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Uli und Christel Binder, Initiatoren des Gemeinschaftlichen Wohnprojekts ALTERnatives Wohnen Erftstadt e.V.

Zum Interview trafen wir uns am 18. August 2017 in Erftstadt-Lechenich.

 

 
   


 
Uli und Christel Binder

Vorige Woche habe ich die Projektentwicklerin Lisa Hugger interviewt.
U.B.
Frau Hugger hat ja bei uns auch als Geburtshelferin mitgewirkt. Sie hat damals, vor 11 Jahren, beim Ministerium in Düsseldorf einen Antrag gestellt, damit wir einen Etat zur Verfügung gestellt bekommen, um mit ihrer Unterstützung das Konzept entwickeln zu können.

In welcher Phase war das? Waren Sie damals schon eine Gruppe?
U.B.
Im Prinzip schon. Da gab es schon eine Interessentengruppe. Wir hatten damals dieses konkrete Grundstück in Liblar, das war unser Einstieg. Wir hatten Kontakt zu der Eigentümerin und hatten versucht, das Grundstück zu erwerben, was am Ende aber nicht geklappt hat. Ich hatte zu der Zeit auch schon einen Plan gemacht, einen ersten Entwurf, und auf der Basis hat sich auch die Gruppe getroffen.

Sie, als Architekt, sind der Initiator des Projekts. Und Sie, als seine Frau…
Ch.B.
… ich unterstütze, und ich lebe das jetzt. Er ist der Ideengeber. Ich war insofern immer aktiv dabei, da ich immer fürs Praktische bin. Mein Mann ist der Ideengeber gewesen, und in der Umsetzung bin dann ich gefragt.

Was war Ihr Impuls für dieses Wohnprojekt?
Ch.B.
Der erste Impuls war, dass wir mit Freunden etwas zusammen machen wollten.

U.B. Die Beschäftigung mit dem Thema ist schon viel länger gewesen. Aus verschiedenen Aspekten heraus. Wohnen und Leben im Alter war immer schon ein Thema gewesen. Und es hat sich vor ungefähr 15 Jahren konkretisiert. Meine erste Begegnung mit dem Thema hatte ich schon mit 35, im Büro in Leverkusen, wo ich damals gearbeitet habe. Da hatten wir immer wieder auch mit Projekten zu tun, wie Altenheime entwerfen, und wir haben dabei die gesellschaftlichen Unterschiede kennen gelernt zwischen den Investierenden und denen, die dann dort wohnen und leben sollen. Also hier sparen und dort sollte ein würdiges Leben stattfinden können. Da gab es immer, so finde ich, Diskrepanzen. Ich habe mich damals auch immer mit gesellschaftlichen Randgruppen beschäftigt, und die Alten gehörten damals auch eher zu diesen Randgruppen. Ich bezeichne mich immer noch als Alt-68er, der damals sozialisiert und politisiert wurde und wir die Augen und Ohren offen hatten, gerade für solche Randgruppen.

In den 68er Jahren haben wir ja auch gelernt, wie Selbstermächtigung geht und dass man loslegen kann…
U.B. … ja, nicht zu warten bis von oben etwas getan wird… aus meiner Biografie ist das schon ein Stück weit abzulesen. Das ist auch in verschiedene Projekte gemündet, und das hier ist jetzt das letzte. Es war schon ein großer Kraftakt, das alles auf die Beine zu stellen, und jetzt ist es, denke ich, gut.

Seit wann wohnen Sie jetzt hier?
Ch.B.
Seit 5 Jahren, am 3. Oktober 2012 war die Eröffnung.

Wie viele Wohnungen sind hier im Haus?
U.B.
14.

Und wie viele Menschen wohnen hier?
U.B.
21.

Und wie ist die Altersspanne?
U.B.
Von Ende 50 bis 94.

Und die Aufteilung Paare und Alleinlebende?
Ch.B.
Halb halb.

Und wie ist die Konstellation was Eigentümer und Mieter angeht?
U.B.
Auch etwa halbe halbe. Fast die Hälfte sind Investoren, die nicht selber einziehen wollen, sondern vermieten.


Der Bauträger wurde dann etwas unsicher, weil eben einige aus der Gruppe sich nicht entscheiden konnten. (U.B.)

 

Wie haben Sie das geregelt? Da gibt es doch ganz unterschiedliche Interessen.
U.B.
Ja, da gab es viele Diskussionen im Vorfeld. Diese Sache, dass relativ viele vermietende Investoren als Eigentümer da sind, hängt mit dem Bauträger zusammen und damit, dass dieses Haus damals das erste Projekt war. Als wir wussten, dass wir hier auf dem Grundstück etwas machen können, haben wir das bei den Interessenten im Verein kommuniziert. Es war eine preisliche Vorstellung im Raum, es war der Ort im Raum, und es war eine mögliche Architektur im Raum…

… darf ich mal kurz unterbrechen: Wie war das, hat der Bauträger Sie als Architekten engagiert oder war das klar, dass, wenn die Gruppe das Grundstück nimmt, Sie der Architekt sein werden?
U.B.
Da ich schon über Jahre eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Bauträger hatte, war von Anfang an klar, dass es diese Zusammenarbeit geben wird. Von daher war klar, dass wir die Planung machen können und wir auch die wesentlichen Gruppenmitglieder finden können. Bei den Vereinsmitgliedern, die sich ja auch schon über viele Jahre getroffen hatten und immer wieder enttäuscht worden waren, weil sich wiedermal etwas mit einem Grundstück zerschlagen hatte, war dann sehr viel Interesse und große Begeisterung. Dann haben sich welche sehr schnell entschlossen zu kaufen, und es gab einige, die unentschieden waren und einige, die nicht kaufen, sondern mieten wollten.

Wie sind Sie damit umgegangen, dass einige dabei sein wollten, aber nicht kaufen wollten? War dann sofort klar, dass jemand gefunden wird, der dann die Wohnung kauft und an sie vermietet?
U.B.
Ja. Das war immer ein Aspekt, dass wir gesagt haben: Es gibt auf alle Fälle diese Option, und es hat sich auch herausgestellt, dass das so funktioniert. Wenn es so gewesen wäre, dass alle Wohnungen von Interessenten gekauft worden wären, hätten diejenigen, die gesagt haben wir wollen nur mieten, vermutlich schlechtere Karten gehabt, und sie hätten auf eine andere Gelegenheit warten müssen. Und jetzt kommt wieder die Geschichte mit dem Bauträger, der natürlich nicht genau wusste, wo landen wir denn hier, denn so ein Projekt ist ja Neuland. Wir haben ja hier auch durch die Gemeinschaftsflächen, die mitfinanziert werden müssen, eine etwas andere Konstellation als bei einem üblichen Haus mit Eigentumswohnungen. Und der Bauträger wurde dann etwas unsicher, weil eben einige aus der Gruppe sich nicht entscheiden konnten. Aber es gab andere Leute, die von dem Projekt gehört hatten und wussten, bei diesem Standort kann man eigentlich nichts falsch machen. Und dann hat der Bauträger an Investoren verkauft. Das ging damals sehr schnell. Innerhalb von 14 Tagen war alles soweit, dass es kurz vor den Kaufverträgen gestanden hat.

Ch.B. Uns war das gar nicht so lieb, dass so viele Investoren Wohnungen gekauft haben. Denen hat man auch gesagt: Also liebe Leute, unser Konzept ist, dass das unsere letzte Bleibe ist und aus unserer Wohnung man nur dann raus muss, wenn man sich selbst eine Gefahr ist, sonst kann man hier die letzten Tage seines Lebens verbringen. Das ist unser Konzept. Und Ihr, die Ihr jetzt investiert habt, müsst Euch darauf einlassen, dass Ihr, wenn Ihr selbst einziehen wollt, Euren Mieter nicht rausschmeißen könnt, sondern der hat das Recht, bis zum letzten Tag in seiner Wohnung zu bleiben.

Haben Sie das vertraglich geregelt?
U.B.
Ja, durch einen Kooperationsvertrag. Wir haben ein Papier aufgestellt, mit dem das Verhältnis zwischen dem Verein und den Mietern und Mieterinnen und den Eigentümern festgeschrieben ist. Darin steht, dass der Verein, wenn jemand aus seiner Wohnung rausgeht, die Nachfolge mitbestimmen kann. Wir haben eine Warteliste, und wenn eine Wohnung frei wird, können wir darauf zurückgreifen. Und ein ganz wichtiger Punkt ist der, wenn jemand hier wohnt, dass er auch, wie meine Frau sagte, hier bleiben kann solange er möchte oder bis zum Ende und nicht, beispielsweise wegen Eigenbedarf, gekündigt wird. Das haben wir in die Kooperationsvereinbarungen reingeschrieben, wissend, dass es vermutlich juristisch ein nicht ganz scharfes Schwert ist. Es ist mehr auf einer moralisch/ethischen Ebene angesiedelt. Wir haben mit allen Investoren im Vorfeld sehr offen und deutlich darüber gesprochen. Alle sollten das eigentlich wissen. Wie weit es dann funktioniert, wenn es mal ernst wird, das können wir jetzt noch nicht abschätzen, aber alle wissen Bescheid.

Es gibt in Ihrem Konstrukt also den Verein, die Mieter und Mieterinnen, die Investoren und die Eigentümer, die auch hier wohnen. Sind denn alle, also auch die Investoren, Vereinsmitglieder?
U. B.
Es ist gewünscht, und die meisten sind es auch, bis auf ein oder zwei, glaube ich.

 


Als wir es dann gemacht haben, war der Raum brechend voll, es waren, glaube ich, 80 oder 90 Leute da, und das war diese Initialzündung. (U.B.)

 

Mir scheint, Sie kommen hier gut klar mit dieser Mischung aus Mietern und Eigentümern.
Ch.B.
Ja. Wir erleben hier keinen Unterschied im Haus, wer jetzt Mieter und wer Eigentümer ist.

U.B. Die Situation ist jetzt so wie sie ist, und es funktioniert. Die investierenden Eigentümer sind mit im Boot. Es gibt ja die verschiedenen Gremien, wie die Eigentümerversammlung, die Hausverwaltung, das ist die juristische Ebene. Dann haben wir die Hausversammlung der Hausgemeinschaft, wo auch nur die dabei sind, die im Haus wohnen.

Was ist mit den Mieten, sind die alle gleich?
U.B.
Die sind gleich. Dazu haben sich die vermietenden Eigentümer in den 14 Tagen, in denen sich die Kaufverhandlungen damals abgespielt haben, getroffen und ausgemacht, wie sie sich das vorstellen, damit es keine Mietpreisunterschiede im Haus gibt.

Wer hat die Entscheidungen getroffen, wie die Wohnungen baulich gestaltet werden, die Mieter oder die Eigentümer?
Ch.B.
Jetzt kommt etwas Entscheidendes hinzu, was wahrscheinlich einmalig ist und mit meinem Mann zusammen hängt. Als dann die Gruppe derer, die von unserem Verein einziehen wollte, feststand, hat mein Mann die Leute befragt und Sonderwünsche mit aufgenommen.

Sonderwünsche der Eigentümer…
U.B.
… der Käufer, die einziehen wollten, oder auch der Mieter, wenn sie schon bekannt waren. Damals standen etwa 75 Prozent der Leute fest…

… also mussten sie noch Leute suchen, die hier mieten wollen…
Ch.B.
… und die dann auch von außen kamen.

Jetzt interessiert mich noch, wie das mit den Vereinsmitgliedern war. Ich habe die Zahl 40 im Kopf, wieso wollten denn dann nur so wenige davon einziehen?
U.B.
Zu dieser Zeit hatte der Verein 40 oder 50 Mitglieder. Nein, die wollten nicht alle wohnen. Eine ganze Reihe war dabei, die die Thematik interessant fanden…

Ch.B. … sich selbst aber noch zu jung fanden…

U.B. … die haben gesagt: wir finden das gut, und wir unterstützen das, soweit wir können, aber sie wollten nicht selbst einziehen. Und dann war es so, dass in der Tat, als planerisch festgestanden hat, was hier an Wohnungen möglich ist, und wie dann die Konstruktion stand, zwischen Eigentümern, Selbstnutzern, Mietern und Investoren, als dieses Puzzle feststand war es so, dass 3, 4 Wohnungen noch nicht belegt waren.

Die waren dann aber schnell belegt, oder?
Ch.B.
Jaja.

Wenn ich Ihnen zuhöre, finde ich es ja sehr mutig, was Sie sich da getraut haben. Da sind ja so viele unterschiedliche Interessen im Spiel. Was glauben Sie, wieso es funktioniert hat? Was ist aus ihrer Sicht das wichtigste Kriterium?
U.B.
Aus meiner Sicht war das Wichtigste, dass dieses Thema damals zu der Zeit auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Wohnen im Alter unter dem Oberbegriff Gemeinschaftliches Wohnen war damals… ich gehe jetzt nochmal zurück auf die Anfänge vor 11, 12 Jahren, als wir damals diese Versammlung in der Volkshochschule hatten … die haben erzählt, dass sie ein oder zwei Jahre vorher zum selben Thema etwas gemacht hatten, und da waren, glaube ich, 10 oder 11 Leute da gewesen. Als wir es dann gemacht haben, war der Raum brechend voll, es waren, glaube ich, 80 oder 90 Leute da, und das war diese Initialzündung.

Ch.B. Das hatte auch etwas mit uns beiden zu tun. Mein Mann hatte hier schonmal mit Freunden ein „Schaufenster" ins Leben gerufen, eine kleine Galerie als Treffpunkt für Kunst- und Kulturinteressierte, und ich hatte den ersten Elterninitiativ-Kindergarten. Und die Eltern, die ihre Kinder in meinen Kindergarten brachten, kannten mich, die Leute, die zum „Schaufenster" gingen, kannten ihn und uns, und das war natürlich auch ein Kriterium.

U.B. Und die Personen, die uns aus früheren Initiativen kannten, waren ja auch mit gewachsen und jetzt alle in dem Alter, wo ich fand, man könnte sich ja mal Gedanken darüber machen, wie es im Alter sein wird.

Das klingt, als wäre Vertrauen in Sie beide da gewesen. Ich glaube ja, dass dort, wo es um Gemeinschaft geht, Vertrauen eine ganz große Rolle spielt. Würden Sie dem zustimmen?
Ch.B.
Ja, und auch das Wesen meines Mannes…

U.B. … ich denke, das war der Punkt gewesen, dass sich daraus eine Gruppe entwickelt hat, die sich dann regelmäßig getroffen hat und sich noch mehr kennen gelernt hat und im Lauf der Jahre auch vieles miteinander unternommen hat. Das war eine Basis. Und es hat sich herausgestellt, dass es eine tragfähige Basis war.

Wie oft haben Sie sich getroffen?
Ch.B.
Anfänglich jeden 2. Monat.

U.B. Das wurde dann monatlich, als es konkreter wurde.

Und wo haben Sie sich getroffen?
U.B.
Anfänglich waren wir in Liblar im Rathaus im kleinen Ratssaal, und dann sind wir durch die Hinterzimmer von Kneipen hier in Erftstadt gepilgert.

Haben Sie auf dem langen Weg institutionelle Unterstützung bekommen?
U.B.
Wir haben die Möglichkeit gehabt, mit der Gruppe in den Ratssaal zu gehen, und es gab verbale Unterstützung. Die ideelle Unterstützung war durchaus vorhanden. Wir haben auch gute Gespräche geführt bei der Stadtverwaltung, aber was Grundstücke angeht, da hat auf dem Weg nie etwas funktioniert, das war immer nur auf privater Ebene.


Und es gibt einen im Hause, der dieser alten Dame jeden Morgen ihr Müsli bringt. (Ch.B.)

 

Jetzt springe ich mal in die Gegenwart… am meisten interessiert mich, wie es hier im Haus mit der Gemeinschaft läuft.
Ch.B.
Nach anfänglichen kleineren und größeren Schwierigkeiten… ja, geknallt hat es auch schon. Wir haben uns auch manches Mal gefragt, ob wir eine Mediatorin holen, aber das wollte dann auch keiner. Ich denke, ich gebe ein Beispiel: vorgestern Nacht um 4 Uhr gehts Telefon, ich gehe dran, jemand von unten sagt: Frau K. liegt auf dem Boden. Das ist die älteste Dame hier aus dem Hause, die manchmal hinfällt. Also: Morgenrock an, runter, steht eine weitere Nachbarin da, die unter dieser Dame wohnt, die gehört hat, dass sie ruft und die dann bei der Nachbarin, die unmittelbar neben ihr wohnt, geläutet hat, und die sagt wiederum: Ich habe ja keinen Schlüssel, Binder hat den Schlüssel. Binder geht runter und sammelt die alte Dame wieder ein. Was bedeutet, dass ich jetzt wieder dauernd mit ihr beschäftigt bin und gucke, hat sie alles und so weiter und so fort…

Haben Sie den Schlüssel von allen Wohnungen?
Ch.B.
Im Haus existiert eine Liste, da steht drauf, wer wessen Schlüssel hat. Und wenn es mal sein kann, dass jemand nicht im Hause ist, der den Schlüssel einer anderen Wohnung hat, dann kann man gucken, wer hat denn den Schlüssel von dieser Wohnung, und jeder hat die Liste, und so funktioniert es wunderbar. Und es gibt einen im Hause, der dieser alten Dame jeden Morgen ihr Müsli bringt.

Würden Sie sagen, dass das mit dem gegenseitigen Helfen läuft?
Ch.B.
Ja, das läuft. Und jeder hier im Hause tut irgendwas für die Gemeinschaft. Jeder. Bis auf die alte Dame, die nicht kann. Und dann haben wir noch eine alte Dame, die hier einen Schlaganfall hatte und keiner hat es gemerkt, erst am Mittag. Das hat uns so einen Schock versetzt. Die Dame nebenan hatte sich gewundert, dass der Fernseher so lange läuft und nichts unternommen, und das haben wir dann zum Thema gemacht… alles was uns verwundert, dem müssen wir nachgehen. Zum Beispiel gucken, ob morgens die Läden hoch sind… das hat uns sowas von aufmerksam gemacht und uns ein Stück weiter gebracht. Und diese alte Dame lebt jetzt mit ihrer Polin da unten.

Die Wohnung ist so konzipiert, dass das geht?
Ch.B.
Nein, überhaupt nicht, das ist die kleinste Wohnung im ganzen Haus. Und jetzt schlagen wir einen Bogen. Hier unten hat mein Mann geplant, dass es ein Einzimmer-Apartment gibt, und die Kinder der alten Dame, die gucken mussten wie sie ihre Mutter versorgen, haben gedacht, da könnte die Hilfskraft einziehen. Dieses Einzimmer-Apartment ist neben dem Gemeinschaftsraum.

Und wem gehört dieses Apartment?
Ch.B.
Das gehört dem Verein. Und weil die alte Dame ja in der kleinsten Wohnung lebt, haben ihre Kinde kurz erwogen, für die Hilfskraft dieses Apartment zu mieten, was bislang als Gästewohnung genutzt wird. Da sind wir gerade dran, wie dieses Apartment genutzt werden soll, wenn jetzt mehrere Bewohner Unterstützung brauchen
.

U.B. Ich finde, das ist ein wichtiger Aspekt, weil er schon im ursprünglichen Konzept enthalten ist. Wir vermuten ja, was so auf uns zukommt in Sachen Älterwerden und Pflege, demographischer Faktor. Also die Tendenz ist eindeutig so, dass man für sich selber sorgen muss. Die staatliche Fürsorge wird weniger werden und alles, was da zu erwarten ist, wird vermutlich auf den Einzelnen geschoben, und darauf zu reagieren ist der Hintergrund für das Einlieger-Apartment. Wir haben nicht gedacht, dass wir uns so schnell mit dem Thema beschäftigen müssen. Wir müssen jetzt gucken, wie wir die Hilfe organisieren. Und es geht auch um die Selbstbestimmung, die Würde, und dass die Menschen hier bleiben können ohne Angst und mit einer Versorgungssicherheit.

Ch.B. Und dass die Einzelnen, wie ich zum Beispiel, nicht zu stark eingebunden sind mit Helfen und es nicht über ihre Kräfte geht. Ich würde jetzt in dem Moment eigentlich schon wieder unten sein müssen und der alten Dame das Essen, was gekommen ist, vorlegen.

Das machen Sie sozusagen als Nachbarschaftshilfe.
Ch.B.
Ja, das mache ich als Nachbarschaftshilfe. Und ich ziehe sie manchmal auch aus…

U.B. … das ist eben der Punkt, den wir in den letzten Wochen und Monaten festgestellt haben, dass das über Grenzen hinausgeht. Wir haben damals gesagt: Naja, die gegenseitige Hilfe endet da, wo professionelle Hilfe erforderlich ist. Da hat man da so eine Linie, aber wie das dann im täglichen Leben ist, das stellt sich dann erst raus. Die Pflegedienste sind zum Teil schon hier im Hause und bringen Essen, und es wird auch mehr geduscht, und jemand kommt zum Frühstück-hinstellen.

 


Alle kamen praktisch aus Einfamilienhäusern. Hatten also ihre kleine Welt und ihre Familien. Daraus dann in die Gemeinschaft zu gehen, das bedeutet ja was. (U.B.)

 

Wie wird das mit den Pflegediensten organisiert? Organisiert sich das jede Einzelne für sich?
U.B.
Genau. Das ist so. Wir legen aber auch Wert darauf, mit den Familien, mit den Kindern und den Angehörigen dieses Netzwerk so dicht zu kriegen, dass hier drin keiner durchfällt. Und da ist jetzt ein Aspekt an dem wir gerade dran sind, wir haben mit 2 Pflegediensten Gespräche geführt über die Möglichkeiten einer Kooperation und zu hören, was von da für Anregungen kommen können. Beide fanden es wunderbar, dass wir da unten dieses Apartment haben. Das ist die Vorstellung, dass wir sagen: Wir suchen nach jemandem, der hier mit wohnt, als Teil der Hausgemeinschaft, sozusagen eingebunden ist und Hilfen im Hause einbringt, der durch die Wohnungen geht, der durchs Haus geht und schaut und… ah, was sehe ich hier?… was sehe ich da? Das ist so bei den älteren Menschen, dass der Tagesablauf so verschwimmt, die Struktur so verloren geht. Und dem wollen wir versuchen, soweit es möglich ist, eine Antwort zu geben. Das könnte so aussehen, dass da jemand wäre, der ständig hier ist, also rund um die Uhr da ist, aber natürlich nicht für alles verantwortlich ist. Die Vorstellung wäre, dass sie vormittags dahin geht und vielleicht mit der Person frühstückt, so dass niemand allein vor sich hinmümmelt, und dann auch guckt, wie sieht es in den Schränken aus, wie sieht es auf dem Boden aus, was macht die Küche? Und dann vielleicht beim nächsten Menschen reinguckt. Also so eine empathische Zuwendung gibt.

Wie kann das finanziert werden?
U.B.
Ja, das wird natürlich eine bestimmte Summe kosten, und da haben wir noch keine Lösung für. Da gibt es verschiedene Vorstellungen. Meine Vorstellung wäre, dass man das teilt, also dass alle sich solidarisch beteiligen und sagen, wir haben die Summe X, die im Raum steht, so 2 oder 3 Tausend Euro oder so. Und da es für alle, die hier wohnen, so finde ich, auch wichtig ist, dass es allen gut geht… am Geld sollte es aus meiner Sicht nicht scheitern. Aber daran wird man arbeiten. Das ist jetzt erstmal so von mir in den Raum geworfen, aber da gibt es noch kein gültiges Ergebnis, auf dem wir aufbauen können.

CH.B. Ich stelle es mir so vor, dass mehrere hier im Haus Bedürfnisse haben und dass eine Frau mehrere Bewohner betreut. Und wenn ich mir dann vorstelle, als Bewohnerin, ich hätte eine Polin, die mich unterstützt, dann müsste ich auch monatlich mehr als einen Tausender auf den Tisch legen.

U.B. Durch das Teilen von den Leistungen wird es interessant werden.

Da haben Sie mit dem Apartment gut vorgesorgt.
U. B
. Ja, das ist das gedankliche Gebäude, also die Chancen sind da, die Möglichkeiten sind da. Wie es jetzt umgesetzt wird, da sind alle dran beteiligt.
Ich habe mich ja viel beschäftigt mit niederländischen Beispielen und viele Beschreibungen gelesen, und da wurden viele einzelne Hausgemeinschaften beschrieben, wie es gelaufen ist, wie es gescheitert ist und wie es gut gegangen ist. Und da hatte ich gemeint, ich weiß schon relativ viel und kann mir auch gut vorstellen, wie es funktioniert, und auf dieser Basis habe ich dieses Gebäude, und auch die anderen Gebäude, errichtet. Damit diese eine Möglichkeit bieten, dass darin etwas entsteht und sich entwickeln kann. Ich hatte auch so eine gewisse Vorstellung … also ich habe kein festgelegtes Bild, sondern ich bin einer, der gerne die Prozesse abwartet, die sich so ergeben, und das finde ich jetzt das Spannende hier… mir war klar, dieses Wohnen ist eigentlich etwas ganz Normales, aber auch wieder nicht. Es ist etwas Außergewöhnliches, ich denke, fast alle konnten sich anfänglich nicht so richtig etwas darunter vorstellen. Und jetzt stellen viele fest, was das für eine Qualität hat, was das für eine Wohn- und Lebensqualität hat, in so einer Gemeinschaft zu leben und sich da auch mit einzubringen und da wahrgenommen zu werden. Das ist für mich auch dieser politisch gesellschaftliche Hintergrund. So ein kleines Gemeinschafts-Modell der Entsolidarisierung oder der Atomisierung der Gesellschaft entgegenzustellen, nämlich eine solidarische Geschichte, Empathie zu entwickeln und jemand anderes wahrzunehmen und aufeinander zu zu gehen. So einen kleinen Mikrokosmos zu entwickeln gegenüber der Gesellschaft.



Montags und mittwochs wird da unten gekocht, und um ein Uhr wird gemeinsam gegessen. (Ch.B.)

 

Haben Sie gemeinschaftsbildende Workshops gemacht?
U.B.
Wir hatten damals mit Frau Hugger an einem Samstag einen Workshop mit zwei Schwerpunkten. Ein Mal das Bauliche und der andere war das Miteinander. Das ist natürlich ein schwieriges Thema. Alle kamen praktisch aus Einfamilienhäusern. Hatten also ihre kleine Welt und ihre Familien. Daraus dann in die Gemeinschaft zu gehen, das bedeutet ja was. Und das ist ein schwieriger Prozess, den man sich theoretisch zwar vorstellen kann, aber wir haben dann auch überlegt, wer kann was einbringen, und da gab es unendlich viele Vorstellungen.

Ch.B. Die Wirklichkeit sieht dann anders aus.

U.B. Und da ist es dann mitunter schwierig, weil natürlich lange nicht alle Menschen geeignet sind, in so ein Konstrukt zu gehen und darin zu wohnen.

Aber wer entscheidet das, wer sagt: du bist geeignet und du nicht?
U.B.
Das kann man nur selber entscheiden. Und so haben wir das auch versucht, im Vorfeld zu überlegen, aber wahrscheinlich zu rudimentär. Und da geht es wieder auf den Ausgangspunkt zurück, dass dieses Projekt von der planerischen Seite aus initiiert worden ist und nicht von der sozialpsychologischen.

Was machen Sie gemeinschaftlich zusammen?
Ch.B.
Wir haben gesagt, für die Gemeinschaftsbereiche müssen sich Gruppen finden, die sich dafür verantwortlich fühlen und das Ganze in die Hand nehmen. Das ist ein Mal der Garten, dann der Gemeinschaftsraum und dann dieses kleine Apartment, das geplant wurde für jemanden, der darin wohnen und mehrere hier im Hause versorgen kann. Also gibt es 3 Gruppen, die sich jeweils für ihren Bereich zusammenfinden. Was aber für alle im Haus ist, was aber nur wenige wahrnehmen, ist mittwochs abends ab 19 Uhr. Da trifft sich, wer spielen will. Es gibt mittlerweile eine Skatrunde, und es gibt 6 Leute, die noch andere Spiele spielen, wie Scrabble, Rummy und Bingo und alles, was wir so haben. Montags und mittwochs wird da unten gekocht, und um ein Uhr wird gemeinsam gegessen.

U.B. Nicht alle vom Hause nehmen daran teil, sondern nur so 6 bis 8 Personen…

… nehmen Sie daran teil?
Ch.B.
Ja. Ich hatte eine Putzhilfe, die erzählte, sie hätte mal für Kinder gekocht, und dann habe ich sie gefragt, ob sie sich das auch für uns vorstellen könne. Und dann habe ich das mit ihr auf den Weg gebracht. Mittlerweile gibt es das jetzt schon 2 Jahre. Letztes Jahr um diese Zeit war es ein bisschen viel, was ich mir zugemutet habe, und dann habe ich jemanden im Haus gefunden, der diesen Part von mir übernommen hat und mit der Köchin die Pläne macht und einkauft. Es wird vorher besprochen, was es gibt und was wir haben möchten und wie wir es haben möchten.

Könnte man auch mit kochen?
Ch.B.
Man könnte auch mit kochen. Oder wenn unsere Köchin im Urlaub ist, dann heißt es: wer will denn am Montag oder am Mittwoch kochen? Und dann gibt es zum Beispiel einen Herrn hier im Haus, der uns eine Suppe macht… und hinterher gibt es einen Nachtisch oder vorneweg Salat… oder andere kochen etwas.

Und wie machen Sie das mit dem Geld?
Ch.B.
Das ist immer ein bestimmter Betrag, über den auch Buch geführt wird, wovon die Köchin bezahlt und eingekauft wird. Dieser Betrag hat über all die Jahre seinen Bestand gehabt, wir mussten nichts aufstocken.

Wie hoch ist dieser Betrag?
Ch.B.
7 Euro 50. Aber ich sag Ihnen, da gibts zum Essen nicht nur Wasser, sondern da gibt es auch ein Schlückchen Wein.

Und man muss hinterher auch nicht spülen…
Ch:B.
… nein, wir setzen uns an den gedeckten Tisch und stehen hinterher auf.

 


Wir haben auch immer noch im Gespräch, mal etwas in einem anderen Ortsteil von Erftstadt zu machen, vielleicht auch mit etwas preiswerteren Wohnungen. (U.B.)

 

Würden Sie sagen, dass der Gemeinschaftsraum gut genutzt wird?
Ch.B.
Ja. Wir haben auch Ausstellungen und Lesungen. Und das Mobiliar ist zum Teil gestiftet. Allein, dass wir ihn immer zum Essen haben.

U.B. Aber ich stelle ihn mir auch als Verbindung nach außen vor, deshalb ist er auch da unten an der Stelle, das finde ich wichtig. Das ist auch in der Hausgemeinschaft immer wieder ein Thema. Es gibt natürlich Menschen, die mehr Ängste und Bedenken haben und andere, so wie wir, die sagen: wir sind da offen. Deshalb ist auch die Architektur von meiner Seite her eher offen.

Ja, ich habe viel Glas gesehen… das ist für diese Breiten im Parterre eher ungewöhnlich.
U.B.
Ich denke, wir haben da auch Lösungen gefunden, mit verschiedenen Veranstaltungen, die für die ganze Bevölkerung da sind, oder Ausstellungen. Dass wir nicht so abgeschottet, sondern ein Akteur im Quartier sind.

Mich interessiert noch, wie Sie das mit der Finanzierung der Gemeinschaftsflächen geregelt haben.
U.B.
Das ist eine Bruchteilsgemeinschaft. Das heißt jeder Eigentümer hat einen bestimmten Bruchteil vom Gemeinschaftsraum gezahlt, anteilig der Quadratmeter der Wohnung.

Ch.B. Wir haben ja eine Hausverwaltung, und jeden Monat hat man für die Gemeinschaftsräume einen bestimmten Teil zusätzlich zu zahlen, für den Unterhalt, für den Strom, das Wasser und die Reinigung…

…das zahlt jeder Bewohner… also auch die Mieter…
U.B.
Genau. Das wird von dem Eigentümer auf die Miete gerechnet.

Ist es in Ordnung, wenn ich Sie nach dem Quadratmeterpreis frage, den Sie hier bezahlt haben?
U.B.
Ja. Im Schnitt waren es 2.500 Euro pro Quadratmeter. Da ist der Anteil an den Gemeinschaftsflächen mit drin.

Und was zahlen die Mieter pro Quadratmetern an Miete?
U.B.
10 Euro. Und da kommen die Nebenkosten drauf, die sind aber relativ günstig.

Haben Sie besonders ökologisch gebaut?
U.B.
Nein, das könnte ich jetzt nicht erwähnen. Wir haben das gemacht, was erforderlich ist nach der Energie-Einsparforderung. Eine Wärmepumpe auf dem Dach und eine Gas-Brennwert-Therme, das ist inzwischen Standard. Also nichts Außergewöhnliches.

Würden Sie mit demselben Bauträger nochmal bauen?
U.B.
Wir haben ja insgesamt drei Gebäude zusammen gebaut. Das hier war das 1., und dann haben wir noch 2 weitere Gebäude gebaut, dasselbe Konzept und dieselbe Konstellation.

Das heißt: derselbe Verein, derselbe Architekt und derselben Bauträger… wollen Sie noch ein weiteres Projekt machen?
U.B.
Also nicht dringend. Ich selber würde mich nicht mehr groß engagieren, vielleicht nur noch so am Rande. Wir haben gesagt, wenn wir nochmal einen guten Standort finden, aber das ist derzeit nicht absehbar, es ist nichts Konkretes da. Es gibt nach wie vor die Nachfrage von unseren Vereinsmitgliedern, speziell in Lechenich. Lechenich ist deutlich favorisiert gegenüber Liblar. Wir haben auch immer noch im Gespräch, mal etwas in einem anderen Ortsteil von Erftstadt zu machen, vielleicht auch mit etwas preiswerteren Wohnungen. Aber das ist uns bisher nicht gelungen.

Das hat doch mit der Politik zu tun, da müsste doch praktisch die Kommune auf Sie zukommen, oder sehe ich das falsch?
U.B.
Ja, da ist aber nichts zu erwarten.

Ich kann mir vorstellen, dass Sie oft angefragt werden, über Ihre Erfahrungen zu berichten, ist das so?
U.B.
Ja. Im Oktober sollen wir nach Belgien, nach Eupen, gehen.

Machen Sie das gerne, berichten Sie gerne über Ihre Erfahrungen?
U.B.
Auf meine Art kann ich es machen, und insofern mache ich es auch gerne.

Zum Schluss noch eine Frage: Haben Sie es je bereut?
Ch.B.
Nein, keiner hier im Haus, keiner hat es je bereut. Ich könnte an jeder Tür läuten, und hinter jeder Tür steht einer, der mir hilft.

Ich danke Ihnen beiden sehr herzlich für dieses Gespräch.

 

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