
Heute sind wir und andere Akteure mit in den Gremien, in denen die Mischung schon vor Ausschreibung der Grundstücke besprochen wird. Also die Stadt sagt, sie braucht soundsoviel Geld für das gesamte Gebiet, um es auch entwickeln zu können, teilt z.B. die Fläche auf in 50 Prozent geförderte und 50 Prozent frei finanzierte Wohnungen. An welcher Stelle es aber mehr geförderte oder mehr frei finanzierte Wohnungen geben soll, wird auch verhandelt. Unser Ziel war es von Anfang an, geförderte und frei finanzierte Wohnungen zu mischen, um der Ghettoisierung in der Stadt etwas entgegenzusetzen. Das sind politische Ziele. In unseren Projekten wird niemand feststellen können, welches eine geförderte und welches eine frei finanzierte Wohnung ist. Wenn jemand Mitglied wird, muss er alle Rahmenbedingungen kennen, außerdem für sich klären: lasse ich mich darauf ein und bin ich bereit, mich einzulassen und auszusetzen? Bin ich auch bereit, an mir zu arbeiten? Denn aussetzen heißt, ich muss kompromissbereit sein, ich muss mich auch öffnen wollen, wenn ich etwas gemeinsam auf die Beine stellen will.


Ich habe oft in den Gruppen gesagt, nehmt die Bilder aus euren Köpfen, lasst euch nicht ein auf die Wohnungen, die ihr schon kennt, überlegt etwas Neues.

 

Und wie führt ihr das Gespräch mit den Einzelnen? Habt ihr etwas verschriftlicht, was ich dann mit nachhause nehmen und womit ich mich beschäftigen kann?
Unser letztes großes Projekt, wagnisART hat ein Motivationsschreiben eingeführt. Ich habe früher immer begeistert dargestellt, was die Genossenschaft ist und was wir alles Tolles wollen und was wir alles Tolles machen. Aber seit wagnis3 habe ich immer gefragt: was bringst du in die Genossenschaft ein? Also andersherum gedacht als früher.

Das finde ich interessant. Wie ist es zu diesem Dreh im Denken gekommen? Kannst du dich daran erinnern?
Ja, weil das Konsumdenken und die Erwartungshaltung bei uns in der Gesellschaft so sehr verbreitet ist, dass bei aller Idealisierung, mit der die meisten ja kommen, gar nicht auffällt, dass das alles Wünsche sind. Aber der Schritt vom Wunsch zur Tat, der ist eben für viele sehr groß.

Das ist genau der Punkt, mit dem ich mich gerade auch beschäftige. Ich stelle in den Gruppen, mit denen ich zu tun habe, fest, dass es viele Wünsche gibt, viel Hoffnung und auch viel Erwartung.
Und deshalb ist die wichtigste Frage: bin ich bereit, mich auf die Idee, anders wohnen zu wollen, tatsächlich einzulassen. Das muss jeder für sich spüren. Seit wagnisART führen wir Individualgespräche unter dem Aspekt "Nachbarn suchen Nachbarn". Und wir bewerten diese Gespräche auch. Wir haben einen Belegungsausschuss gehabt, in dem ich als Vorstand mit dabei war. Häufig mussten wir dennoch hinterher feststellen, dass diese oder jene Person sich ganz entgegen seinen eigenen Aussagen verhalten hat. Man kann nicht in die Menschen reingucken. Deshalb gebe ich viel mehr darauf, spüren zu lassen, also dieses auf Ehrlichkeit basierende Gespräch zu führen und das gegenseitige Vertrauen in den Vordergrund zu stellen. Wir wollen etwas Gemeinsames! Dazu muss man sich bekennen und sich kennen lernen. Dafür muss ich keine Arbeitsgruppen bilden, da kann ich auch gemeinsam in die Berge fahren oder spazieren gehen oder mich an den See legen. Arbeitsgruppen sind wichtig, wenn etwas Konkretes da ist. Wichtig ist, dass man spürt, was den und die Anderen bewegt, und ist das auch im Gleichklang, oder ist das eine Herausforderung für mich, oder was ist das eigentlich? Ich will ja auch leben. Ich habe oft in den Gruppen gesagt, nehmt die Bilder aus euren Köpfen, lasst euch nicht ein auf die Wohnungen, die ihr schon kennt, überlegt etwas Neues. Wenn die Menschen beweglich sind, kann so ein Projekt gelingen. Aber das ist natürlich eine große Herausforderung.

Wenn ich dir so zuhöre wird mir klar, wie wichtig die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt sind. Wollen tun ja viele, und Sehnsucht ist auch da, vor allem bei vielen älteren allein stehenden Frauen. Übrigens: in den Mehrgenerationen-Projekten finden Frauen über 65 oft keinen Platz mehr, weil das Kontingent dieser Altersgruppe schon voll ist. Das ist in Köln ein Problem. Habt ihr das hier auch?
Als wir angefangen haben war das Gleichgewicht der Generationen noch größer. Doch schon mit wagnis2, das 2006 fertig gestellt wurde, habe ich bei den Informationsveranstaltungen und Führungen festgestellt, dass immer mehr ältere Leute kommen. Ich habe damals schon gesagt, man könnte viele Häuser füllen nur mit Älteren, doch das würde dem Ziel von Allgenerationenwohnen widersprechen. Viele von den Älteren sind sehr festgefahren. Frauen in unserem Alter sind oft überhaupt nicht bereit, tatsächlich ihr Leben zu verändern und auf bestimmte Lebensgewohnheiten zu verzichten und sich auf Neues einzulassen. Da kamen und kommen nach wir vor viele Forderungen.

Die Generation, die nach dem Krieg geboren wurde und diesen unglaublichen Leistungsdruck hatte, in Kleinfamilien aufgewachsen ist und dann oft allein stehend war, die hat unglaubliche Ansprüche entwickelt. Die meisten wollen sich gut versorgt sehen.

Bei älteren Frauen sind oft die Sorge um ihre Zukunft und ein gewisser Versorgungsanspruch die treibende Kraft, in ein Gemeinschaftsprojekt zu gehen. Und die meisten von ihnen wünschen sich, mit Jüngeren zusammen zu wohnen.
Wir bieten in unseren Projekten für das Mehrgenerationenwohnen eine Mischung aus großen und kleinen Wohnungen an. Alleinstehende wünschen dann sehr oft größere Wohnungen mit entsprechend großer Küche etc. Bei wagnis 4 war das so, und das war für mich der Anlass, nach neuen Wohnformen zu suchen, auch um diesem Verkonsumieren etwas anderes, einen anderen Wertekatalog entgegenzusetzen. Ich habe dann z.B. Cluster-Wohnungen angeboten. Ich denke wir müssen versuchen anders zu leben, um andere Erfahrungen zu machen, um daraus wieder Anderes entstehen zu lassen.

Sind die Cluster-Wohnungen angenommen worden?
Nein. Hier nicht. Aber in wagnisART haben wir die Cluster in den Zielekatalog aufgenommen. Ich hatte das von Anfang an mit den Architekten besprochen, und auch die Gruppe selber war aufgeschlossener und hatte aufgrund der längeren Vorbereitungszeit genügend Möglichkeiten, sich mit den neuen Wohnvorstellungen auseinander zu setzen. Wir haben Exkursionen zu Orten gemacht, wo Cluster-Wohnungen schon bestanden, also Zürich und Wien, wo mehr politischer Wille zur Veränderung dahinter steht. Einige waren danach sehr begeistert, und diese Begeisterungsträger haben dann wiederum andere begeistern können.

Wie viele Cluster-Wohnungen habt ihr?
Wir haben 9 Cluster mit zwischen 5 und 9 Parteien.


Die Selbstverwirklichung hatte ja ihre Wichtigkeit, doch wenn wir überleben wollen auf unserer Erde, dann müssen wir unseren Blick wieder heben. Ich setze auf Lernprozesse, auch bei Älteren.

 

Kannst du bitte mal genau erklären, was eine Cluster-Wohnung ist.
Ich nenne es inzwischen so: es ist eine Großfamilienwohnung, die einzelnen Mitglieder haben Apartments in unterschiedlicher Größe, unterschiedlicher Förderung und Finanzierung. Eine Cluster-Wohnung hat einen gemeinsamen großen Wohn- und Kochbereich als Gemeinschaftsfläche, um die herum sich die Apartments gruppieren.

Die einzelnen Apartments sind unterschiedlich groß. Sie werden von einer, zwei, drei und in einem Fall sogar von vier Personen bewohnt, und entsprechend groß ist ihr Wohnungsbereich. Jedes Apartment hat eine Nasszelle und die Möglichkeit, eine kleine Küche einzubauen, Anschlüsse sind überall vorhanden. Die Bewohner nehmen die Möglichkeiten ganz unterschiedlich wahr. Es gibt sehr gut funktionierende Gruppen, aber es gibt auch schon die ersten Konflikte.

Ich wollte aber noch etwas anderes sagen: Es sind nicht nur die Älteren und Alten, die bestimmte Vorstellungen und Ansprüche äußern, es sind genauso die jungen Familien und die allein stehenden Mittelalterlichen, die diese Anspruchshaltung haben. Es ist die Anspruchsgesellschaft, die mich irritiert und mich immer wieder veranlasst, neue Wege zu suchen. Daher auch mein Satz: Keine Selbstverwirklichung in der Steckdose.

Wo kommt dieser Satz her? Was meinst du damit?
Jeder ist auf sich orientiert und jeder denkt an seine Wünsche und nicht daran, was tut uns allen gut. Das ist ja auch in der Nachhaltigkeitsdiskussion ein Thema. Aber wenn wir sagen, wir wollen "Wohnen und Arbeiten in der Gemeinschaft", muss ich doch auch an die Gemeinschaft denken und nicht nur an mich, es zumindest versuchen.

Es ist dabei unsere Aufgabe zu fragen, was geht uns alle an und nicht, was geht nur mich selber an. Wir haben in wagnis1 diesbezüglich unglaublich viele Fehler gemacht. Es wurde beim Planen und beim Bauen z.B. allen erlaubt, selber zu wählen wo die Steckdosen angebracht werden. Dann gab es hinterher den großen Ärger, weil die eine Steckdose 2 Zentimeter zu weit rechts und die andere 2 Zentimeter zu weit links angebracht war, und weil das gewünschte Glasauge in der Wand nicht passte, weil der Parkett nicht stimmte, und der Bodenbelag nicht so war, wie man ihn sich vorgestellt hatte. Jeder will in Gemeinschaft leben und wohnen, kümmert sich aber nur um seine eigenen Angelegenheiten und um all die Dinge, die für ihn unglaublich wichtig erscheinen. Den Fehler machen ganz viele Wohnprojektgruppen, dass sie sich sehr an den eigenen Wünschen orientieren statt gemeinsam eine gute Grundausstattung festzulegen und daraus etwas individuell zu entwickeln. Das ist ein Lernprozess. Wir können nicht von fertigen Lösungen ausgehen. Die Selbstverwirklichung hatte ja ihre Wichtigkeit, doch wenn wir überleben wollen auf unserer Erde, dann müssen wir unseren Blick wieder heben. Ich setze auf Lernprozesse, auch bei Älteren. Dafür gibt es gute Beispiele.

Die Arbeit, die du machst, machst du das ehrenamtlich oder bekommst du Geld dafür?
Ich bin nicht mehr tätig. Seit 2 Monaten nicht mehr. Ich war Initiatorin und 15 Jahre geschäftsführender Vorstand bei wagnis und habe seit 2003 für meine Tätigkeit Geld bekommen. Das war übrigens auch ein Lernprozess für mich. Ich wollte nicht bezahlt werden, ich wollte die Tätigkeit ehrenamtlich ausführen, weil ich die Entwicklung ja auch für mich selbst wollte. Aber in unserer geldigen Welt wird die Arbeit, die nicht bezahlt wird, nicht geschätzt. Und deshalb habe ich dann mit dem Aufsichtsrat einen Anstellungsvertrag abgeschlossen.

Warst du die einzige, die für ihre Tätigkeit bezahlt wurde?
Ja, lange Jahre. Allerdings hatten wir auch noch zwei bezahlte Halbtagskräfte im Büro.

Und wie sieht das jetzt mit dem neuen Vorstand aus?
Der schaltet ganz um, das Personal wird verstärkt und alle werden bezahlt. Ich bin der Meinung, für mehr als 10 Stunden Arbeit in der Woche für die Genossenschaft muss man bezahlt werden.

Wieviele Häuser habt ihr mittlerweile?
Wir haben 5 Projekte, aber wie viele Häuser, da müsste ich erstmal nachzählen, ich glaube es sind 18 Häuser.

Und wie viele Wohnungen habt ihr insgesamt?
Über 400 Wohnungen. Unsere Projekte sind immer im Quartier verankert und spielen eine Rolle in der Quartiersvernetzung. Das war uns immer wichtig, und das merkt man z.B. auch hier am Ackermannbogen sehr gut. Wir hatten anfangs ja auch noch einen Quartiersverein gegründet, der hier ins Viertel hinaus strahlt, und es gibt da inzwischen keinen Unterschied mehr zwischen wagnis-Bewohnern und anderen Bewohnern. Wir haben immer versucht, ein Konzept zu realisieren, was mehr bietet als nur Wohnungen. Es gibt deshalb nicht nur Gemeinschaftsräume für uns, sondern immer einige Einrichtungen, die das Quartier mit einbeziehen. In wagnis1 zum Beispiel bauten wir ein Nachbarschaftscafé, was lange die einzige Einrichtung für Quartiersvernetzung war. Verbunden mit einer Nachbarschaftsbörse, also einer Beratungsstelle mit Raumangebot für Gruppen aus dem Quartier. Das haben wir in wagnis3 dann noch einmal wiederholt. In unserem 5. Projekt, in wagnisART, haben wir alles Bisherige getoppt: Hier wurde ein großer Veranstaltungssaal und natürlich auch das Café realisiert, es gibt Werkstätten, Praxen, Musikübungsräume und andere Infrastruktur-Einrichtungen, so dass da von Anfang an städtisches Leben passiert.

Hier in wagnis4 gibt es ja auch den Kiosk und eine Betreuungsstelle für Älterwerden im Quartier. Das ist eine halb private, halb öffentliche Angelegenheit, in der wir mit der Diakonie und einer städtischen Wohnbaugesellschaft zusammen arbeiten. So hat jedes Projekt immer etwas Besonderes und eine Quartiersrelevanz.


Ich bin der Überzeugung, dass die Akteure im Wohnbau-Umfeld viel früher in die Entwicklung von Quartieren einbezogen werden sollten.

 

Baut ihr immer mit denselben Architekten, oder sucht ihr immer andere?
Mich selber hat es sehr interessiert, wie Partizipation auch durch die Architekten bei Wiederholung funktioniert. Wir haben für wagnis4 die Architekten beauftragt, die wagnis1 gebaut haben. Natürlich in Absprache mit der Gruppe, denen die Architekten vorgestellt wurden. Und in wagnisART wurden wieder die Architekten zu einem Wettbewerb eingeladen, die für wagnis3 verantwortlich waren. Bei den Architekten ist es wirklich die Frage, wie weit sie sich auf die Bewohner einlassen können. Allein nur Laubengänge oder irgendwelche Gemeinschaftsräume zu planen und zu bauen, reicht nicht aus. Man muss auch ein Stückchen weit gesellschaftspolitisch denken, um städtebauliche und gemeinschaftsorientierte Ziele formulieren zu können. Wie unsere Städte in Zukunft aussehen sollen, liegt auch in unserer Hand. Und da sehe ich wagnis mit seinen Leuchtturmprojekten stärker noch als viele kleine Gruppen in der Verantwortung und auch in der Verpflichtung, wohnungspolitisch auf die Stadt und die entsprechenden Behörden einzuwirken. Wichtig ist der Anstoß, sind die Samenkörnchen, die wir streuen.

Was mich noch interessiert ist, wie kommt ihr an die Grundstücke? Habt ihr einen besonders guten Kontakt zur Stadt?
Nein und Ja. Also auch die Stadt hat gelernt, und wir haben auch gelernt. Das war ein Aufeinanderzubewegen, denke ich. Die Stadt schreibt inzwischen Grundstücke konzeptionell aus. Es gibt in städtebaulichen Entwicklungsgebieten entsprechende Ausschreibungskriterien, die vor der Ausschreibung gemeinschaftlich formuliert werden. Inzwischen agieren im Wohnbau-Umfeld auch andere Genossenschaften und Einzelplayer, die das Gemeinschaftliche schon in der Entwicklung von Baugebieten suchen und Konsortien gründen. Ich bin der Überzeugung, dass die Akteure im Wohnbau-Umfeld viel früher in die Entwicklung von Quartieren einbezogen werden sollten. Im Domagk-Gelände, wo wagnisART entstanden ist, gründeten wir z.B. frühzeitig ein Konsortium, mit mittlerem Erfolg. Mittlerer Erfolg heißt für mich: Es wurde zwar von allen eine Charta unterschrieben, auch von den Baugemeinschaften, die dort auftraten, mit dem Ziel, dass sich alle um Infrastruktur und Gemeinschaftsräume und deren Vernetzung kümmern, dass sie ökologisch und nachhaltig bauen und so weiter, aber noch fehlt es z.T. an Inhalten, muss die Vernetzung umgesetzt werden.

Wem gegenüber wurde diese Charta unterschrieben?
Untereinander. Also alle Player, oder fast alle, die sich dort um Baufelder bemühen wollten oder beworben haben, sind vorher diesem Konsortium beigetreten durch Unterschrift unter die Charta. Auch städtische Bauunternehmen und andere Bauträger haben das Konsortium unterstützt. Das ist sicher beispielgebend. Es reicht aber nicht, nur Gemeinschaftsräume zu bauen, sondern man muss sie mit Leben füllen, und die Menschen dahinter müssen Ideen mit in die Gemeinschaft tragen. Baugemeinschaften, die im Erdgeschoss ihren 40 m² großen Gemeinschaftsraum unterbringen, müssen offen dafür sein, dass dort dann auch etwas passiert. In den Baugemeinschaften sind die Menschen oft so stark mit sich selbst beschäftigt, dass sie sich häufig nicht im Quartier engagieren. Das ist das, was ich der Stadt immer beibringen möchte, dass nicht die Baugemeinschaften, sondern die Genossenschaften zu mehr Gemeinschaftsleben im Quartier beitragen, denn sie haben ein viel größeres Interesse daran. Allein schon von ihrer Satzung her sind sie ganz anders gemeinschaftlich ausgerichtet.

Zum Schluss noch etwas ganz anderes. Ich frage bei diesen Interviews immer auch nach einem Kochrezept. Gibt es eine Lieblingsspeise, die du besonders gerne isst?
Ich nasche am liebsten im Garten Obst. Ich habe selbst einen Garten und habe früher auch mal zusammen mit meinem Mann ein Kräuterbuch geschrieben. Das ist 1979 erschienen, und die erste Auflage hieß Kraut und Unkraut zum Kochen und Heilen. Ich habe sehr viel für Wildkräuter und für ursprüngliches Obst übrig. Und ich esse gern Kartoffeln mit Spinat und Wildkräutern oder mit Kräuterquark. Oder Salat mit Gänseblümchen oder Schafgarbe und Löwenzahn, auch Rosenblüten, oder Blütenblättern von Sonnenblumen, die man verwenden kann.

Ich habe noch ein Rezept, das ich gerne mache, auch heute wieder, weil unser Wochenmarkt ja heute stattfindet. Ich bereite sehr gerne Gemüsesuppen zu, auch mit Fleisch vom Biobauern, der bei uns jeden Mittwoch auf dem Markt steht. Da kommen dann Pastinaken, Petersilienwurzel, Lauch, manchmal auch Kartoffeln, rote Beete und Mohrrüben hinein. Und wenn es gut durchgekocht ist, aber es muss auch knackig sein, dann streue ich mir Schnittlauch oder Dill darüber. Für diese Jahreszeit einfach ideal.

Mehr über die wagnis Genossenschaft unter www.wagnis.org

 
   
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