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Joachim Kolboske, Mehrgenerationen-Wohnprojekt Lebensräume in Balance in Köln.

Zum Interview trafen wir uns am 5. November 2017 in Köln-Ostheim.

 

 
 
Joachim Kolboske

Wann bist du hier in Ostheim eingezogen?
Vor zwei Monaten.

Du hast ja vorher schon in 2 anderen Wohnprojekten gewohnt und bist jetzt bei dem einen Projekt raus in dieses hier rein. Würdest du sagen, dass du dich bei all dem persönlich entwickelt hast?
Ja. Ich bin gewachsen. Ich musste auch wachsen, sonst hätte ich es nicht ausgehalten. Ich kann dadurch auch gut beurteilen, wie es mir hier jetzt geht. Ich bin hier auch mit offenen Armen empfangen worden. Die wollten mich dabei haben und mich auch halten, wegen meiner Erfahrung. Hier ist auch eine andere Beurteilungsmöglichkeit. Ich bin jetzt im Vorstand als Beirat und bin Sprecher der Hausgemeinschaft, wir haben drei Sprecher. Hier finde ich mich da wieder, wo ich denke, wo ich gut arbeiten und effektiv sein kann und meine Fähigkeiten einbringen kann.

Was meinst du mit „effektiv sein kann“?
Dass die Sachen, die ich mache, auch fruchtbar sind. Ich organisiere zum Beispiel von der Struktur und der grafischen Übersichtlichkeit her die Arbeitsgruppen. Und ich arbeite unheimlich gern mit Mindmaps, und das konnte ich hier sehr gut einbringen und den anderen auch in der Art und Weise zur Verfügung stellen, dass sie das dynamisch benutzen können. Das heißt nicht als Pdf, so wie auf der Webseite, sondern die können etwas anklicken und da geht etwas auf und wieder zu und so. Meine technischen und analytischen Fähigkeiten kann ich hier einsetzen, und die bringen auch was. Die Leute hier sagen auch: Toll, das finden wir gut, jetzt haben wir eine Übersicht und vorher nicht. Sowas meine ich mit effektiv.

Du hast mal gesagt, hier bei Lebensräume in Balance gäbe es eine tolle Willkommenskultur. Was meinst du damit?
Als erste Veranstaltung gibt es die Infoveranstaltung, zu der man kommen kann. Da wird man von 2 Personen darüber informiert, was die Eingangsvoraussetzungen sind rein technischer oder finanzieller Art. Was für Wohnungen es gibt, wieviel Geld es insgesamt kosten wird mitzumachen. Das ist überhaupt nicht preiswert hier. Das ist eher teuer. Über diese harten Fakten wird in der ersten Infoveranstaltung informiert, und man kriegt auch Papiere in die Hand, dass man mal nachlesen kann und es nicht nur hört. Dann werden Fragen beantwortet, und dann ist die Infoveranstaltung zu Ende. Dann wird man zu einem Brunch eingeladen. Das heißt, an einem Wochenende im Monat vormittags kommen fast alle Vereinsmitglieder zum Frühstücken zusammen, und die Interessenten kommen dazu, an ein riesiges, super gemachtes Büffet. Sie werden begrüßt und es wird sich ganz individuell um sie gekümmert. Alle Vereinsmitglieder tragen Namensschilder, also man weiß, wie man die Leute ansprechen kann, die Interessenten kriegen schnell mit Hand geschriebene Namensschilder, man duzt sich, es ist eine lockere Atmosphäre. Und ungefähr eine Dreiviertel Stunde bevor der Brunch zu Ende ist, haben die Interessenten die Möglichkeit, in einem separaten Raum mehr Infos zu bekommen und nachzufragen. Und dann können die Interessenten noch an Arbeitssitzungen teilnehmen, das ist die dritte Stufe. An so einer Art Vereinssitzung oder Hausgemeinschaftssitzung, in der reale Themen bearbeitet werden, personenbezogene Themen werden dort nicht gemacht, also nichts, was einzelne Mitglieder berühren könnte. Die Interessierten können gucken, wie wir miteinander umgehen. Da wird sich auch gestritten, also es ist schon real. Diese drei Stufen meine ich, harte Fakten zuerst, dann kommen mit dem Brunch weiche Fakten dazu, und dann lernen sie noch die Gruppendynamik in den Arbeitssitzungen kennen.

Können die Interessierten dann in den Sitzungen mitreden, oder sollen die nur zugucken?
Also rein praktisch reden die eher wenig. Die staunen eher und sind neugierig. Die wollen ja eigentlich sehen, wie wir ticken. Und die gucken interessiert zu.

 


Die größte Angst ist ja, dass jemand nur eine Wohnung haben will, und die ist berechtigt.

 

Ich verstehe es so, dass ihr euch zeigen wollt, damit die Interessierten Information bekommen, um sich entscheiden zu können, ob sie bei euch mitmachen wollen, oder nicht. Was ist denn umgekehrt, wie kommt ihr denn an Information über die Interessierten, damit ihr entscheiden könnt, ob ihr jemanden aufnehmen wollt oder nicht?
Da gibt es auch harte und weiche Fakten. Die harten Fakten sind erstmal, können die sich das überhaupt leisten? Haben die ein Einkommen, dass sie die Miete bezahlen können und den Investitionsbeitrag? Also wir müssen ja insgesamt 36 Euro pro Wohnquadratmeter investieren. Haben die eine Haftpflichtversicherung?… wenn hier etwas kaputt geht, im Gemeinschaftsraum oder so… das war für mich so ein Wendepunkt, als ich mitkriegte, wie viele Leute keine private Haftpflichtversicherung haben und wie intensiv man sich teilweise um diese Leute kümmern musste, damit sie eine abschließen.

An welcher Stelle fragt ihr diese Daten ab?
Sobald der Interessent eine Wohnung haben will. In den Verein kommt man relativ leicht. Sobald es aber um eine Wohnung geht, werden diese harten Fakten abgefragt, und es wird auch ein Eindruck eingeholt. Es gibt eine Einzugsgruppe, die trifft sich privat in einer Wohnung mit den Interessierten und redet mit ihnen, befragt sie, kriegt einen persönlichen Eindruck. Da spielt natürlich sowas wie individuelle Fähigkeiten, die jemand mitbringt, immer eine Rolle. Finanzleute sind immer willkommen, Leute, die keine Angst vor Zahlen haben, die gibt es selten.

Aber jetzt habt ihr das Haus doch voll, oder?
Jein. Also wir sind voll, aber wir müssen natürlich damit rechnen, dass Leute auch wieder ausziehen. Aus familiären Gründen, beruflich oder weil sie nicht mitmachen wollen.

Das heißt, ihr legt eine Warteliste an.
Ja, und da geht es ja ähnlich weiter. Wir haben aber noch nicht erarbeitet, wie die Warteliste genau aussehen soll. Wir haben Leute in Warteposition, die im Verein sind, aber keine Wohnung haben wollten, die sich noch nicht trauen, die zögernd sind. Wir haben eine Frau, die kurzfristig in Leverkusen in einem Wohnprojekt eine Wohnung bekommen hat, aber sie kommt trotzdem regelmäßig zu uns zu den Sitzungen. Also das läuft toll, dass man so ein Umfeld hat, was interessiert mit dabei ist, aus dem man im Fall eines Falles sehr schnell jemanden rekrutieren könnte.
Die größte Angst ist ja, dass jemand nur eine Wohnung haben will, und die ist berechtigt. Ich selber bin sehr erstaunt darüber, welche Rolle die Wohnung an sich spielt. Also Leute, von denen ich glaube, dass sie ganz bewusst in ein Wohnprojekt ziehen, ziehen unter Umständen nicht ein, weil ihnen die Wohnung nicht passt und verzichten dann auf die ganze Gemeinschaft, weil die Wohnung nicht die richtige ist. Ich kann das beurteilen, denke ich, weil ich habe ja lange auf diese Wohnung warten müssen. Ich hatte als Alternativwohnung eine im Erdgeschoss, ich wollte auf keinen Fall im Erdgeschoss wohnen, hätte diese Wohnung aber genommen. Das habe ich auch öffentlich gemacht, und da habe ich auch zu gestanden, ich wollte hier rein!

Weil dir die Gemeinschaft wichtiger war als die Wohnung?
Genau.



Gemeinschaft beinhaltet ja, man wird gestört…

 

Würdest du sagen, dass es eher wenige sind, die die Gemeinschaft höher einschätzen als die Wohnung?
Ja. Maximal 20 Prozent geben der Gemeinschaft Priorität. Ich habe das ja selbst gemerkt, ich bin dann ja reumütig wieder hierher gekommen. Meine damalige Entscheidung vor 2 Jahren, hier nicht hinzuwollen, weil mir der Ort nicht gefiel, diese Entscheidung war Käse. Also die Gemeinschaft ist wichtiger als der Ort oder die Wohnung.
Aber ich will noch was zu den 20 Prozent sagen. Auf die Zahl bin ich gekommen, weil sich das beim Einzug zeigt. Nachdem ich in meinem ersten Projekt vor 10 Jahren den Einzug mitgemacht habe, den Erstbezug des Hauses, habe ich mir geschworen, das machst du nie wieder. Du gehst dahin, wenn die 3 Jahre da wohnen, frühestens. Dann ist die Arbeit nämlich getan. Und in dieser Phase, da hat sich diese 20/80 Regel gezeigt. 80 Prozent der Leute verschwinden und werden nicht mehr gesehen und kümmern sich nur noch um ihre Wohnung. Ausschließlich. Und sie sagen auch: Wenn meine Wohnung perfekt ist, dann komme ich raus und kümmere mich um Gemeinschaftssachen. Und 20 Prozent, das ist ja naturgemäß und in der Regel der Vorstand und sein Umfeld, die kümmern sich um die Gemeinschaft. Die vernachlässigen ihre privaten Angelegenheiten und bauen zum Beispiel den Gemeinschaftsraum auf. Das habe ich hier im Haus zusammen mit Martin gemacht. Wir haben hier unseren Urlaub verbracht, Martin und ich, indem wir den Gemeinschaftsraum vor dem offiziellen Einzug in die Lage gebracht haben, dass, während wir alle einziehen, der schon gleich benutzt werden kann. Und das Gegenteil sind eben Leute, die den Umzug schnell über die Bühne bringen und dann in Urlaub fahren. Also gerade die Phase, in der die Gemeinschaft sich findet, wo unheimlich viel zu tun ist, wo unheimlich viel Hilfe gefragt ist, wo man sich kennen lernt und sich gemeinsam erlebt in diesen provisorischen Verhältnissen. Keiner weiß, wo er was finden kann, viele können noch gar nicht kochen, das finde ich mit die interessanteste Phase. Aber es geht natürlich auch an die Grenzen, also da ist man erschöpft. Da wird dann auch regelmäßig Alkohol getrunken, Sekt oder so, weil man sich freut. Jedesmal wenn jemand einzieht, stößt man wieder an, dass der Nächste da ist. Und da zeigt sich das ganze Extrem, wer an der Gemeinschaft hauptsächlich interessiert ist.
Mich hat das hier sehr beeindruckt. Leute aus der Gruppe, die noch nicht einziehen, sondern erst einen Monat später, kommen noch nichtmal gucken. Also ich wäre am nächsten Tag schon da, ich wäre neugierig, was geht hier ab. Das ist ja Abenteuer pur wenn ein neues Haus bezogen wird. Die Hälfte funktioniert nicht… am Anfang fiel auch schonmal die Heizung aus… alles ist schmutzig… die Bauarbeiter sind noch an irgendeinem Ende am arbeiten, und man zieht in eine Gemeinschaft, die man vorher nie hatte, in ein unfertiges Gebäude. Also wochenlang den Gemeinschaftsraum auszubauen, das war für mich auch, das Gebäude in Besitz zu nehmen. Wir haben es gestaltet, wir haben da eine Küche reingebaut, wir haben uns im Gemeinschaftsraum irgendwann zuhause gefühlt, bevor wir hier überhaupt gewohnt haben. Da liefen hier noch die Arbeiter rum, wir waren genauso schmutzig wie die, wir sind dieselben Wege zum Müllcontainer gegangen wie die, die haben wahrscheinlich gar nicht alle gewusst, dass wir privat sind.

Sind die anderen aus der Gruppe euch für diese Arbeit dankbar?
Das ist jetzt schwierig zu beurteilen. Die meisten, kann ich sagen, die nehmen es so hin. Und was uns, den Aktiven, immer sehr merkwürdig vorkommt, ist, wenn applaudiert wird. Also ich mag das überhaupt nicht mehr. Das ist die billigste Form davonzukommen. Und es geht sogar soweit, dass einige sagen, die beklatschen sich jetzt selbst.

Jetzt sagst du, du willst den Applaus nicht mehr hören. Was wünschst du dir denn?
Ich vertrete die Meinung, dass jeder den richtigen Ort und die richtige Möglichkeit und den richtigen Zeitpunkt finden muss, dass er selber so aktiv werden kann, dass es für ihn positiv wird und für die Gemeinschaft. Und das ist unterschiedlich. Martin und ich sind Handwerker, er ist ein richtiger und ich bin Hobbyhandwerker. Wir haben die Möglichkeit, die Küche zu bauen, andere Leute können das nicht. Andere Leute können andere Sachen, und die brauchen die richtige Situation, sich einbringen zu können. Ich denke, die richtige Situation kommt für jeden irgendwann.

Und würdest du sagen, die Gruppe sollte das Applaudieren lassen?
Ja, das nervt uns.

 


Hier in diesem Projekt finde ich es supertoll, dass der Vorstand unbedingt gemeinnützig sein will.

 

Jetzt möchte ich nachfragen. Es ist ja sehr großzügig von dir gedacht wenn du sagst, dass irgendwann für jeden und für jede die Zeit kommen wird, in der sie für die Gemeinschaft aktiv werden kann. Aber vielleicht auch nicht. Wer will das wissen. Ich unterstelle dir jetzt mal, dass dir Anerkennung schon wichtig ist.
Ja, ich habe noch ein Beispiel. Es gibt andere Leute, die haben schon jahrelang bevor ich dabei war, den Brunch vorbereitet. Die sind auch jetzt da unten in der Küche zugange, und wenn ich in einer bestimmten Situation dazukomme, finde ich einen gedeckten Tisch vor. Das finde ich super. Also ich kriege auch was zurück, und ich möchte mich aber auch nicht jedesmal bedanken müssen. Und ich würde das auch nicht mit einem Applaus tun, sondern ich würde jemandem persönlich in einer richtigen Situation sagen, das ist super was ihr hier gemacht habt, das sieht toll aus, das schmeckt toll. Ohne Lautstärke, ohne eine Riesenrunde. Von Auge zu Auge. Das hat eine andere Authentizität. Klatschen kann jeder. Wenn die anderen klatschen, klatsche ich mit und weiß, das ist gut so. Und ich weiß womöglich gar nicht, was da grad gesagt wurde. Und es bleiben Leute übrig, die werden nie was machen. Das ist in einer sozialen Gemeinschaft so, das heißt aber nicht, dass die nutzlos sind. Wir sind soziale Wesen. Wir überhöhen uns selber auch dadurch, dass wir irgendwas besser machen als andere. Die, die weniger tun, allein dadurch dass sie da sind, fühle ich mich ja schon besser. Wenn da keiner wäre, der weniger tut als ich, dann wäre ich nicht derjenige, der viel tut.
Aber mir fällt noch was ein, was Dankbarkeit erwarten angeht. Als ich mich beworben habe um die Wohnung, hat Gesine mich öfter angemailt, wir brauchen das noch, und wir brauchen das noch, und da war ich beeindruckt, wie die sich um mich kümmern. Und da habe ich versucht, jedes Mal in die Antwort mit reinzuschreiben, danke für den Service, den du machst. Das ist für mich ein passender Punkt, danke zu sagen. Ich denke mal, viele empfinden das wie so einen Gratis-Service, und das ist ja unheimlich viel Arbeit, die im Hintergrund passiert und die man nicht sieht. Verwaltungsarbeit muss man ja unheimlich diszipliniert machen, da darf man nichts verwechseln. Da kriegt sie manchmal Sachen geschickt, hat sie mir erzählt, die unheimlich schwierig zu bearbeiten waren. Und das ist für mich so ein Punkt, wenn es konkret der richtige Zeitpunkt ist, dass derjenige, der etwas macht, merkt, dass die anderen merken, dass er etwas macht. Es geht da nicht um Bewunderung oder sonst was.

Woher kommt dein großes Interesse an Gemeinschaft, ist Zusammensein mit anderen ein Bedürfnis für dich?
Vielleicht kommt es daher, dass ich mit 6 Geschwistern aufgewachsen bin. Das sind nachher nur noch 4 gewesen, ein Kind ist ziemlich früh gestorben, eins mit 6 Jahren. Die Oma hat mit bei uns gelebt. Um mal einen Sprung hierher zu machen, ab und zu kommt die Tabea und klopft bei mir an die Tür weil sie Langeweile hat. Wir haben jetzt Ferien, ihre Mutter ist berufstätig, sie ist Alleinerziehend, und dann ändere ich blitzschnell mein Programm. Dann steht Tabea da an der Tür und sagt, sie hat Langeweile, das sagt sie so nicht, sie verpackt das so ein bisschen, und dann will sie hier eine Pizza bei mir aufwärmen. Und dann frage ich sie, wo willst du die denn essen, willst du die hier essen? Ja und dann… also es bringt mir Spaß, und ich kann das, ich merke das, ich kann mein Programm ändern. Manchmal wollte ich gerade meinen Mittagsschlaf machen und dann kommt sie an, da muss man tief Luft holen… aber das bringt mir Spaß, da profitier ich von.
Gemeinschaft beinhaltet ja, man wird gestört… ich will grad Mittagsschlaf machen und sie kommt an. Wahrscheinlich hat meine Oma das früher auch gemacht, sie wollte sich ausruhen und ich kam an, und dann habe ich wahrscheinlich auch gesehen, eigentlich hat Oma jetzt etwas anderes vor, aber sie macht es trotzdem. Und ich gebe das jetzt weiter.

Und du fühlst dich gut dabei?
Ja, sehr gut. Wenn der Wilhelm irgendwas hat, etwas neues geschrieben hat und kann nicht abwarten, dann klingelt er hier und sagt, Joachim, kannst du dir das mal angucken, und dann brüten wir darüber. Für mich ist Gemeinschaft auch immer mit einer Aufgabe verbunden. Hier in diesem Projekt finde ich es supertoll, dass der Vorstand unbedingt gemeinnützig sein will. Gemeinnützig sind die Vereine der Projekte ja am Anfang alle, auf dem Papier, und hinterher ist es fast keiner, weil sie sich nur um sich selbst kümmern. Das ist nicht gemeinnützig. Man muss sich auch um andere kümmern und nach außen wirken, und das passiert hier. Der Verein wirkt ins Veedel hinein, wir machen ja auch den Runden Tisch in der Melanchthon Akademie, und das finde ich toll, dass wir nicht nur auf uns gucken, sondern auch auf andere und woanders hingehen als Verein.

Da hat es bei euch mit dem Einzug auch keinen Bruch gegeben in eurer Aktivität, nach außen zu wirken.
Ich denke, der Vorstand hat das konsequent durchgehalten. Wahrscheinlich haben sich einige hier verwundert die Augen gerieben und gedacht: Was soll das denn jetzt? So nach dem Motto: Wir sind doch drin, wir habens doch geschafft!
Ich finde, wir haben hier eine tolle Führungsmannschaft. Die haben die Idee, und die geht über unser Projekt hinaus, und das finde ich toll. Also dass man weiterdenkt. Und das entlastet auch. Also dieses Sich-mit-sich-selbst-beschäftigen kann ja auch zur Nabelschau werden. Da dreht man sich ja auch manchmal im Kreis und ärgert sich immer über dieselben Dinge. Und wenn man nach außen geht, dann sind die Verhältnisse anders. Auch wenn von außen Leute kommen, das ist toll. Also wenn wir eine Beratung machen, andere Projekte kommen ja auch her, das letzte war natürlich sensationell, unser letzter Besuch kam aus Hongkong. Das konnten wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

 


Diese Gruppe hier hat es geschafft, die Störer auszuschließen.

 

Zum Schluss möchte ich dich noch fragen, was ist aus deiner Sicht das Wichtigste, was ein Wohnprojekt braucht, damit es gelingen kann?
Eine starke Führungsmannschaft. Ohne die gehts nicht. Da gibt es bestimmt unterschiedliche Konzepte. Ein Konzept, welches ich meinem vorherigen Projekt empfehlen würde, ist das des Jugendherbergsvaters oder der Jugendherbergsmutter. Jugendherberge wähle ich deswegen, weil es zwar hierarchisch ist, aber sehr wohlwollend. Das beinhaltet für mich das Bild des Jugendherbergsvaters. Der ist nicht militärisch, sondern der muss gucken wann die Grenze erreicht ist, und dann muss er sich auch durchsetzen können. Ansonsten weiß er, die wollen sich amüsieren, und er lässt sie an der langen Leine.
Aber… wir sind ja noch gar nicht auf den „Stinkstiefel“ gekommen… der kommt im Jugenherbergs-Konzept gar nicht zur Wirkung, der kann sich da gar nicht entfalten, der wird da gar nicht auffällig, in seinem eigenen Interesse, als Selbstschutz sozusagen.

Was meinst du mit „Stinkstiefel“, und wie wird jemand dazu erklärt?
Also wenn ein Großteil der Gruppe jemanden als solchen empfindet, dann ist er das. Der stört den Gruppenprozess, man merkt, man kommt nicht weiter, der hakt immer ….

… wollen wir nicht ein anderes Wort nehmen, wollen wir vielleicht sagen, der Störer und die Störerin?…
… okay… ich habe auch eine Störerin erlebt.

Hast du denn in allen Gruppen, in denen du warst, Störer und Störerinnen erlebt?
Ja. Diese Gruppe hier hat es geschafft, die Störer auszuschließen. Die sind nicht mehr dabei. Die vorherigen Projekte haben das nicht geschafft.

Und warst du bei dem Prozess dabei, als hier jemand ausgeschlossen wurde?
Ja.

Könntest du davon berichten?
Also diese Person hat immer mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen, immer mehr gestört und auch immer mehr Energie gebunden. Wir haben uns viele viele Stunden mit dem Thema beschäftigt, und diese Energie fehlt natürlich für was anderes. Man merkt irgendwann, man redet immer wieder über das Thema, und man hat keine Lust mehr und sieht auch keinen Sinn mehr darin, weil auch nichts besser wird.

Also ihr habt auch über die Person geredet, wenn sie nicht dabei war?
Ja, und mit ihr geredet, ich persönlich auch. Mit Wohlwollen. Am Anfang merkt man das ja gar nicht, dass das ein richtig doller Störer wird. Es läuft ständig irgendwas kreuz und quer, und man redet mit den Leuten und versucht Missverständnisse auszuräumen, und irgendwann merkt man, es ist kein Missverständnis, der will auch gar nicht anders als so wie er ist.
Teilweise wollen diese Personen die Regeln grundsätzlich überall ändern, und sie wissen alles besser, und der größte Teil der Gruppe merkt: Nee, das ist nicht gut irgendwie… wenn er weg wäre, würde er keinem fehlen. Da gibt es hier bei uns ein gestuftes Verfahren, was auch in der Satzung festgelegt ist, Leute, die den Vereinszweck stören, auszuschließen, und den Weg sind wir gegangen. Und darüber war ich glücklich. Nicht wegen der Person, sondern zu sehen, dass es das gibt, dass eine Gemeinschaft wehrhaft ist. Das habe ich in vorherigen Projekten nicht erlebt. Dort wurde aus verschiedensten Gründen der Störer oder die Störerin nicht angegangen. Teilweise ist ein Ausschluss tabuisiert, das ist sowieso ein Grundthema in Gruppendynamik. Und teilweise haben sie nicht die Kraft gehabt. Das ist auch wieder ein eigenes Thema. Da sehe ich dann auch den sekundären „Krankheitsgewinn“. Wenn man krank ist, ist der sekundäre Krankheitsgewinn, dass man nicht zur Arbeit muss und die Freunde kommen und betüteln mich… eigentlich ganz gut so. Ich habe natürlich eine Krankheit, aber ich habe auch einen Gewinn dadurch, der mich eventuell daran hindert, wieder gesund werden zu wollen, wieder arbeiten zu müssen und weniger im Mittelpunkt zu stehen. Das, denke ich, haben diese Störer auch. Und die haben auch die Funktion des Sündenbocks. Es ist natürlich schön, einen Sündenbock zu haben. Und das passt einigen auch gut in den Kram, wenn es den gibt. Die Störer haben eine Funktion.

 


Dieses verantwortliche Händeln einer Gemeinschaft, das haben nur ganz wenige.

 

Ich finde es mutig von einer Gruppe, jemanden auszuschließen.
Das ist auch ein Risiko für die Initiatoren. Das sind ja meistens Leute aus dem Vorstand oder die ihm angeschlossen sind. Der erste, der sagt, ich möchte, dass der ausgeschlossen wird, der geht ein Riesen Risiko ein. Wenn einer ausgeschlossen wird, das hat einen unheimlichen Disziplinierungseffekt auf die anderen, die auch gerne mal rumstänkern. Die sehen nämlich… ah, man kann auch rausfliegen… und dann überlegen die sich ihr Verhalten 2-mal oder 3-mal. Und wir hatten auch nach dem Fall nochmal jemanden, dem mitgeteilt wurde, dass er sich überlegen sollte, ob er hier und im Verein richtig wäre. Und danach war Ruhe. Das ging nur, weil vorher vorgeführt wurde, wir sind wehrhaft. Und dafür braucht man eine starke Führungsmannschaft, die den Mut hat und das Risiko eingeht, auch die Prügel zu beziehen.

Aus wieviel Personen besteht hier bei euch diese „Führungsmannschaft“?
Das sind 6 Leute, 7, mehr nicht. Wenn man den Vorstand hier rausnehmen würde, würde hier ein Vakuum entstehen. Dann würden alle wieder versuchen, ihre Ideen durchzusetzen. Die Führungsmannschaft bezieht ja Prügel dafür, weil sie auf Regeln beharrt, die sich bewährt haben, die aber in manchen Situationen unbequem sind.

Gehörst du hier zu dieser „Führungsmannschaft“?
Ja. Ich habe mich nicht so etabliert, weil ich neu da bin. Dass ich dazugehöre sehe ich daran, weil die mich geholt haben, und ich stimme auch mit ihnen überein. In der Schule habe ich auch ein Team, das ich leite. Ich kenne dieses Kümmern und in die Zukunft gucken. Wo führt das hin, wenn wir das jetzt so machen? Was ist in einem halben Jahr oder in einem Jahr? Dieses verantwortliche Händeln einer Gemeinschaft, das haben nur ganz wenige. Viele gucken jetzt gerade… och, kann man das nicht so machen? Regelmäßig hört man auch: lasst es uns doch einfach mal ausprobieren… ein bisschen naiv, finde ich.

Ich danke dir ganz herzlich für dieses Gespräch.

 

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