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Wilhelm Schwedes, Vorstand des gemeinnützigen Vereins Lebensräume in Balance e.V.

Zum Interview trafen wir uns am 15. März 2017 um 11.30 Uhr in Lindlar.

 

 
 
Wilhelm Schwedes

Du bist Initiator des Mehrgenerationen Wohnprojekts von Lebensräume in Balance in Köln und es gibt etwas, das dir besonders am Herzen liegt.
Mir geht es um das Bewusstsein in der Gesellschaft für solche alternativen Wohnformen. Seit ich damit begonnen habe, ist ein Feuer da, so dass ich für das Projekt brenne. Und eigentlich egal, was außen rum passiert und ob es auch manchmal ziemlich hart wird. Dann muss ich mal zwei Nächte darüber schlafen, und dann ist wieder klar, dass ich weitermache.

Ich würde gern mit dem Anfang beginnen. Gab es für dich so etwas wie eine Initialzündung?
Das kann ich nicht sagen. Die Idee vom Zusammenwohnen ist schon da gewesen, als ich 30 war. Als ich bei der Bundeswehr war, haben wir abends unter Freunden zusammen gesessen und überlegt, ob wir nicht irgendwas zusammen machen. Das ging mehr in berufliche Sachen, was bedeutet hätte, dass man sich irgendwie zusammentut. Aber dann kam Familie und Trennung und nochmal Verheiratung, und es schwelte untendrunter immer wieder der Gedanke, da mal etwas zu machen. Und der ist eigentlich vor 13, 14 Jahren konkret geworden.

An was hat er sich konkretisiert?
Also der hat sich daran konkretisiert, dass ich meinen Vater beim Altwerden begleitet habe. Es ging ihm noch relativ gut bis er 90 war. Die letzten 5 Jahre waren dann nicht mehr so gut. Und ich habe gemerkt, dass er sich keine Gedanken macht, wie er mal leben will. Und wenn ich ihn dann gefragt habe, wie er sich denn sein Leben vorstellt, hat er immer gesagt, ich wolle ihm seine Freiheit nehmen, er wolle in seinem Haus bleiben. Und das hat mir große Sorgen gemacht. Ich war auch entsetzt, wie er auf meine Fragen reagiert hat, die eigentlich mehr Sorge um ihn waren. Da ist mir ganz klar geworden, ich nehme jetzt mein Älterwerden in die Hand und werde mich mit anderen zusammentun, und wir werden da was zusammen machen. Da war ich 55, also vor 15 Jahren. Als ich dann 60 wurde, wurde ich von den Freunden gefragt: was hat sich denn in deinem Leben geändert? Und da habe ich gesagt: überhaupt nichts; aber dass ich ab dem nächsten Monat beginnen werde, Leute zu finden, die mit mir ein gemeinschaftliches Wohnprojekt umsetzen.

Nun sagt sich das ja leicht: ich werde ab jetzt Leute finden. Wie ging das denn?
Also einmal im Freundeskreis. Wir waren anfangs 8 Leute. Und dann habe ich den Henning Scherf einen Monat später in Nümbrecht gesehen, wo er einen Vortrag gehalten hat. Und ich habe gegoogelt und einen ersten Kontakt mit Neues Wohnen im Alter in Köln aufgenommen. Aber erstmal hatten wir nur Träume… die grüne Wiese neben dem Dom am Rhein…

Und wo habt ihr euch getroffen? Privat?
Ja. Wir haben uns ein Mal im Monat zusammen gesetzt. Da wurde auch immer Protokoll geführt und die Ideen aufgeschrieben. Es wurde dann auch schon gesagt, dass sich 2, 3 Leute um Grundstücke kümmern und bei Immobilienunternehmen anfragen. Dann haben wir uns überlegt, wie wollen wir das gestalten, wollen wir ein Verein werden? Und wir haben auch über die Rechtsform nachgedacht und mit Trias und der WohnBund-Beratung NRW Kontakt aufgenommen und uns lange lange darüber unterhalten, ob Verein, oder Genossenschaft, oder welche Rechtsform wir wollen.

Habt ihr da diskutiert, hattet ihr unterschiedliche Meinungen?
Ja, es gab unterschiedliche Meinungen. Ich war für Genossenschaft. Bei diesen Diskussionen über die Rechtsform ist mir aufgefallen, dass ich doch bei vielen Angst verspürt habe, wenn es um Genossenschaft ging: jetzt sind wir auf uns geschmissen, jetzt müssen wir das Geld stemmen, wir müssen dafür aufkommen, wir müssen das organisieren, ja gibt es denn da nicht andere, die diese wichtigen Schritte für uns übernehmen können?
Wir haben uns dann gegen eine Genossenschaft entschieden und dafür, mit einem Investor zu bauen und einen Verein zu gründen.

War eure Gruppe damals stabil?
Also wir sind dann ja nachher auf 3 geschrumpft.

Wo sind die anderen 5 geblieben?
Da war ein Paar dabei, die haben geheiratet und sich ein Haus gekauft. Bei den anderen war es dann auch so, dass Partner wieder ins Leben traten und dann eine andere Orientierung da war. Wir hatten auch eine junge Frau, die eine Familie gründen wollte und fand, dass da bei uns nicht so der Raum dazu war. Und so waren wir dann nach anderthalb Jahren drei. Und dann haben wir annonciert, in unterschiedlichen Zeitschriften, und so haben wir dann neue Menschen bekommen.

Seid ihr drei noch im Projekt?
Ja, wir ziehen alle drei ein.

Könnte man sagen ihr seid die Steuerungsgruppe des Projekts?
Im Moment nicht mehr.

Ihr seid es aber gewesen.
Ja, wir waren es. Diese drei haben das Leitbild festgelegt und die Satzung ausgearbeitet und den Kontakt zu unterschiedlichen Projekten gemacht, um uns zu informieren. Also wir haben die grundlegenden Papiere, in welche Richtung das Projekt gehen soll, geschrieben.

Und daran ist auch nichts mehr durch andere, die dazu gekommen sind, verändert worden?
Grundsätzlich nicht. Es wird zwar immer wieder etwas verändert, aber das Grundsätzliche ist geblieben. Für uns war wichtig, dass wir nicht religiös orientiert sind, dass jeder zu uns kommen kann, dass wir eine Toleranz vor der Individualität eines jeden Einzelnen haben. Jede Hautfarbe, Migranten sind gerne aufgenommen, Homo- oder Heterosexuelle sind bei uns willkommen. Das war für uns von Anfang an ganz klar. Es gab auch die Situation, dass Neue, die sich interessierten, gefragt haben, gibt es auch Türken da bei euch im Stadtteil? Und wenn wir dann nachgefragt haben und es wurde gesagt, dass er Probleme habe mit Ausländern, dann haben wir gesagt, dann passt du nicht zu uns in unser Projekt.


Wir haben im Moment so viel Zuspruch von Jüngeren, seit einem halben Jahr sind viele junge Menschen dabei.

 

Wie seid ihr mit dem Thema Alter umgegangen? Seid ihr drei Initiatoren alle im gleichen Alter?
Also Hildegard ist 3 Monate älter als ich und Rita ist 20 Jahre jünger. Wir hatten also von Anfang an diese Altersspanne, die uns auch sehr wichtig ist. Am Anfang war das Problem bei uns, dass eigentlich immer nur Leute kamen, die in dem Alter von Hildegard und mir waren. Und überwiegend Frauen. Männer waren am Anfang wirklich Mangelware.

Darf ich da mal einhaken. Denn es ist grad im Moment in Köln sehr deutlich zu sehen, dass viele ältere Frauen, die allein sind, und gern in einem Wohnprojekt leben möchten, von einer Wohnprojektgruppe zur anderen vagabundieren. Es ist einfach sehr schwer für sie, einen Platz zu finden, denn das Kontingent der älteren Frauen, das ein Mehrgenerationen Projekt bereithält, ist immer ganz schnell voll.
Ja. Also wir sagen dann zu denen: macht euch auf den eigenen Weg. Wir sind bereit, Hilfestellung zu geben und zu erzählen, wie es bei uns gelaufen ist und was schwierig war, so dass die neuen Gruppen vielleicht schneller vorankommen.

Ihr sucht im Moment ja auch ganz gezielt Jüngere. So habe ich es auf eurer Webseite gelesen.
Ja. Also es ist so, dass wir unsere Altersdrittelung aufgehoben haben zugunsten der Plussechzigjährigen. Das ist abgestimmt worden. Wir hatten im Lauf der Zeit unterschiedliche Varianten von Altersdrittelung. Legt man das Alter jetzt bei 65 hin oder bei 60? Wir haben dann gesagt bei 65, weil man da aufhört zu arbeiten, da ist ein Lebensabschnitt zu Ende und ein neuer fängt an. Und dann haben wir auch gesagt, wir nehmen die unter 20jährigen raus. Also bei uns fängt es mit 20 Jahren an und geht bis 90. Und vor zwei Monaten haben wir die Altersdrittelung ganz aufgehoben.

Was heißt das? Wenn jetzt eine 70jährige käme, würdet ihr die jetzt nehmen?
Ja. Im Moment würden wir sie nehmen, wenn sie in die Gemeinschaft hineinpasst.

Macht ihr das, weil ihr euer Haus jetzt kurz vor dem Einzug vollkriegen müsst?
Nein. Wir haben im Moment so viel Zuspruch von Jüngeren, seit einem halben Jahr sind viele junge Menschen dabei.

Das bestätigt, was andere Projekte auch erleben: wenn das Haus im Bau ist und fast steht, dann kommen die Jüngeren.
Ja. Das ist auch bei uns so.

Wie fühlt sich das für dich an? Als älterer Mann, der sehr viel Zeit und Kraft seit Jahren in dieses Projekt steckt, und jetzt, wo fast alles getan ist, kommen die Jüngeren, was löst das bei dir aus?
Mein privater Hintergrund ist ja der, ich habe drei Kinder, und die stehen genau an der Stelle, an der diejenigen stehen, die jetzt ins Projekt kommen. Von daher kenne ich deren Situation ganz genau. Und ich bin ja nicht davon ausgegangen, dass die früher kommen, ich habe es ja nicht erwartet. Ich habe mit meinen Kindern öfter darüber gesprochen, wie sieht das denn für euch aus, wie weit plant ihr? Und da sagen die, ja, wir gucken auf das nächste halbe Jahr, mehr nicht. Vielleicht ist der Hintergrund deiner Frage, die haben ja bis jetzt nicht so viel gemacht und jetzt setzen sie sich ins gemachte Nest. Das ist aber überhaupt nicht der Fall bei mir, überhaupt nicht. Weil ich sehe, die können ja gar nicht anders. Wenn ich mich erinnere, als meine Kinder klein waren. Wir hätten das überhaupt nicht aufbringen können. Meine Kinder waren in der Waldorfschule, da ist sowieso eine enorme Forderung an die Elternschaft, dass sie mitmachen. Ich kann das sehr sehr gut verstehen, dass die erst spät dazukommen. Aber die jungen Familien, die wir jetzt haben, die bringen sich schon gut ein.

Das ist genau das, was andere Projekte auch feststellen, wenn sie dann ein mal da sind, sind es oft die jungen Familien, die viel zur Gemeinschaft beitragen.
Ich wünsche mir, dass die Jungen, wenn die dann so alt sind wie ich, dass die das dann auch weitergeben. Wir legen jetzt den Samen in den Boden.
Wir haben eine schwarzafrikanische Familie bei uns. Wir haben eine Flüchtlingsfamilie aus dem Iran. Wir haben jetzt aus Somalia eine junge Frau mit Kind, die natürlich in prekären Verhältnissen lebt, die zu uns mit rein möchte. Ich habe so das Gefühl es vervielfältigt sich. Man muss gar nicht so powern. Wenn man zeigt, dass man offen ist als Projekt, dann kommen die Menschen auch.


Die eigentliche Entscheidung über die Aufnahme wird dann aber immer noch in der gesamten Gemeinschaft getroffen.

 

Was würdest du sagen, was wichtig ist, wenn man zeigt, dass man offen ist. Was ist es genau?
Was wichtig ist, ist der Inhalt, das, was der einzelne Mensch ausstrahlt, wie wir uns auf dem Brunch geben.

Was meinst du damit, was ist der Brunch?
Wir haben ja 2007 mit den Treffen begonnen und schon in 2008 haben wir begonnen, jeden 3. Sonntag im Monat einen Brunch zu machen. Von 11 bis 14 Uhr. Und jeder, der will, kann mit dazukommen. Das ist keine interne Veranstaltung. Irgendwann mal hat es geheißen, aber es wäre doch auch schön, wenn nur wir unter uns brunchen würden. Aber schnell war klar, der Brunch ist dafür da, dass neue Leute zu uns kommen können und teilnehmen können. Es geht ganz ungezwungen zu. Jeder bringt etwas zu essen mit, und es ist immer ein tolles Büffet da.

Wo macht ihr das?
Das haben wir an unterschiedlichen Orten gemacht. Zur Zeit im Gemeindehaus der evangelischen Kirche in Ostheim. Das Gemütliche läuft dann so bis um halb eins, und dann wird gesagt, jetzt ziehen wir uns in den Nachbarraum zurück, und wer an neuen Interessierten da ist, kann mit dazukommen, und dann stellen wir uns den Fragen und erzählen erstmal. Und dann läuft das so ab, dass die sich auf eine Liste eintragen, und dann bekommen sie von uns eine Begrüßungsmail. Darin senden wir dann drei Anhänge mit, eine Projektbeschreibung, Fragen und Antworten und eine Auflistung, wie das mit den Kosten ist. Damit die auch wirklich gleich von Anfang an wissen, das gibt es nicht umsonst. Es kostet nicht so viel, aber es kostet schon mehr, als wenn man nur eine Wohnung mietet.

Okay, nehmen wir mal an, ich war auf so einem Brunch und habe mich in die Liste eingetragen und kriege dann diese Begrüßungsmail mit den Anhängen. Das lese ich mir dann alles durch und habe aber noch Fragen. Was mache ich dann?
Die Neuen werden sofort mit der Begrüßungsmail zu unserer nächsten Sitzung eingeladen. Jeder 1. Freitag im Monat ist Arbeitssitzung und der 2. Freitag im Monat ist Stammtisch, den haben wir jetzt seit einem knappen Jahr eingeführt. Wo wir dann bei Essen und Trinken erzählen und nicht arbeiten.

Ich habe auf eurer Internetseite gelesen, dass es drei Monate dauert bis ihr euch entscheidet, ob ihr jemanden aufnehmt oder nicht.
Ja, das ist richtig. Drei Monate aktiver Interessent, dann Antrag auf Mitgliedschaft im Verein und dann nochmal drei Monate aktives Mitglied und dann Bewerbung für eine Wohnung. Die Mitgliedschaft im Verein kann man relativ einfach erwerben, das geht mit 50 Prozent der Stimmen. Und Aufnahme in die Hausgemeinschaft und dass man eine Wohnung bekommt, das läuft dann in der Hausgemeinschaft. Darüber stimmen die Rumpfbewohner des Hauses ab, die jetzt schon als Hausbewohner feststehen.

Wie viele Mitglieder seid ihr derzeit Im Verein? Und wie viele Leute ziehen ins Haus ein?
Wir sind zur Zeit 34 Mitglieder im Verein, und 22 der 34 Wohnungen sind fest vergeben, und dabei sind 4 Kinder.

Was sind die Kriterien für eure Entscheidung, jemanden aufzunehmen?
Wir haben ein Einzugsgremium gegründet. Das besteht aus 5 Personen. Davon nehmen immer 3 Personen an einem Gespräch mit dem Bewerber teil. Seit etwa einem halben Jahr gibt es zwei Gespräche. Zunächst ein ausführliches Infogespräch schon in der Zeit, in der jemand noch Interessent ist. Es gibt dann eine 30seitige Broschüre, in der alles drinsteht, was es kostet, wie die Pläne der Wohnungen sind, welche Wohnungen schon belegt sind, wie das Verfahren ist, was an Ausstattungskosten für den Gemeinschaftsraum zu zahlen ist. Diese Unterlagen bekommt dann der Interessent. Wir haben schon lange das Patensystem eingeführt. Der Interessent kann sich einen Paten suchen, der ihn aktiv begleitet und berät. Dann folgt nach Eintritt in den Verein das zweite Überprüfungsgespräch. Wir haben da harte Kriterien und weiche Kriterien. Die harten sind: kann er überhaupt das Finanzielle stemmen, passt er in die Altersstruktur. Und dann gibt es die weichen Kriterien: wie gibt er sich als Mitglied in der Gemeinschaft, bringt er sich ein, ist er bereit, Ämter zu übernehmen, das wird auch alles abgefragt. Die eigentliche Entscheidung über die Aufnahme wird dann aber immer noch in der gesamten Gemeinschaft getroffen.


Uns war auch wichtig, alle, die kommen, gleich zu behandeln. Darum waren wir sehr bemüht.

 

Ich möchte mal kurz meinen Eindruck sagen. Wenn ich dir zuhöre, klingt das alles sehr durchdacht, wie ein Raster. Steht dahinter die Idee, möglichst früh Klarheit und Sicherheit zu schaffen, für beide Seiten?
Ja. Das ist so. Wir sind ja 2012 mit der GAG zusammen gekommen. Und ab diesem Zeitpunkt haben wir das Raster entwickelt. Aber die ersten fünf Jahre war es auch schon so, dass Interessenten drei, vier Monate aktiv sein mussten, um Mitglied zu werden. Das war schon ein relativ langer Vorlauf, und bei Menschen, die nicht so oft da waren, haben wir auch gesagt, die vier Monate sind zwar um, aber wir kennen dich noch nicht, es dauert noch. Und vielleicht haben auch die Menschen selber gesagt, ich will euch noch besser kennen lernen bevor ich Mitglied werde.

Wie habt ihr das personell gelöst. Das ist doch ein sehr hoher Aufwand, das alles durchzuführen. Wer war dafür zuständig?
Einmal die ganze Gemeinschaft, aber dann hatten wir auch die Einzugsgruppe. Die gibt es schon seit Ende 2010. Die haben auch überlegt, wie wir das Verfahren bis zum Einzug gestalten.

Das war ja bevor es ein Grundstück gab.
Ja. Das alles gab es bevor es konkret wurde. In dieser Einzugsgruppe war der gesamte Vorstand und noch zwei zusätzliche Mitglieder.

Wieviel seid ihr im Vorstand?
Wir sind drei ordentliche Vorstände und dann haben wir Beiräte. Im Moment haben wir drei Beiräte. Aus der Einzugsgruppe hat sich das Einzugsgremium entwickelt. Wir haben dann Kriterien und einen Abfragekatalog entwickelt. Uns war auch wichtig, alle, die kommen, gleich zu behandeln. Darum waren wir sehr bemüht.

Ich nehme an, ihr wolltet verhindern, dass nach persönlichen Vorlieben entschieden wird, so nach dem Motto, wer liegt mir jetzt und wer liegt mir nicht.
Ja. Der große Vorteil ist ja, dass nachher in der gesamten Gruppe über die Aufnahmen entschieden wird.

Würdest du zum jetzigen Zeitpunkt sagen, das war genau richtig, wie wir das bisher gemacht haben. Oder siehst du manches auch kritisch?
Grundsätzlich würde ich sagen, das war sehr gut, dass wir da vorgedacht haben. Wo vielleicht ein Nachdenken wäre, wäre die Frage, haben wir alles bedacht damals? Aber grundsätzlich würde ich alles wieder so machen. Das war schon gut, dieser Blick in die Zukunft. Obwohl wir gar nicht wussten, was kommt auf uns zu. Wir haben dann ja auch immer wieder den Kriterienkatalog verändert.

Jetzt interessiert mich aber die Frage: wie habt ihr es geschafft, die Energie für das alles aufrechtzuerhalten über diese lange Zeit, in der noch nichts Konkretes da war?
Oh, das war… nach meiner Meinung liegt das an ganz wenigen Menschen.
Das waren bei uns so fünf, sechs Personen. Wenn die nicht gewesen wären, wäre das Projekt heute nicht da wo es heute ist. Das heißt nicht, dass die alle Arbeit gemacht haben, aber in den kritischen Momenten waren sie da und haben gesagt: wir machen weiter. Das ist das ganz Wichtige. Und im Nachhinein finde ich sogar, dass gerade die kritischen Momente die Stärke unserer Gruppe gewesen sind. Und nicht die Zeit wo alles leicht war. Klar gab es Auseinandersetzungen, und auch heftige Auseinandersetzungen. Und manche sind auch ausgetreten. Also der Schritt nach Ostheim hat bei uns zu einigen Austritten geführt. Einige haben gesagt, ich kann mir nicht vorstellen nach Ostheim zu gehen. Und wir als Gruppe mussten entscheiden, ob wir es trotzdem machen, oder suchen wir woanders. Für diese Entscheidung haben wir uns ein Dreiviertel Jahr Zeit gelassen, bis wir der GAG Bescheid gegeben haben.

Wie seid ihr eigentlich zur GAG gekommen? Oder ist sie auf euch zugekommen?
Da muss ich ein bisschen weiter vorne anfangen. Das Grundstück haben wir uns schon 2009 angeguckt. Da sind Hildegard und ich hingegangene und sind wieder zurück und haben gesagt: Nee! Wir haben die Flieger drüberfliegen sehen, und wir wussten, auf diesem Grundstück soll gebaut werden, aber dann haben wir der GAG 2009 geschrieben, Nee, das können wir uns nicht vorstellen, da können wir nicht hin.

Da hattet ihr also schon Kontakt mit der GAG.
Jaja. Das war eher ein formloser Kontakt. Wir hatten alle Bezirksbürgermeister angeschrieben, haben mit vielen Immobilienunternehmen Kontakt gehabt, mit den unterschiedlichsten Stellen in der Stadtverwaltung, und irgendwie hat uns jemand gesagt, da wird doch die GAG etwas bauen, nehmt doch mal mit der GAG Kontakt auf. Und da haben wir 2009 einfach mal angefragt, wie es ist und wann das soweit sein wird. Und da hat die GAG gesagt, das wird 2015. Und da haben wir gesagt, das ist ja viel zu lang, wir wollen in den nächsten drei Jahren etwas haben. Und dann haben wir es uns aber angeguckt und dann ist nochmal eine andere kleine Gruppe von uns hingegangen und dann haben wir der GAG schriftlich abgesagt. Und davor lag auch noch die Sache, dass wir auf dem Sürther Feld keinen Platz bekommen haben.

Da wärt ihr gern hingegangen?
Da wären wir gerne hingegangen, wir hatten auch einen Investor, die Firma Rheinhaus in Bonn, die auch für die Wahlverwandtschaften in Bonn die Projekte gemacht haben. Mit dem Dr. Norbert Weber, Geschäftsführer von Rheinhaus, hatten wir intensiven Kontakt. Das auf dem Sürther Feld ist daran gescheitert, dass die Stadt gesagt hat, es gibt ein Haus für geförderte Wohnungen und ein Haus für frei finanzierte. Und wir haben gesagt, wir wollen aber gemischt in einem Haus wohnen. Und dann haben wir denen abgesagt. Von 2009 bis 2012 hatten wir noch in Bickendorf bei der evangelischen Kirche ein Grundstück. Wir haben eineinhalb Jahre geplant und hatten schon Architektenpläne, waren mit dem Presbyterium und der Pfarrerin ganz intensiv im Kontakt, und auf einmal hat die Kirche uns gesagt, dass sie uns das Grundstück nicht geben wollten.

Hattet ihr da schon Geld investiert?
Der Investor hatte Geld investiert.


Wir haben bis jetzt als Zweck, was die Gemeinnützigkeit angeht, die Altenhilfe in der Satzung stehen, und wir wollen es erweitern auf Bildungsmaßnahmen.

 

Wie ging es denn dann weiter, nachdem euch das Grundstück abgesagt worden war?
Da war erstmal ein großer Tiefpunkt, und es sind auch einige weggegangen. Und dann kam die GAG auf uns zu, wieder über das Amt für Wohnungswesen. Und dann haben wir uns wirklich ein Dreiviertel Jahr Ostheim angeguckt. Wir haben uns im Eiscafé getroffen, uns dort hingesetzt und haben die Flieger gezählt, die da drüber fliegen und sind auf das Gelände gegangen. Da ist ja auch die Autobahn und die Eisenbahn. Wir haben uns überall hingestellt und geguckt wie laut es ist. Und uns Ende 2012 für den Standort Waldbadviertel in Ostheim entschieden. Wir haben dann 2014 eine Schnitzeljagd durch Ostheim gemacht. Und wir haben viel entdeckt, wovon wir vorher nichts wussten, einen Biobauernhof und alte Gutshöfe, so Vierkanthöfe. Dann haben wir uns mit der Historie beschäftigt und gesehen, dass vor dem Krieg dort ein Flughafen war, und da merkten wir, da steckt ja Historie drin. Und dann haben wir mit Fragen und Bildern eine Schnitzeljagd gemacht, um Interessierte einen ganzen Tag lang durch Ostheim zu führen. Und das Ganze hat dann abends mit einem Fest geendet.

Auf eurer Internetseite habe ich gelesen, dass ihr mit der GAG einen Kooperationsvertrag geschlossen habt.
Ja. Der Kontakt lief über das Sozialmanagement der GAG. Dort gibt es unterschiedliche Abteilungen, es gibt die Abteilung Bauplanung, die guckt, wie wird das gesamte Gelände strukturiert. Und da haben wir mit dem Leiter dieser Bauplanung ganz viel zusammengesessen. Wir, das war der Vorstand und Leute aus unserer Baugruppe.

Habt ihr Leute in der Gruppe mit spezieller Kompetenz, was Bauen angeht?
Nein. Wir sind Laien mit vielleicht ein bisschen Hintergrund. Wir haben nur zur Rechtsberatung einen Fachmann geholt. Und wir haben damals zu der Zeit auch die Frau Hugger als Projektentwicklerin gehabt. Die hatten wir auch schon vorher, als es um das Grundstück in Bickendorf ging. Frau Hugger haben wir aus eigenen Mitteln finanziert. Wir waren bei Neues Wohnen im Alter, und dort hat man uns den Namen genannt. Und als das mit der GAG klar war, da haben wir Frau Schneider seitens der GAG zur Seite gestellt bekommen.

Würdest du sagen, das war gut, Frau Hugger damals dabei gehabt zu haben?
Ja. Das war gut. Frau Hugger schätze ich als sehr kompetent ein. Wir hatten zwischendurch auch die Frage, bleiben wir als Verein gemeinnützig oder nicht, ist das für uns schädlich oder ist es nicht schädlich, weil wir ja ein Projekt machen, was für uns ist, und wie schaffen wir es da mit der Gemeinnützigkeit. Und da waren die Meinungen von Frau Schneider und Frau Hugger sehr verschieden. Frau Hugger hat vertreten: supertoll, bleiben Sie gemeinnützig. Heute ist es für Wohnprojekte, die nur ihr Wohnprojekt machen wollen, nicht mehr möglich, gemeinnützig zu werden. Das hat sich in der Zwischenzeit verändert. Damals, als wir die Beantragung 2010 gemacht haben, war das noch möglich.

Wohnen an sich ist eben keine Begründung für Gemeinnützigkeit. Habt ihr die Gemeinnützigkeit denn noch?
Ja, wir haben sie noch und wollen sie auch behalten. Wir wollen sie jetzt auch erweitern. Wir haben bis jetzt als Zweck, was die Gemeinnützigkeit angeht, die Altenhilfe in der Satzung stehen, und wir wollen es erweitern auf Bildungsmaßnahmen. Wir haben jetzt Erfahrung mit Wohnprojekten und können das weitergeben, und wir wollen vielleicht auch in Richtung Bildungsangebote für Kinder in der Umgebung etwas machen.

Wollen wir nochmal auf die GAG zurückkommen, wie ist das so in der Zusammenarbeit?
Ich finde, dass man die GAG für Wohnprojekte empfehlen kann. Man muss natürlich als Wohnprojekt genau wissen, was man will. Wenn man das in die Hand der GAG gibt, dann läuft es schief. Aber als Kooperation zwischen GAG und einem Verein, der weiß, was er will, ist das ganz gut. Wir haben mit der GAG teilweise sehr sehr gerungen. Weil das Problem mit der GAG ist, was ich aus Sicht der GAG verstehen kann, dass die sagen: wir haben Standardmietverträge, und die gelten auch für die Wohnungen im Projekt. Und der Geist des Wohnprojekts, dass wir zusammen leben wollen, dass wir etwas gemeinsam wollen, dass wir nach außen schauen, dass wir tolerant miteinander umgehen, das steht ja nie irgendwo im Mietvertrag drin. Wenn das aber nicht stattfindet, ist das für ein Wohnprojekt eine Störung des Hausfriedens. Und es steht aber in normalen Mietverträgen nicht drin, was der Hausfrieden in einem Mehrgenerationenprojekt bedeutet. Und darüber haben wir unheimlich lange gerungen. So dass wir jetzt eine Präambel im Mietvertrag haben, in der drinsteht, was uns als Wohnprojekt auszeichnet.


Das ist das, was mir am Herzen liegt. Die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die zukünftigen Wohnprojekte es einfacher haben als wir.

 

Warum braucht ihr diese Präambel?
Weil hinten in einem normalen Mietvertrag drinsteht: Bei Störung des Hausfriedens kann eine Kündigung ausgesprochen werden. Also muss definiert werden, was mit Hausfrieden gemeint ist. Und das ist in einem Wohnprojekt wie unserem etwas anderes, als in einem normalen Mietshaus. Denn wenn man dann einen Stinktstiefel irgendwo drin hat, will man den ja raushaben. Oder wenn die Leute sich garnicht mehr beteiligen. Da haben wir lange gerungen. Wir hatten da auch einen Rechtsanwalt. Da gingen Schreiben hin und her. Die GAG hat gesagt, da lassen wir uns überhaupt nicht drauf ein, sowas gibt es gar nicht. Das ist auch, wo es so hapert. Die Rahmenbedingungen für Wohnprojekte sind andere wie die für ein Mehrfamilienhaus mit guter Nachbarschaft. Und das will die GAG nicht sehen.

Aber glaubst du nicht, dass die auch in einem Lernprozess sind?
Ja, das glaube ich schon. Aber wenn wir nicht dieses Durchhaltevermögen gehabt hätten, und wenn wir nicht mit dem Rechtsanwalt bei denen immer wieder vorgesprochen hätten… wir haben ja drei, vier Schreiben bekommen mit Ablehnungen: Nein, das können wir nicht für Sie machen. Wir haben uns sogar an die Oberbürgermeisterin gewandt. Was natürlich intern einen ziemlichen Aufstand gebracht hat. Wir wären ein Wohnprojekt und würden gern die Rahmenbedingungen verändern und dieses Projekt stabil machen, und wir würden uns sehr freuen, wenn wir Unterstützung kriegen würden, auch damit zukünftig die Wohnprojekte im Kölner Raum stabiler werden. Und wir haben auch geschrieben, dass wir im Moment mit der GAG nicht weiterkommen würden, und wir haben auch einen Brief an den Vorstand der GAG geschrieben, der auch etwas Tumult gebracht hat.

Das bewundere ich! Toll!
Das ist das, was mir am Herzen liegt. Die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die zukünftigen Wohnprojekte es einfacher haben als wir. Manche sagen: Wilhelm, wir wollen hier einziehen, was willst du denn noch mehr? Aber es sind ein paar da, die auch sagen, ja, wir müssen langsam Schritt für Schritt weitergehen. Wir haben jetzt die Präambel. Der Runde Tisch soll anlaufen. Die Stadt will eine Evaluation machen.

Was die Präambel angeht, ist die einzusehen?
Ja. Die kann ich dir schicken. Ich finde, dass das so ein Stückchen ein Meilenstein ist. Und jeder, der bei uns einen Mietvertrag unterschreibt, unterschreibt auch: ich stimme dieser Ausführung ausdrücklich zu. So dass niemand sagen kann, ich habe nichts davon gewusst, dass ich mich aktiv einbringen muss und mich an der Ausstattung der Gemeinschaftsflächen beteiligen muss.

Wie ist das mit der Miete für die Gemeinschaftsräume, wie habt ihr das geregelt?
Das ist auch ein langer Weg gewesen bis dahin. Bei den ersten Wohnprojekten der GAG hat die Stadt Köln den Gemeinschaftsraum für 20 Jahre im Voraus bezahlt. Die Miete wurde der GAG gegeben und damit wurde der Gemeinschaftsraum der Gruppe zur Verfügung gestellt. Das hat dann Köln, wahrscheinlich wegen Geldmangel, eingestellt, und wir fielen dann da raus. Wir haben uns dann überlegt und viel gerechnet und gesagt: wir können ja das Modell Köln übernehmen und unser Verein bezahlt 20 Jahr im Voraus die Miete für den Gemeinschaftsraum. Da hatten wir sogar schon ein Papier mit der GAG gemacht, eine Zusatzanlage zum Kooperationsvertrag, dass der Verein die Miete für 20 Jahre vorausbezahlt. Wir haben das ausgerechnet. Das waren 65 Euro pro Quadratmeter, die jeder im Voraus zahlen musste. Wir haben 2000 Quadratmeter und hätten also 120.000 Euro zahlen müssen, für den Gemeinschaftsraum. Das war viel billiger als die Miete, die wir über 20 Jahre zahlen müssen. Da hatten wir schon Verträge zu, und dann kamen 2015 die neuen Wohnraumförderungsbestimmungen. Und diese neuen Bestimmungen konnte man so auslegen, dass die Miete für die Gemeinschaftsräume über die Einzelmieten eingezogen wird. Und da sind wir dann bei geblieben. Es ist mehr Geld, das jeder Einzelne jetzt zahlt, aber diese 65 Euro im Voraus hätten in gewisser Weise auf Freiwilligkeit beruht.


Ein Mal im Jahr haben wir auch einen Workshop gemacht, der über mehrere Stunden ging, bei einer Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation.

 

Bei so vielen Sachen, die du beschreibst, kommt so eine ungeheure Genauigkeit raus. Was warst du von Beruf?
Ich war Physikprofessor an der Fachhochschule. Ich habe mich in viele Sachen eingearbeitet. Auf die Idee, dass wir statt der Stadt Köln eine Mietvorauszahlung an die GAG machen, das kam schon aus unserem Kreise. Wir haben uns das auch vorher überlegt und mit der GAG verhandelt, wie viel lasst ihr uns denn nach. Wir hätten da schon einiges gespart. Aber wir hätten dann ein anderes Klientel nehmen müssen. Wir hatten vorher auch in der Projektskizze gesagt, wir wollen nur Wohnberechtigungsschein B und frei finanzierte Wohnungen, im Verhältnis 50 zu 50, und wir wollen kein Wohnberechtigungsschein A. Bei WBS-A ist die Einkommensgrenze 18.000 Euro im Jahr, wer drunter liegt bekommt WBS-A. Wir wollten kein WBS-A, denn von dem kann man nicht verlangen, dass er 65 Euro pro Wohnquadratmeter hinlegt, plus Ausstattung für den Gemeinschaftsraum. Wir waren damals bei 110 Euro pro Wohnquadratmeter. Ja und jetzt haben wir WBS-A. Und es gibt deutliche Probleme. Und es gibt auch Probleme, indem sich die Diskussionsebene in der Gemeinschaft verändert. Es wird oft vergessen, dass wir das ja finanziell stemmen müssen. Und wenn sich Leute bereit erklären, ich übernehme eine Bürgschaft, oder ich zahle das für die anderen, dann können die reinkommen.

Wieviel Quadratmeter haben die Gemeinschaftsflächen?
Wofür wir bezahlen müssen sind 114 Quadratmeter, da zählt die Terrasse zu einem Viertel mit, und der eigentliche Raum hat 67 Quadratmeter. Da kommt noch eine Küche dazu und 2 Toiletten, eine Behindertentoilette und eine normale, ein Gästezimmer und ein kleiner Abstellraum. Den eigentlichen Raum, den wir für die Gemeinschaft haben, können wir mit einer Trennwand unterteilen.

Wie hoch sind eure Mieten?
Die freifinanzierte Miete ist 8,75 Euro pro Quadratmeter, und dann kommen 2,85 Euro an Nebenkosten dazu, und die 57 Cent für die Gemeinschaftsräume kommen noch da drauf. WBS-A ist 6,25 Euro und WBS-B 7,15 Euro pro Quadratmeter.
Ich würde gern noch einen ganz wichtigen Punkt ansprechen. Wir haben von Anfang an nicht nur die Schiene verfolgt, wir wollen unser Haus haben und wir wollen das Haus planen, sondern auch: wie können wir Gemeinschaft machen? Wir haben von Anfang an Gewaltfreie Kommunikation gemacht. Ein Mal im Monat immer eine Stunde vor der Arbeitssitzung. Hildegard, die von Anfang an mit dabei ist, hat eine Ausbildung für Gewaltfreie Kommunikation und hat das immer durchgeführt. Ein Mal im Jahr haben wir auch einen Workshop gemacht, der über mehrere Stunden ging, bei einer Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation. Und wir haben seit vielen Jahren festgelegt, dass wir mindesten 2 Mal im Jahr Mediation machen, mit einer Mediatorin. Die ganze Gruppe. Und wenn es Konflikte gibt, gibt es zusätzliche Termine. Wir haben auch schon mal als Vorstand Mediation gemacht. Wir haben auch Supervision im Vorstand gemacht, auch in letzter Zeit, mehr um zu gucken, wie kriegen wir alles auf der Zeitschiene unter, was zu tun ist.

Arbeitet ihr immer mit denselben Trainerinnen, oder wechselt ihr die ab?
Der Supervisor ist ein anderer als die Mediatorin. Wir haben jetzt sogar überlegt, ob wir nicht in den letzten Monaten vor dem Einzug immer einen Mediator bei unseren Arbeitssitzungen dabei haben sollten, um uns zu begleiten.

Aus welchem Grund?
Weil uns die Sitzungsstruktur auseinander läuft. Wir haben Vereinbarungen getroffen, Beschlüsse. Und dann kommt die Bemerkung: ja aber ich sehe das jetzt im Moment persönlich anders. Also die Beschlüsse sind ja nicht in Stein gemeisselt. Beschlüsse kann man ändern, indem man wieder drüber überlegt, eine Beschlussvorlage macht und dann wieder abstimmt. Aber nicht indem jemand reinruft, da bin ich aber jetzt persönlich anderer Meinung. Und das kommt in letzter Zeit relativ häufig vor. Weil die Leute nicht mehr wissen, was wir beschlossen haben. Das ist auch schwierig, das alles im Kopf zu halten.

Meines Erachtens geht es da um einen Kommunikationsstil. Da muss man, glaube ich, gut aufpassen, denn dieses Reinrufen kann sich etablieren.
Ja. Und es kommt dann auch immer wieder von den Leuten, die sagen: Mensch, gut dass da bei uns Leute sitzen, die wissen, was wir mal beschlossen haben. Und wir haben auch einen Ordner, wo alle Beschlüsse drin sind, und man kann auch gleich nachgucken.


Uns war ganz wichtig, dass alle, die in das Haus wollen, an dem Gemeinschaftsraum vorbeikommen müssen, und dass wir uns alle in einem Eingang treffen und nicht aneinander vorbeilaufen können.

 

Ich habe den Eindruck, wie wenn dir das Partizipative Spaß macht, stimmt das?
Ja, das macht mir Spaß. Ich arbeite unheimlich gern im Team. Mir macht das unheimlich Spaß, wenn wir im Vorstand zusammensitzen. Ich ringe auch gern mit anderen. Von anderen wird mir manchmal ausgelegt, du dominierst ja. Dann sage ich: das ist überhaupt nicht mein Anliegen, ich will nicht dominieren.

Du kannst aber verstehen, dass du so wahrgenommen wirst, oder?
Ja, ich kann es gut verstehen. Aber das mit „den anderen Ringen“ heißt ja auch, dass ich von den anderen verlange, klar zu sagen, was sie wollen. Ich fordere heraus. Und das ist manchmal nicht einfach. Und da werde ich schon manchmal heftig…

… wie gehst du damit um?
Och, das trifft mich schon manchmal sehr. Besonders wenn so eine Bemerkung kommt: du bist ein Paragraphenhengst. Und mir liegt eigentlich die Gemeinschaft viel mehr am Herzen. Aber damit muss ich… also ich bin persönlich der Meinung, wenn man sowas macht, muss man es aushalten. Weglaufen bringts nicht. Obwohl ich auch zwischendurch schon mal gedacht habe, es hinzuschmeißen und nicht mehr weiterzumachen. Wir hatten mal eine Strömung bei uns wo es hieß: lass uns doch die Probleme dann lösen, wenn sie da sind. Und das finde ich überhaupt nicht gut. Ich finde, dass es gerade die Stärke einer Gemeinschaft ist, wenn sie im Vorfeld per „Handschlag“ miteinander ausmacht, wie sie miteinander umgehen wird, wenn es schwierig wird. Ich finde es als wahnsinnige Stärke einer Gemeinschaft, sowas sagen zu können.

Also Regeln aufzustellen.
Ja. Es geht um Verbindlichkeit. Ich finde, in einer Gemeinschaft ist Verbindlichkeit ein unheimlich hohes Gut. Für mich ist es ganz wichtig, dass ich mich an die Vereinbarungen halte. Auch wenn es mir schwer fällt. Wir haben ja mal überlegt, ob wir die Hausgemeinschaft als GbR machen. Ich musste mich in dieses Juristische richtig reinknien um zu gucken, was muss man da machen.

Und warum habt ihr keine GbR gegründet?
Das wurde von der GAG abgelehnt. Wir haben überlegt, die Hausgemeinschaft, die wir sind, ist keine juristische Person, die kann also nur durch den Verein vertreten werden. Und wie können wir mit der GAG Vereinbarungen treffen zwischen der Hausgemeinschaft und der GAG. Da wurde der Vorschlag gemacht, von der GAG selber, dass wir eine GbR gründen. Wir haben das dann auch bei denen eingereicht, aber dann wurde es abgelehnt. Ich sehe das auch heute nicht mehr als notwendig an, ich finde es sogar gut, dass der Verein immer noch ein wichtiges Element bleibt. Das ist die Gruppe, die über den Tellerrand der Hausgemeinschaft schaut.

Eine wichtige Frage noch zum Schluss: konntet ihr eigentlich bei den Architektenplänen mitreden?
Ja, wir konnten die Pläne beeinflussen. Wir haben ja ein großes Haus mit 34 Wohnungen, und von der GAG war vorgegeben: 2 Eingänge. Und wir haben gesagt: Wir! Nie! Wir ziehen in kein Haus, wo 2 Eingänge sind. Die Feuerwehr braucht die Fluchtmöglichkeiten, und dem stimmen wir auch zu, aber der 2. Ausgang ist nur von innen zu öffnen. Uns war ganz wichtig, dass alle, die in das Haus wollen, an dem Gemeinschaftsraum vorbeikommen müssen, und dass wir uns alle in einem Eingang treffen und nicht aneinander vorbeilaufen können. Das sind so Sachen, die unserer Meinung nach ganz wichtig sind. Wir konnten auch die Größe der Wohnungen festlegen, und den Mix wie er sein sollte. Also da haben wir sehr viele Möglichkeiten gehabt.

Und war das etwas, was ihr euch erkämpfen musstet, oder war das klar?
Das mussten wir uns nicht erkämpfen. In dem Zusammenhang war die GAG supergut.

Ich würde mich sehr gerne mit dir zu einem 2. Gespräch treffen, nachdem ihr eingezogen seid, so ungefähr in einem halben Jahr. Wäre das okay für dich?
Darüber würde ich mich sehr freuen. Jetzt träumt jeder noch von seiner Wohnung, und dann treffen wir uns vor Ort im realen Projekt. Was wir bis jetzt gemacht haben und was lange gedauert hat, war nur die Vorarbeit. Das eigentliche gemeinschaftliche Leben beginnt erst mit dem Einzug. Da freue ich mich sehr drauf. Dann gehts erst richtig los.

Hier gehts zur Webseite von Lebensräume in Balance e.V.

 

   
 
 
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