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Heide Wroblewski, Quartier am Albgrün in Karlsruhe.

Zum Interview trafen wir uns am 23. November 2017 in Karlsruhe.

 

 
 
Heide Wroblewski

Ich würde gerne anfangen mit Daten und Fakten. Wie viele Häuser habt ihr hier auf dem Gelände gebaut?
Wir haben hier 7 Häuser gebaut.

Wie viele Wohnungen habt ihr?
Das sind 94 Wohnungen. Dann haben wir eine Arztpraxis, eine Praxis für Ergotherapie, eine für Physiotherapie und einen Pflegedienst. Für diese Unternehmen haben wir einen Investor gefunden, weil die nur zur Miete in das sogenannte Gesundheitshaus wollten.

Ihr habt ja unterschiedliche Rechtsformen hier im Projekt, welche sind das?
Wir haben drei Rechtsformen, das ist außergewöhnlich und in Deutschland ein Pilotprojekt. Wir wollten ja erreichen, dass wir ein echtes Mehrgenerationen-Wohnprojekt sind und haben uns deswegen überlegt, wie kriegen wir die Leute dazu zusammen. Deswegen haben wir Eigentumswohnungen angeboten, haben extra eine Wohnbaugenossenschaft gegründet, und die städtische Wohnungsbaugesellschaft, die Volkswohnung, stand natürlich für die Errichtung von Mietwohnungen.

Das ist ja ein ehrgeiziges Unterfangen, dass ein einziges Projekt sich traut, alle drei Rechtsformen zu verwirklichen. Das habe ich so noch nie gehört.
Und es ist extrem kompliziert. Also wir haben ja keine Parkplätze für Autos und auch keine Fahrradhäuschen auf dem Gelände haben wollen, das ist alles unterirdisch, und das berührt unterschiedliche Grundstücke, die den einzelnen Häusern zugeordnet sind, und das alles vertraglich und notariell abzustimmen, also das würden wir so nicht nochmal machen wollen.

Habe ich es richtig verstanden, dass ihr die unterschiedlichen Rechtsformen gewählt habt, weil ihr davon ausgegangen seid, dass die eine Rechtsform für die einen und die andere für die anderen attraktiver ist?
Ja. Genau.

Für wen ist denn die Eigentümer-Rechtsform attraktiv gewesen?
Für die jungen Familien.

Und die Genossenschaft?
Das ist so die mittlere Altersstufe. Wir sind davon ausgegangen, dass die Genossenschaft etwas für Menschen ist, die besonders sozial eingestellt sind, weil sie ja ein gemeinschaftliches Eigentum haben und es kein Eigentumsrecht an der einzelnen Wohnung gibt. Und es ist in der heutigen Zeit, in der man seine Arbeitsstelle nicht unbedingt am Wohnort findet, sondern für einen neuen Arbeitsplatz oft die Stadt wechseln muss, da ist es sehr viel einfacher, aus einer Genossenschaftswohnung auszuziehen und das Geld wieder eins zu eins aus der Genossenschaft rauszuziehen, als eine Eigentumswohnung zu verkaufen. Im Moment ist die Situation ja gut, aber es hat durchaus Zeiten gegeben, in denen man Eigentumswohnungen nur mit großem Verlust verkaufen konnte.

Und welche Gruppe hat sich besonders für das Mietmodell interessiert?
Das waren überwiegend Leute, die schon älter waren, und später sind auch junge Familien dazu gekommen.

 


Es sind durchschnittlich jeden Monat um die 20, 30 oder 40 Leute gekommen, die sich für das Wohnprojekt interessiert haben.

 

Wann bist du hier eingezogen?
Ich bin hier vor knapp 3 Jahren eingezogen. Ich wohne hier zur Miete.

War das deine ursprüngliche Idee?
Nein. Meine Ursprungsidee war die Genossenschaft. Ich hatte so viel Geld, dass ich mir ausgerechnet hatte, ich könnte es packen. Wir mussten 25 Prozent der Entstehungskosten einer Wohnung in die Genossenschaft einzahlen, und ich hatte mir ausgerechnet, bis 2.500 Euro pro Quadratmeter könnte ich gehen. Es hat sich sehr schnell gezeigt, dass das nicht reichen wird. Die Kosten sind sogar über 3000 Euro gestiegen. Und ich will ja auch noch die Wohnung einrichten und auch leben und so weiter, und da bin ich sehr schnell zur Miete gewechselt. Es hat übrigens einige Wechsel gegeben. Leute, die ursprünglich bei der Genossenschaft waren, haben sich doch für Eigentum entschieden, oder welche, die bei den Mietern waren, haben festgestellt, wir haben genug Geld für die Genossenschaft. Oder es waren Leute wie ich, die gesagt haben, nein, das kann ich jetzt nicht mehr aufbringen.

Ist es dir damals schwer gefallen, von der Genossenschaft zur Miete zu wechseln?
Ja, das war schon schwer. Weil es mit den Menschen, die in der Genossenschaft aktiv waren, eine gewisse Verbundenheit gegeben hat. Obwohl es im Projekt so ist, dass sich die Leute aller Rechtsformen miteinander mischen, jetzt wo wir einmal hier wohnen.

Erinnerst du dich noch, wie vor 10 Jahren alles anfing?
Wir haben im November 2007 die erste öffentliche Veranstaltung gehabt, um Leute zu suchen und haben gleich erzählt, es sind diese drei Rechtsformen vorgesehen. Man konnte sich gleich ohne Verpflichtung einer bestimmten Rechtsform zuordnen, um schonmal festzustellen, was haben wir eigentlich für Wünsche. Damals gab es noch nichts, keine Pläne gar nichts, nur ein eventuelles Grundstück. Aber noch nicht mal einen Bebauungsplan.

Wer war dieses „wir“, damals 2007?
Ich hatte einen Artikel über das vorgesehene Projekt gelesen. Ich war auf der Suche nach einer altersgerechten Wohnung, um meiner Tochter zu ersparen, was ich mit meinen Eltern mitmachen musste, als sie Hilfe und Unterstützung brauchten. Ich war viele Jahre mehr auf der Autobahn und auf der Strasse zu meinen Eltern unterwegs… und ich wollte, dass meine Tochter später entlastet ist.

Wie alt warst du 2007?
Da war ich 68. Ich hatte eine kleine Lebensversicherung, die mir mit 70 ausgezahlt werden sollte, und ich hatte mir vorher schon überlegt, wenn ich dieses Geld bekomme, das ist der Zeitpunkt, an dem ich mich spätestens um eine neue Wohnsituation kümmern werde, und darauf habe ich hingearbeitet. Und als ich den Artikel in der Zeitung gelesen hatte, habe ich sofort angerufen und war auf dieser ersten Veranstaltung, die hier in der Nachbarschaft bei der Freiwilligen Feuerwehr stattgefunden hat.

Wie viele Leute waren da gekommen?
Das waren über 50 Leute, die mussten teilweise auf der Heizung sitzen. Später sind sogar manchmal mehr gekommen. Das hat viele Leute angesprochen, und es sind durchschnittlich jeden Monat um die 20, 30 oder 40 Leute gekommen, die sich für das Wohnprojekt interessiert haben. Im November 2007 kam ich also dazu, und schon im Januar wurde ich verdonnert, eine Aktion zu machen.

Was war das für eine Aktion?
Die ARD hat damals eine Woche lang über Generationen übergreifende gemeinschaftliche Projekte und Aktivitäten berichtet, im Fernsehen und auch im Radio. Die Stadt Karlsruhe wollte zu dem Thema auch etwas anbieten und hat verschiedene Institutionen zusammengerufen zu Vorträgen oder mit kleinen Infoständen, und das sollte ich für unser Projekt machen, wo es noch gar nichts gab. Ich stand also das 1. Mal völlig allein, hatte von Tuten und Blasen keine Ahnung und musste von irgendwoher Flyer kriegen und einen Tisch und Stühle und Material, und da hat mir die Stadt sehr geholfen und auch die Volkswohnung, die hier das Mietshaus gebaut hat.

Das heißt, die Volkswohnung war damals schon im Boot.
Der gehörte ein Teil des Grundstücks, das für das Projekt vorgesehen war.
Und deswegen war sie im Boot.

 


Wir haben uns als die Lokomotiven des Projekts bezeichnet. Wir haben die Leute mit unserer Begeisterung mitgezogen.

 

Du hast gesagt: „ich wurde verdonnert“. Was heißt das, wer hat dich „verdonnert“?
Wir hatten einen Moderator. Die Stadt Karlsruhe hatte nach einem Moderator gesucht, der schon solche Gemeinschaftlichen Wohnprojekte entwickelt hatte und Rainer Kroll für unser Projekt engagiert.

Hat die Stadt Herrn Kroll auch bezahlt?
Ja, für die ersten Info-Abende. Herr Kroll hat seine Erfahrung präsentiert und uns Bilder davon gezeigt, wie das in den Niederlanden läuft, was in Tübingen schon gelaufen ist, was in Bielefeld gelaufen ist und von wagnis in München, was die alles schon entwickelt hatten. So hat er uns da rangeführt. Die Leute, die damals zu den Veranstaltungen kamen, wussten: Wir wollen anders leben, wir möchten nicht in einem Wohnsilo verkommen wo vielleicht nebenan Leute krank werden oder sterben und wir kriegen das nicht mit. Also wir wollten anders miteinander leben, aber wie genau das gehen kann, das wusste niemand.

Was hat dich denn damals motiviert, dich allein an diesen Stand zu stellen und aktiv zu werden?
Also ich kann es manchmal nicht aushalten, wenn irgendwo angefragt wird, wer erklärt sich bereit, irgendwas zu machen und das große Schweigen bricht aus. Da kommen bei mir zwei Komponenten ins Spiel, ein Mal dieses Aushalten, keiner meldet sich, und dann habe ich immer Lust, irgendwas Neues zu machen, und habe auch keine Angst, ins kalte Wasser zu springen. Ich habe das Gefühl, dass mir immer alles gelungen ist. Dabei ist das gar nicht so. Es sind auch Sachen daneben gegangen, aber das darf man sich dann auch nicht so zu Herzen nehmen.

Das sind ja die allerbesten Voraussetzungen, um im freiwilligen Engagement so aktiv zu werden, wie du das hier gemacht hast.
Ja. Ich war von Anfang an aktiv dabei. Wir waren zu dritt, seit dem 1. Tag. Die beiden anderen und ich haben uns gegenüber gesessen und haben gemerkt, da ist was. Das war ein Paar. Er war sehr erfahren, was Genossenschaft anging, und er wollte unbedingt genossenschaftlich wohnen und seine Partnerin auch. Wir drei haben uns gefunden und besonders der Rudi und ich. Wir haben uns als die Lokomotiven des Projekts bezeichnet. Wir haben die Leute mit unserer Begeisterung mitgezogen. Wenn der Rudi anfängt zu reden ist das so ähnlich wie bei mir, das sprudelt dann nur so.

Und wo wohnen diese beiden jetzt, im Genossenschaftshaus?
Ja.

Ich habe heute Morgen bei meinem Rundgang zwischen den Häusern hier verschiedene Plakate und Fotos gesehen, auf denen du immer wieder zu sehen bist. Das zeigt ja, dass du ein wichtiges aktives Mitglied des Projekts bist. Du bist ja auch Geschäftsführerin des Projekts gewesen. Wann war das, und welche Aufgaben hast du da übernommen?
Dazu muss ich sagen, der Projektentwickler hat ja nur eine beratende Funktion für das Projekt. Wir Bewohner sind ja diejenigen, die Entscheidungen treffen und Verträge abschließen müssen. Nach etwa einem halben Jahr ist der Geschäftsführer, den man zwischenzeitlich gefunden hatte (das war ein Bauingenieur), aus familiären Gründen ausgestiegen, und dann brauchte man dringend jemanden, der das Projekt nach außen vertritt. Man brauchte jemanden, der Ansprechpartner war, auch für die Stadt. Wir waren mittlerweile zu einer Gruppe geworden und haben an den Fragen gearbeitet: Was wollen wir eigentlich? Wie soll das aussehen? Wie wollen wir später leben? Was möchten wir alles bewegen? Das haben wir 2 Jahre hin und her gewälzt. Und dafür brauchte man jemanden, der Ansprechpartner war, auch für die Presse.

Und diese Funktion habt ihr Geschäftsführer genannt?
Ja. Das kann man nicht mit einer Geschäftsführung von einem Unternehmen vergleichen, denn dieser Geschäftsführer hatte keine Entscheidungsgewalt, sondern war praktisch ein Mittler zwischen dem, was von der Stadt an uns herangetragen wurde und dem, was von der Basis, von den künftigen Bewohnern, vermittelt werden sollte, das habe ich weitergetragen. Ich war auch Pressesprecherin.

Also du warst sozusagen das Gesicht des Projekts nach außen.
Ja. Mein größtes Anliegen war, diese Menschen, die sich für die Idee interessierten, so zusammenzuhalten, dass sie über die ganze Bauphase bis zum Einzug und zum Wohnen Kontakt miteinander haben.

Über wie viele Jahre hast du das gemacht?
Das habe ich 6 Jahre gemacht, aber bis wir eingezogen sind, sind es 8 Jahre gewesen.

Hat dir diese Aufgabe Freude gemacht?
Ja, sehr viel. Ich habe in meinem Leben nie so viel gearbeitet wie damals. Wenn man mich fragt, was ich denn gearbeitet habe, weiß ich das nicht mehr, aber ich habe von Montagmorgen bis Sonntagabend und von morgens bis abends mit dem Projekt zu tun gehabt, und es war mir nichts zu viel.

Du warst ja schon aus dem Berufsleben ausgeschieden, hast keine Kinder mehr zu versorgen und keinen Mann, so konntest du dich dem ja voll und ganz widmen.
Ja, und wir wollen uns hier gegenseitig so unterstützen, dass die Jungen für die Alten da sind, aber die Alten auch für die Jungen. Und die jungen Leute hätten wegen ihrer Berufstätigkeit das alles gar nicht machen können.


Wir hatten keine Pläne und nichts, und trotzdem waren die Leute dabei.

 

Es ist ja oft so, dass die Älteren die Antreiber der Wohnprojektgruppen sind und die Aktiven, und dann suchen sie im Laufe des Planungsprozesses oft sehr intensiv nach Jüngeren. Ist das bei euch auch so gewesen?
Nein. Die kamen einfach von Anfang an. Wir wussten zum Glück nicht, dass alles so viel länger dauert, als erwartet. Es hat Situationen gegeben, die wir nicht zu verantworten hatten, die zu einer Verzögerung von 2 Jahren geführt haben. Wenn wir das vorher gewusst hätten, dass es so lange dauert, hätten einige Leute nicht mitgemacht.

Du bist 2007 aktiv geworden, und wann wurde der Grundstein gelegt?
Das war 2010.

Und wann bist du eingezogen?
Das war 2015.

Wann ist das letzte der Häuser hier fertig geworden?
Das war 2016, als die letzten eingezogen sind.

Würdest du das alles nochmal machen?
Für andere Leute nicht, aber es war so eine wertvolle Erfahrung… ich habe so viel gelernt…

… man könnte auch sagen, du hast eine Alterskarriere gemacht.
Ja wirklich. Ich hatte eine Ärztin, die sich mit Astrologie beschäftigt hat, und die kam eines Tages und hat gesagt: Auf Sie kommt nochmal was ganz Großes zu. Und ich habe mich gefragt, was kann das denn sein? Und es war dieses Projekt.
Als ich in Rente gehen wollte, hatte ich mir ja vorher überlagt, was mache ich denn jetzt? Kaufe ich mir einen Hund oder eine Katze, und dann habe ich gesagt, nein das kann es alles nicht sein, und dann habe ich ja 8 Jahre lang einen Job im Museum gemacht. Und das war schon auch eine 2. Karriere, weil ich da mit Menschen aus aller Welt zu tun hatte und meine sprachlichen und kulturellen Kenntnisse anbringen konnte. Und als das aufhörte, war ich total deprimiert, und auf ein Mal fiel mir dieser Artikel zu der ersten Versammlung für dieses Projekt ins Auge.
Ich wollte aber noch etwas ergänzen: Also 2, 3 oder 4 Jahre lang hat kein Mensch gewusst, was das alles hier mal kosten wird. Wir hatten keine Pläne und nichts, und trotzdem waren die Leute dabei.

Das heißt ja, dass ihr die Vision gut verkauft habt.
Ja, ich kann gut andere begeistern, ohne ihnen etwas überzustülpen.

Oft springen ja Leute aus den Anfangszeiten der Gruppen ab, wenn das Grundstück klar wird. War das bei euch auch so?
Nein, denn wir wussten ja von Anfang an, dass es dieses Grundstück sein wird, wenn wir rechtzeitig zu Potte kommen. Die Stadt hatte den Herrn Kroll für dieses spezifische Grundstück engagiert.

Für wie lange?
Ich nehme an, ein halbes Jahr. Dann mussten wir die Finanzierung übernehmen. Er hat dann Finanzierungspläne entwickelt, und wir haben relativ bald angefangen, die Leute in die Kostenpflicht zu nehmen, weil sonst viele Leute dabeisitzen und Wünsche äußern und Entscheidungen mittreffen aber keine Verbindlichkeiten eingehen.

Wann habt ihr angefangen, Geld einzusammeln?
Das war bestimmt schon nach einem halben Jahr. Ich glaube ich habe vielleicht 600 Euro eingezahlt. Wir mussten ja Flyer haben, wir brauchten Plakate, ein Logo, und wir mussten auch mal einen Café bezahlen für irgendwelche Leute, die kamen, und wir mussten Herrn Kroll anteilmäßig bezahlen. Wir hatten eine Kasse in die jeder, der mitmachen wollte, 600 Euro einzahlte, und die waren verloren, denn das war ja Geld, was ausgegeben wurde. Das „verloren“ bezieht sich auf Interessenten, die wieder ausgestiegen sind. Für die künftigen Bewohner wurde das angerechnet.

Kannst du dich erinnern, wie viele Leute ihr damals ward?
Das waren bestimmt 50, 60 Leute. Wir hatten ja eine Kasse für die verschiedenen drei Rechtsformen. Buchhaltungsmäßig wurde genau erfasst, das war aufgeschlüsselt, wieviel Prozent für welches Projekt zu verwenden waren.

Wer hat diese Buchführung gemacht?
Herr Kroll hatte Kontakt zu einer Spezialistin, die für Genossenschaften die Buchhaltung macht, außerdem zu einem Juristen und zu einem Finanzberater.

 


Wir Bürger haben hier 21 Millionen Euro bewegt.

 

Habt ihr eigentlich in einem bestimmten Stadium einen Verein gegründet?
Nein. Wir haben erst seit etwa anderthalb Jahren einen Verein, das ist ein Kulturverein, der alle sozialen und kulturellen Aktivitäten bündelt.
Aber ich wollte noch etwas anderes Wichtiges erzählen: Es gab damals ja noch keinen Bebauungsplan, also musste zusammen mit der Stadt und mit der Volkswohnung ein Masterplan entwickelt werden, und dazu haben wir mit der Architektenkammer 5 Architektenteams ausgesucht, die sich auch schon mit solchen oder ähnlichen Projekten beschäftigt hatten. Es hat dann eine dreitägige Bürger-Architekten-Planungswerkstatt gegeben. Es hat ein Jahr gedauert, bis wir das alles unter Dach und Fach hatten, eine große Halle..., die wichtigen Leute mussten alle Zeit haben. Wir hatten einen Planer, der solche Großprojekte durchführt. Die Volkswohnung hat die ganzen Kosten übernommen, holt sie sich aber über die Mieten wieder zurück, sozusagen. Und die Ausschreibung für die Architekten war so, dass sie erst 10 Tage vor dem Werkstatt-Termin die Unterlagen bekommen haben und noch nicht genau wussten, was das eigentlich werden soll. Der 1. Schritt war dann, dass jeweils Personen unserer verschiedenen Rechtsform-Gruppen und ein Architektenteam zusammen gebracht wurden, und die künftigen Bewohner haben den Architekten gesagt, was wir eigentlich wollen. Also es war nicht so, dass die Architekten irgendwas entwickelt haben und uns vorgelegt haben, sondern umgekehrt.
Das war eine richtige 3-tägige Werkstatt, und das war arbeitsintensiv, von morgens bis abends, und die Architekten haben über Nacht gearbeitet. Und es wurde gewechselt, so dass jedes Architektenteam mal mit jeder Rechtsform-Gruppe zusammen kam. Beim 1. Gespräch haben die Architekten schon angefangen, etwas aufzumalen, und wir haben gesagt: Nein, da möchten wir lieber hier noch einen Laden haben, und das könnte so sein…

War denn das Grundstück damals schon aufgeteilt und stand schon fest, wer wo bauen wird?
Nein. Über Nacht haben die Architekten ihre Zeichnungen vervollkommnet, so dass wir dann am nächsten Tag darüber reden konnten. Und dann hatten wir eine ganz hochrangige Jury, da habe ich schwer für gekämpft, dass ich da reinkam, da sollte ich erst nicht drin sein. Und da haben wir gesagt, das geht gar nicht…

… wer war denn da drin?
Da war der Baubürgermeister drin, die Volkswohnung, dann waren da von den Hochschulen Spezialisten aus Freiburg, Karlsruhe und aus Stuttgart, Landschaftsplaner, Städtebauer, Architekten, Professoren, also wir waren ungefähr 20 Leute. Dann waren von jeder Fraktion aus dem Gemeinderat jemand da, von der Stadtverwaltung natürlich Leute, und da haben wir schwer gekämpft, dass jemand von uns, also von denen, die später darin wohnen werden, dazukommen muss. Zunächst waren 8 Häuser vorgesehen, aber das wäre zu eng geworden. Wir haben darauf geachtet, dass der Sonneneinfall im höchsten Sonnenstand so ist, dass er bis auf die Terrassen der einzelnen Häuser geht. Deshalb ist das hier auch so abgestuft, damit die dahinter liegenden Häuser genug Sonne kriegen.

In welchem Jahr hat diese Werkstatt stattgefunden?
Das war 2009.

Sind denn im Zuge dieser Werkstatt Entscheidungen getroffen worden?
Die Jury konnte sich zuerst nicht entscheiden zwischen 2 Entwürfen, und dann hat es nochmal eine Nachentscheidung gegeben. Der Architekt, der den Gesamtentwurf gewonnen hat, hat dann dieses Gebäude hier für die Volkswohnung gebaut. Alle anderen Projektgruppen konnten sich mit einer eigenen Ausschreibung einen eigenen Architekten suchen. Und das war dann nachher ein Problem, dass jedes Haus einen eigenen Architekten gehabt hat, denn wir wollten trotzdem Gemeinsames und Verbindendes schaffen.

Ich würde gern mal nach Geld fragen…
… also wir Bürger haben hier 21 Millionen Euro bewegt, das ist ohne das Gebäude der Volkswohnung. Wenn ich das irgendwo vortrage, bleibt den Leuten der Mund offen stehen.

 


Gemeinschaftsleben geht nicht ohne Räume, wo man sich treffen kann.

 

Ich würde dich gerne noch fragen, was glaubst du, ist besonders an diesem Projekt hier?
Also besonders ist, dass wir in der 1. Phase ohne zu wissen, was das alles kosten wird, uns aber trotzdem verpflichtet haben und uns Gedanken gemacht haben, wie wir später leben wollen. Wir haben uns ein Leitbild gegeben. Wir mussten lernen, wie wir Konflikte austragen. Ich wiederhole immer, man muss auch in der Lage sein, mit seinen Wünschen mal einen Schritt zurückzutreten, damit es für alle passt. Und das haben wir gesagt: Bei uns entscheidet die Mehrheit, wie das zu laufen hat, und alle müssen sich diesem Entschluss fügen, sonst klappt das mit uns nicht. Dieser Weg, über die Mehrheit zu entscheiden, wurde gemeinschaftlich vorab gewählt.

Ihr habt also immer mit Mehrheitsbeschlüssen gearbeitet, bis heute?
Ja. Das finde ich auch gut, denn anders kriegt man das nicht zustande. Ein Haus im Projekt hat entschieden, dass sie im Konsens entscheiden, aber die kommen mit manchen Sachen nicht zu Potte. Wir haben uns mit anderen Beschlussmöglichkeiten befasst und haben gesagt: Wir entscheiden nach dem Mehrheitsverfahren. Weil alles sowieso schon so kompliziert war, mussten wir ein Entscheidungsverfahren haben, mit dem wir gut leben können. Wir haben so gut wie nie 50 zu 50 oder 49 zu 51 gehabt, wir sind immer eher an die 75 oder 80 Prozent gekommen oder noch weiter. Wir haben gesagt: Wir wollen aufeinander achten, wir wollen andere akzeptieren wie sie sind und sie nicht ausschließen. Der Kontakt wird mit dem Einen enger sein und mit dem Anderen weiter, aber wir gehören alle zusammen und alle gehören dazu, egal was für Wünsche sie haben. Und wir wissen auch, dass sich später nicht jeder aktiv beteiligen wird. Aber wir können nicht alle Aufgaben, die anfallen, an andere Träger abgeben, die Geld dafür bekommen würden. Wir müssen viel selbst machen, sonst laufen uns die Kosten davon. Deswegen haben wir so viele Arbeitsgruppen. Und das war mir ganz wichtig, einen Informationsfluss zu halten, der immer an alle ging, damit alle immer wussten, was Sache ist.

Wie habt ihr das konkret gemacht?
Das haben wir mit Protokollen und Emails gemacht, und ich habe später angefangen, für die Leute, für die Protokolle zu kompliziert waren, einen Projektbrief zu entwickeln, in dem ich mit kurzen und knappen Worten aufgeschrieben habe, was wo entschieden wurde, oder was in welcher Besprechung interessant war, oder wo wir gemeinsam auf dem Weihnachtsmarkt waren, oder ein Frühstück in der Baugrube gemacht haben, oder wie wir den 50. Geburtstag von Herrn Kroll gefeiert haben. Alles solche Sachen habe ich da reingeschrieben.

Alles immer per Email…
… inzwischen haben wir so eine Art Intranet. Wir duzen uns hier alle, damit es da keine Unterschiede gibt, und jeder darf irgendwo mitmachen, auch wenn andere aus irgendwelchen Gründen das nicht so toll finden, denn es gibt Leute, die alles zerreden, aber Leute dürfen nicht ausgeschlossen werden.

 


Ich glaube, dass der Nachbar oder der Nächste, die anderen Menschen, einem wichtig sein sollten.

 

Wie macht ihr das, wenn Konflikte auftreten, wie geht ihr damit um?
Wir hatten 2 starke Konfliktpunkte, ein Mal als bekannt wurde, dass hier eine Kinderkrippe reinkommt, da waren viele Leute dagegen, denn sie wollten keinen Kinderlärm haben. Dabei hatten wir vorher immer gesagt, wir wollen in unserem Projekt Kinder haben, und wer mit Kindern nichts zu tun haben will, ist bei uns nicht richtig. Und auf einmal waren lauter Leute da, die gesagt haben, also bei mir gegenüber die Kinderkrippe, das will ich nicht. Und das waren 2 Fronten, die bis zum Anschreien gingen. Und da hat Herr Kroll etwas entwickelt, wir haben uns zu diesem Thema getroffen und er hatte 2 Pinnwände aufgestellt, eine für das Für und eine für das Wider, und jeder konnte auf eine Farbkarte seine Gründe und seine Meinung aufschreiben und anpinnen. Dann musste jeder nach vorne gehen und erklären, warum er dafür war oder warum er dagegen war. Es war verboten dazwischen zu reden, jeder durfte dazu sagen, was seine Meinung war. Alle anderen mussten zuhören und durften nicht unterbrechen. Es hat keine Diskussion gegeben, und dann wurden die Karten neu verteilt und es waren nur noch 2 dagegen. Die Volkswohnung hatte vorher gesagt, wenn ihr diese Kinderkrippe nicht haben wollt, dann ziehen wir uns aus dem Projekt zurück.
Beim 2. Konfliktpunkt waren 2 Häusern beteiligt und es ging darum, wer das schönere Grundstück kriegt. Da haben wir einen jungen Mann, Christoph, der gar nichts mit diesem Grundstück zu tun hatte, der in der Lage war, die verschiedenen Meinungen auseinander zu dröseln und die Leute dahin zu bringen, dass sie ruhig miteinander reden und eine Entscheidung treffen konnten. Diese Entscheidung ist ziemlich knapp ausgefallen, aber wir haben gesagt, wenn wir heute eine Entscheidung treffen, dann gilt sie, und es wird daran nicht mehr gerüttelt.

Habt ihr nicht auch mal einen Preis bekommen?
Ja. Das war 20012. Bei der Bewerbung hat uns das Stadtplanungsamt unterstützt, und es sind Leute aus Stuttgart gekommen, die mit mir einen Nachmittag lang Interviews geführt haben und mit jemandem von der Volkswohnung. Wir haben eine Plakette und 5000 Euro bekommen. Und da mussten wir auch sagen, wofür wir das Geld verwenden, und da war ganz klar, dass wir das für unsere Gemeinschaftsräume verwenden.

Hast du eigentlich auch Geld für deine Tätigkeit bekommen?
Besonders Herr Kroll wollte immer mal, dass ich mindestens 400 Euro bekomme, und ich habe das immer abgelehnt. Ich wollte das nicht. Ich war keine Fachfrau, ich habe aus meinen Emotionen und aus meiner Freude heraus gearbeitet, so wie ich das am besten konnte, und ich hatte die Befürchtung, sobald ich Geld kriege, fangen die Leute an, an einem rumzumäkeln. Und so konnte ich immer sagen, ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine Sachen erledigt, und ich mache das für euch ehrenamtlich. Das war mir wichtig. Und ich mache das ja auch für mich.

„Ohne Gemeinschaftsräume geht Gemeinschaftsleben nicht“, das hast du gestern mal gesagt.
Ja, Gemeinschaftsleben geht nicht ohne Räume, wo man sich treffen kann. Von Anfang an war klar, dass, wer hier einziehen möchte, zu der Wohnung, die er nehmen wird, sei es nun in Eigentum, in der Genossenschaft oder als Mieter, 5 Prozent der Entstehungskosten der Wohnung zusätzlich zahlen muss für die Gemeinschaftsräume und die Gemeinschaftsgrünflächen.

Das heißt, ihr habt verschiedene Gemeinschaftsräume und ihr habt Gemeinschaftsgärten…
… ja… das heißt ich, die ich ja hier so nah an der Strasse wohne und nur noch einen kleinen Balkon habe, kann mit meiner Kaffeetasse da vorne in die grüne Ecke gehen und mich dahin setzen, und es wird nicht lange dauern, bis mich da einer sieht und dann dazu kommt. Das war auch ein Auswahlkriterium für Leute, die sich für unser Projekt interessiert haben. Nur wer bereit ist, praktisch für andere 5 Prozent seines eigenen Wohnungs-Wertes draufzuzahlen… denn es kann ja sein, dass jemand sagt, ich nutze das ja gar nicht, ich will ja gar nicht in den Garten gehen, oder ich will doch gar nicht in den großen Saal gehen, er kommt nicht daran vorbei, dass er die 5 Prozent zahlen muss. Und wer dazu bereit ist und damit zeigt, dass ihm das Gemeinschaftsleben und nachbarschaftliche Nähe wichtig ist, der hat sich bereit erklärt, in dieses Projekt zu gehen. Wer nicht damit umgehen kann, dass er praktisch für jemand anderen zahlen muss, der ist in so einem Projekt nicht gut untergebracht.

Zum Schluss möchte ich dich noch fragen… mit all deiner Erfahrung… was würdest du sagen ist das Wichtigste, was eine Gruppe mitbringen muss, damit solch ein Projekt gelingt?
Ich glaube, dass der Nachbar oder der Nächste, die anderen Menschen, einem wichtig sein sollten. Nur wenn einem diese Menschen auch wichtig sind, kann man auf manches verzichten, um für alle zusammen etwas Neues zu schaffen. Wenn du nicht bereit bist, mal für einen anderen oder für andere einen Schritt zurückzutreten, dann kriegt man das nicht zustande.

Viele Dank für das Gespräch.

Webseite: Quartier am Albgrün

 
   
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