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Interview mit Ulrike Bez, Filmemacherin.

Zu unserem Gespräch trafen wir uns am 25. Januar 2017 in wagnis4 in München.

 

 
 
Ulrike Bez

"Wer wagt beginnt" ist der Titel des Dokumentarfilms, den du über das Wohnprojekt wagnis4 gemacht hast, in dem du jetzt wohnst. Wie kam es dazu?
Ich bin 2009 in die wagnis Genossenschaft eingetreten, nachdem ich eine Informationsveranstaltung besucht hatte. Damals habe ich eine alternative Wohnform zu meiner Eigentumswohnung gesucht, da ich im Hinblick auf das Älterwerden nicht mehr isoliert wohnen wollte. Kurz darauf ist die Projektidee zu diesem Haus hier in Schwabing entstanden. Das hat mir absolut entsprochen, dass ich in meinem angestammten Viertel bleiben konnte. Ich habe mich dann dieser Baugruppe angeschlossen, und mit dem Wissen, dass ich ein solches Projekt nur ein Mal im Leben mache, hat es mich als Filmemacherin unheimlich gereizt, diesen Prozess zu begleiten. Auch für die Baugruppe, die filmisch begleitet wird, fand ich es ein vertrauensförderndes Angebot, sich auf eine Filmemacherin einzulassen, die später selber einzieht. Da ist das Vertrauensverhältnis ein ganz anderes. Und ich ahnte natürlich, dass ich einen besonders tiefen Einblick in die Gruppenprozesse haben würde, die ich dann im Film wiederum vermitteln könnte.

Und so habe ich der Projektleiterin Elisabeth Hollerbach von der wagnis eG meine Idee vorgestellt, und als sie dann ihr OK gegeben hat, habe ich 2010 dem Plenum mein Filmkonzept vorgestellt. Darüber wurde dann abgestimmt, und bereits im Herbst 2010, bei unserem ersten Workshop, waren wir mit der Kamera dabei. Das war zu einem Zeitpunkt, als wir das Grundstück noch gar nicht gekauft hatten. Mein Team und ich haben also die Gruppe von Anfang an mit der Kamera begleitet, über die ganzen 4 Jahre natürlich in größeren zeitlichen Abständen. Dadurch, dass ich nah an der Gruppe dran war, konnte ich relativ kurzfristig reagieren, wenn etwas anstand.

Wart ihr damals als Gruppe schon komplett?
Nein überhaupt nicht. Es gab eine Kerngruppe, die im Film zu sehen ist, bei der allerersten Szene mit den Luftballons, wie sie das Grundstück begeht. Diese Kerngruppe ist im Wesentlichen erhalten geblieben. Aber es haben sich dann doch unvorhergesehen und kurzfristig Änderungen innerhalb der Gesamtgruppe ergeben.

Es war so: Anfang 2011 waren wir als Baugruppe eigentlich komplett und auch die Wohnungsbelegung war abgeschlossen. D.h. die Architekten hatten die Wohnungsgrößen nach unseren Anforderungen geplant. Zu diesem Zeitpunkt kam von der wagnis eG die Aufforderung an uns, dass wir jetzt eine verbindliche Absichtserklärung abgeben müssen, die besagt, dass wir definitiv beim Projekt dabeibleiben. Wer nach Unterzeichnung dieser verbindlichen Erklärung wieder aussteigen wollte, sollte dann eine Ausstiegsgebühr zahlen. Von Seiten der Genossenschaft war das verständlich, denn man kann nicht mit einer Gruppe konzipieren, planen und Gruppenbildungsprozesse vorantreiben, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind, solange man befürchten muss, dass die Leute wieder abspringen.

In welchem Moment war das? Hattet ihr da das Grundstück schon gekauft? Und waren da die Architekten schon an Bord?
Die Architekten waren schon an Bord, als wir das Grundstück noch nicht gekauft hatten. Die Stadt München hatte der wagnis eG ein Grundstück in diesem großen Neubauquartier am Ackermannbogen in Aussicht gestellt. Aber ob wir nun genau dieses Grundstück oder ein anderes bekommen würden, das war noch nicht klar. Der erste Workshop, bei dem die Architekten uns die Erschließung des Grundstücks mit Hilfe von Schuhschachteln nahebrachten, war Ende 2010. Da waren zwar die Architekten schon da, aber noch nicht das definitive Grundstück.

Kurze Zeit später hat die wagnis eG dann den Zuschlag bekommen, und dann kam die verbindliche Absichtserklärung. Das hat gruppendynamisch enorm viel verändert. Es sind die Leute ausgeschieden, die sich nicht entscheiden konnten und es sich gerne noch länger offen gehalten hätten. Das war schwierig auf der einen Seite, auf der anderen Seite war es gut. Es hat eine Dynamik von Aus- und Einstieg in Gang gesetzt, sodass kurze Zeit später die Gruppe definitiv und komplett war. Das war die Gruppe, die dann hier auch eingezogen ist.

Wie war das für dich persönlich? War es für dich oder für andere in der Gruppe emotional schwierig, dass dann welche weggingen?
Auf jeden Fall. Weil man sich doch auf die Leute eingelassen und eine Perspektive entwickelt hatte. Es sind auch zarte Freundschaften entstanden, oder man wusste zumindest aus Gesprächen, dass man Übereinstimmungen hatte. Das ist dann schon schwierig, wenn jemand aus so einer Gruppe weggeht, unabhängig davon wie leicht oder schwer man sich tut. Ich bin eher so eine treue Seele, die gleich an eine langfristig Verbindlichkeit denkt.


Ein Nachbar hat die Homepage gemacht, ein anderer die Fotos. Ein großer Glücksfall war Martin Prötzel, der Musiker. Er hat die Filmmusik komponiert.

 

Mich interessiert noch, war es leicht für dich, die Gruppe von deinem Filmprojekt zu überzeugen? Gab es auch Leute, die gesagt haben, ich will in gar keinem Fall darin vorkommen?
Als ich das Konzept im Plenum präsentiert habe, waren alle sehr angetan. Denn sowas hatte es bisher noch nicht gegeben, dass jemand ein Bauprojekt über einen derart langen Zeitraum begleiten wollte. Und alle haben auch zugestimmt. Das hing aber natürlich, wie bei vielen Entscheidungen, die wir getroffen haben, auch von der Überzeugungskraft von Elisabeth Hollerbach ab. Denn sie war der Schlüssel für mein Projekt und für viele andere Initiativen. Mein Filmprojekt war sehr partizipativ angelegt. Jeden Schritt, den ich gemacht habe, habe ich per Email mit der Gruppe kommuniziert: Jetzt drehen wir da und dort. Natürlich war jedem freigestellt, ob er sich vor der Kamera zeigen will oder nicht. Es gab tatsächlich einige, die gesagt haben, bitte von mir keine Großaufnahmen, oder mich eher im Hintergrund behandeln. Und manche konnte ich im Lauf der Dreharbeiten noch überzeugen, d.h. sie haben durch das Beobachten meiner Arbeit Vertrauen gefasst und sich dann doch aufnehmen lassen. Die besten Szenen, die wir gedreht hatten, habe ich regelmässig zusammengeschnitten und auf einen geschützten Youtube-Kanal gestellt mit der Bitte, sich das anzugucken und sich zu fragen, ob es einen gewissen Charme hat und ich es nehmen darf. Das ist mir in der Regel gelungen.

Du hattest dadurch ja eine ganz besondere Rolle in der Gruppe.
In der Rolle der Filmemacherin habe ich viele Gespräche geführt und Kontakte geknüpft, die andere nicht in dieser Intensität hatten. Viele haben mir auch inhaltlich zugearbeitet und mir zugetragen: dieses und jenes findet statt, willst du da nicht mit deinem Kamerateam kommen?

Wie hast du es gemacht? Immer mit Kamera und Ton, also mit 2 Leuten?
Bei kleineren Sachen habe ich den Ton selber gemacht. Das bewährt sich aber grundsätzlich nicht, denn für die Regie muss man den Kopf frei haben. Es ist eine Qualitätseinbuße gewesen, wenn ich neben der Regie noch den Ton selber gemacht habe. Das ist immer zu Lasten des Tons gegangen. Ideal für diese Art Dokumentarfilm ist ein Dreier-Team mit Regie, Kamera und Ton.

Und wie hast du den Film finanziert?
Auch in dieser Hinsicht hat mir Elisabeth Hollerbach sehr geholfen. Es gibt einen wagnisnahen Verein namens Nachbarschaftswerk wagnis e.V. Mit Unterstützung dieses Vereins konnte ich Spenden für den Film sammeln. Da es ein so aussergewöhnliches Projekt ist, haben viele wagnis-Mitglieder, oder auch künftige Mitbewohner, größere oder kleinere Beträge gespendet. Zudem habe ich etwas Geld von einer Stiftung und von der wagnis eG bekommen. Mein Eigenbeitrag ist allerdings sehr hoch, das kann ich ganz offen sagen, es sind 30.000 Euro, die ich da reingesteckt habe. Diese Investition muss ich in den nächsten Jahren erwirtschaften. Machbar ist der Film dadurch für mich geworden, dass ich den Film selber schneiden konnte – ich bin ja gelernte Cutterin. Eine Postproduktion von außen hätte ich nie bezahlen können. Und was auch sehr geholfen hat, ist, dass ich alle Fähigkeiten, die wir hier im Haus haben, zur Verfügung gestellt bekam. Zum Beispiel die Untertitel mit dem Schmetterling hat eine junge Frau aus dem Haus gemacht. Sie ist Broadcast-Designerin und hat mir kostenlos, also ehrenamtlich, diese schönen Untertitel gemacht. Eine andere Nachbarin, Grafikerin, hat die Postkarten und die Plakate gemacht. Das sind alles junge Frauen um die 35. Ein Nachbar hat die Homepage gemacht, ein anderer die Fotos. Ein großer Glücksfall war Martin Prötzel, der Musiker. Er hat die Filmmusik komponiert und die hauseigene Band plus einige Externe zusammengestellt. Die Musikgruppe ist in der Schlussszene des Films zu sehen, in der der Walzer live gespielt wird und alle dazu tanzen.

Ich finde die Musik toll.
Das freut mich und: Ja, mir gefällt sie auch! Die Musik gibt dem Film das gewisse Etwas. Sie hilft auch, Zeitsprünge zu überbrücken und eine Leichtigkeit rüberzubringen. Zum Beispiel bei der Begehung der Baugrube geht der Mann mit der Posaune voran und alle folgen ihm mit Rasseln, Trommeln und Tröten. Das ist eine hinreißende Szene. Das kenne ich übrigens auch von anderen Filmprojekten: wenn es gelingt, den Spieltrieb der Protagonisten zu wecken, machen allen die Dreharbeiten großen Spaß.

Ich habe dann lange bevor der Film überhaupt fertig war von jedem Abschnitt, den wir gedreht hatten, Sequenzen geschnitten und kleine Vorführungen für die Gruppe gemacht und dabei Fragebögen verteilt: was findest du gut, was findest du nicht gut, gibt es irgendwas, was du total bescheuert findest? Ich habe die Protagonisten sehr stark einbezogen, sozusagen das partizipative Bau-Modell der wagnis eG auf die Filmarbeit übertragen.

Es gab auch eine öffentliche Vorpremiere, ein Jahr vor Veröffentlichung des Films für alle Bewohner und ihre Freunde und Bekannten, wo alle einen kleinen Vorgeschmack davon bekommen haben, wie es sich anfühlt, wenn man über die große Leinwand flimmert? Nach dieser Vorpremiere habe ich sehr sehr positive Rückmeldungen zum Film bekommen.


In meinen Filmen ist viel Subtext drin, da schwingt viel Feingesponnenes mit, was nicht ausgesprochen wird.

 

Ich spüre, dass dir das Filmprojekt Freude gemacht hat und immer noch Freude macht.
Ja. Auf jeden Fall. Das war eine wirklich schöne Arbeit. Natürlich kostet es Kraft und viel Zeit. Bei allem, was man in der Vorbereitungsphase und in der Umzugsphase sonst noch so bewältigen muss, war der Film zeitweise etwas, das das Fass beinahe zum Überlaufen gebracht hat. Diese Mehrfachbelastung! Man hat jeden Monat ein Plenum, man hat mehrere Arbeitsgruppen und dann noch die Filmtermine. Ich bin froh, dass der Film jetzt fertig ist. Wir hatten eine tolle Premiere in der Seidl Villa, 2 Premierenvorstellungen mit je 100 Leuten.

Wann war das?
Das war 2016 im Juli. Und danach hatten wir 2 Kinovorführungen, die auch brechend voll waren. Im Anschluß dann noch 7 oder 8 Einladungen von verschiedenen Initiativen, wo ich den Film zeigen konnte. Ich hoffe, dass er nach und nach auf diese Art bekannt wird und sein Publikum findet.

Wenn wir diesen Film in einem Kino in Köln zeigen wollen, wie müsste ich da vorgehen?
Zuerst könntest du das Kino fragen, ob es interessiert ist. Wenn du das Publikum bringst und dem Kino sagst, ich möchte diesen Film an dem und dem Tag zeigen und bringe das Publikum, dann kann das Kino den Film bei mir leihen.

Kann man auch dich dazu einladen?
Ja klar, das geht. Du kannst mich und den Film buchen. Ich würde gerne nach Köln kommen!

Du hast ja auch den Film Töchter des Aufbruchs gemacht.
Ja. Mit „Töchter des Aufbruchs“ bin ich seit 6 Jahren im deutschsprachigen Raum auf Tournee. Ich habe über 400 Vorstellungen gespielt in großen und kleinen Zusammenhängen. Mit der Kurzfassung des Films für Schulen habe ich jetzt eine Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung. Es hat eine sehr lange Phase gebraucht, bis der Film sich durchgesetzt hat. Denn diese Art Filme, die ich mache, sind nicht auf den ersten Blick gefällig und nicht leicht konsumierbar. In meinen Filmen ist viel Subtext drin, da schwingt viel Feingesponnenes mit, was nicht ausgesprochen wird. Das Format „Klassischer Dokumentarfilm“ ohne journalistischen Kommentar ist sehr selten geworden. Es gibt nur noch eine handvoll Leute, die das so machen wie ich.

Um nochmal auf das Haus hier zurückzukommen und auf das Zusammenleben. Wie läuft das so?
Da gab es natürlich die Anfangseuphorie, in der wir jedes Wochenende Feste gefeiert haben und ständig zusammengegluckt sind. Es gab und gibt viele nette kleine Situationen: man leiht sich was, man übernimmt Erledigungen füreinander, man trifft sich nach Feierabend auf einen Absacker… Was mich begeistert, sind die vielen Ressourcen, die eine solche Nachbarschaft und Hausgemeinschaft bietet. Egal, was man anfragt, irgendjemand weiss immer eine Lösung, und das ist phantastisch!

Aber es gab und gibt natürlich auch die Schwierigkeiten. Wir sind ja keine gewachsene Gemeinschaft wie eine Dorfgemeinschaft, die schon lange zusammen lebt. Das Prinzip „Nachbarschaft“ in diesem großen Umfang müssen wir alle ganz neu lernen. Die Anforderungen im Bezug auf die Selbstverwaltung und die Selbstorganisation sind sehr anspruchsvoll. Es braucht Zeit, sich aufeinander einzulassen und jede und jeden so zu nehmen wie er oder sie ist. Ich denke, die Früchte werden die Familien ernten, in 5 oder10 Jahren.

Du glaubst, dass es so lange braucht?
Ja. Und ich glaube auch, dass bestimmte Hürden mit der Zeit einfach wegfallen werden. Nicht integrierbare Strömungen werden aussterben, weil sie keine Grundlage mehr haben werden. Das ist eine ganz subtile Entwicklung. Manche Konflikte werden einfach deswegen nicht mehr stattfinden, weil sich niemand mehr dafür interessiert. Ich hoffe zumindest, dass Gespräche über so genannten „Kinderlärm“ irgendwann mal obsolet werden, weil niemand sie mehr pflegt. Die guten Leute gehen dahin, wo das Leben ist, wo Leichtigkeit ist und wo man auch miteinander Quatsch machen kann. Hier gibt es - zum Glück nur wenige - Leute, mit denen kann man keine Kontroverse führen, weil sie dann nicht mehr mit einem sprechen. Die können gar nicht unterscheiden, ist das jetzt eine inhaltliche Unterscheidung oder eine persönliche. Wenn ich jemandem sage, ich seh das anders, dann kann ich davon ausgehen, dass diese Person mich 3 Wochen schneidet, die ist dann eingeschnappt. Das ist leider unproduktiv. Ich suche Leute, mit denen ich auch ausprobieren kann, hält mein Argument stand? Ich suche Leute, mit denen ich produktiv streiten kann. Ich sag ja nicht: du bist doof. Ich sag: ich sehe das anders. Ich bleibe ja bei mir. Das sind die Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation. Wenn mein Gegenüber dann sagen kann: aber versteh doch auch dieses Argument, das ist doch auch stark - mit dieser Person geht es dann weiter. Dann gehe ich nachhause und denke: okay, dann muss ich dieses und jenes gegeneinander abwägen. Das sind ja auch eigene Prozesse. Niemand ist ein abgeschlossenes Universum. Wir sind doch alle Lernende in einem riesigen Lernfeld, das sehr anspruchsvoll ist. Zum Glück sind viele gute Leute in unserem Wohnprojekt, und es gibt keinen, mit dem es dauerhaften Stress gibt. Das sind sehr gute Voraussetzungen. Die wahren Helden unserer Gemeinschaft sind für mich übrigens die Familien. Ihre Fähigkeit zu kooperieren und große oder kleine Events auf die Beine zu stellen, begeistert mich immer wieder aufs Neue. Der ganz große Genuss ist für mich, die Kinder heranwachsen zu sehen. Die Kinder, die beim ersten Grundstücksfest 1 Jahr alt waren, sind jetzt 7 – das finde ich einfach grossartig, sie heranwachsen zu sehen!


Wenn zum Beispiel eine Gruppe einen Beschluss braucht, dann formuliert diese Hausgruppe den Beschluss und legt ihn dem zuständigen Haussprecher vor, und dann wird es nochmal im Plenum kurz besprochen und abgestimmt.

 

Seit wann wohnt ihr jetzt hier?
Wir sind 2014 in 3 Stufen eingezogen. Ich bin im Mai mit dem ersten Schwung von ca.12 Parteien eingezogen, dann kamen die nächsten im September, und die letzten dann im November 2014.

Dann seid ihr jetzt zweieinhalb Jahre im Haus. Wie pflegt ihr eure Gemeinschaft? Welche Regeln habt ihr?
Wir haben eine ganz kleine Hausordnung. Die sagt eigentlich nur: wir gehen respektvoll miteinander um, wir trennen den Müll und wir grüßen uns unter allen Umständen. Wir wollten es so minimalistisch, weil wir nicht diese spießigen Hausregeln aufstellen wollten. Natürlich gibt es die üblichen Ruhezeiten, die haben wir aber extra nicht in unsere Hausordnung geschrieben. Zwischen 12 und 14 Uhr ist Mittagsruhe. Das finde ich schon sehr sympathisch, dass wir uns wenige Regeln auferlegt haben.

Wie oft habt ihr Plenum?
Wir treffen uns alle 4 Wochen im Plenum.

Ist es Pflicht daran teilzunehmen?
Nein, aber es ist natürlich erwünscht, und wenn man mitbestimmen will, sollte man hingehen. Wir haben 4 Haussprecher. Jeder Sprecher oder Sprecherin ist für einen bestimmten Bereich zuständig: Hausbewirtschaftung, Finanzen, Kommunikation und Gemeinschaftsräume. Sie bereiten die Plena vor. Wir haben ungefähr 6 Hausgruppen für unterschiedliche Bereiche. Die Beschlussvorlagen für die Plena entstehen in den Hausgruppen. Eine große Gruppe beschäftigt sich mit der Hauskommunikation. Sie bespricht Konflikte und sucht Lösungsmöglichkeiten, und sie bespricht auch die Kommunikation mit den Grundstücksnachbarn, aber auch die Qualität der Kommunikation an sich, und sie organisiert Workshops, zum Beispiel zum Thema Gewaltfreie Kommunikation.

Dann haben wir eine große Hausgruppe Außenraum. Das sind ungefähr 20 Leute, die sich mit der Bewirtschaftung der Wiese und des Dachgartens und all dem Grün beschäftigen. Dann haben wir die Hausgruppe Barrierefrei. Die legt den Finger in die Wunde, wenn zum Beispiel die Laubengänge vereist sind. Denn das ist dann für Leute, die nicht gut gehen können, ein Handicap. Diese Gruppe hat erst neulich einen Aktionstag „Barrierefrei“ veranstaltet. Da konnte man einen Altersanzug anziehen und verschiedene Gehhilfen ausprobieren, und gerade die Jüngeren konnten entdecken, wie es sich anfühlt, sich als alter Mensch zu bewegen. Das war ziemlich gelungen und spektakulär. Dann haben wir eine Hausgruppe, die sich mit unseren Gemeinschaftsräumen beschäftigt und eine weitere, die Feste organisiert. Wenn zum Beispiel eine Gruppe einen Beschluss braucht, dann formuliert diese Hausgruppe den Beschluss und legt ihn dem zuständigen Haussprecher vor, und dann wird es nochmal im Plenum kurz besprochen und abgestimmt.

Und wie wird abgestimmt? Nach dem Mehrheitsprinzip?
Das ist unterschiedlich. Manche Sachen stimmen wir mit Mehrheitsabstimmung ab. Aber Beschlüsse, bei denen es um elementare Dinge des Zusammenlebens geht, da haben wir auch die Möglichkeit zu sagen, diese Entscheidung ist so wesentlich, dass alle sie mittragen müssen. Dann stimmen wir nach dem Konsensprinzip ab. Wir haben Konsens 1a, das heißt, dass alle es wollen, oder Konsens 1b, das heißt, dass diejenigen, die es nicht wollen, die Entscheidung aber mittragen können.

Wenn es um Konsensabstimmungen geht, haben wir auch das Format Hausgespräche. Ein Teil der Hausgruppe Kommunikation hat sich als Mediatoren spezialisiert. Zu einem Hausgespräch werden alle eingeladen, die zum Thema etwas sagen wollen, und dann wird auch viel mit Kärtchen gearbeitet, und jedes Argument kriegt seinen Platz, und dann guckt man, ob man zu dem Thema ein weiteres Hausgespräch braucht und redet in der Regel so lange miteinander, bis das Thema befriedet ist.

Und das macht ihr mit internen Moderationen.
Genau.

Und das läuft?
Das läuft zum Teil sehr gut, manchmal ist es jedoch ein zäher Prozess. Ich will mal ein Beispiel sagen. Am Anfang, als wir eingezogen sind, sind viele Leute von der Strasse, die nicht im Haus wohnen, einfach mit dem Aufzug auf unser Dach gefahren. Da die Aufzüge von außen zugänglich sind, sind sie hochgefahren und haben sich unseren Dachgarten angeschaut. Dann kam natürlich das Thema: wer darf überhaupt aufs Dach, und unter welchen Bedingungen dürfen externe Leute aufs Dach und so weiter. Dazu gab es 2 Hausgespräche und auch eine Empfehlung für eine Abstimmung im Plenum: wir brauchen Schilder wo draufsteht „privat“, damit die Leute überhaupt wissen, dass sie eine Grenzüberschreitung machen. Und als dann nach 4 Monaten die Beschlussvorlage ins Plenum kam, hier und dort müssen Privatschilder aufgestellt werden, wurde das negativ abgestimmt.

Die Hausgruppe Kommunikation war da natürlich so ein bisschen baff. Aber das ist wie in der Politik auch, es muss sehr sauber und sorgfältig kommuniziert werden, was man eigentlich will. An dem Tag waren viele aus der Gruppe nicht im Plenum, oder nur einer, der dann in dem Moment auch nicht schaltet und sich noch mal zu Wort meldet und sagt: hört mal Leute, wir arbeiten jetzt seit 3 Monaten an diesem Thema, das muss jetzt umgesetzt werden. Aber so funktioniert halt Demokratie im Bezug auf Selbstverwaltung. Das müssen wir alle lernen. Wir machen unsere Erfahrungen. Da hilft Humor und auch ein Stückweit Subversion und eine Anarchie, die aus dem Lebendigen selber kommt.

Zum Schluss möchte ich dich noch nach deinem Lieblingsgericht fragen und wie du es zubereitest.
Ich koche am liebsten Kartoffelgratins. Ich schneide die rohen Kartoffeln in dünne Scheiben und mache dann eine Geheimsoße darüber. Zwischen die Kartoffeln lege ich eine Lage Zucchini oder Lauch, und oben drüber kommt ein bisschen Käse. Der Gratin darf nicht pappig werden. Er muss fest sein und knackig. Die Kartoffeln müssen schön dünn geschnitten sein. Und dazu gibt es einen Salat. Das ist das Gericht, was ich am besten kann.

Das Rezept der Geheimsoße würdest du jetzt nicht verraten, oder?
Es ist eine Mischung aus Sahne, Salz, Pfeffer und Rosmarin. Ich lade dich gerne dazu ein, wenn du mal wieder in München bist...

HP Film: www.werwagtbeginnt.de

Trailer & Filmausschnitte: http://bit.ly/2e7SEKQ

HP Uli Bez: www.bezmedien.com

HP Genossenschaft: www.wagnis.org

 
   
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